Initiative für mehr Verkehrssicherheit

Breisacher Polizist erlebte schweren Unfall - wieso er heute an Schulen davon erzählt

Von Unfällen zu berichten, ist zur Mission geworden: Der Breisacher Polizist Andreas Hoffmann geht dafür regelmäßig in Schulen. Auslöser ist seine eigene Geschichte.

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Von Autor/in Louise Schöneshöfer

Er saß im Auto seiner Kollegen auf der Rückbank, als auf einer Landstraße im Schwarzwald ein Lkw zu schnell um die Kurve kam und umkippte. Direkt auf das Auto. Andreas Hoffmann erinnert sich noch gut an den Tag: den 19. Juli 2010.

Sie fuhren gerade von der Polizei-Fachhochschule Villingen-Schwenningen zurück nach Hause. Sie machten dort ihr Studium zum Aufstieg in den gehobenen Dienst. Und plötzlich passierte der Unfall. "Das ging alles sehr schnell. Ich sah nur noch eine blaue Wand auf mich zukommen. Und dann wurde es dunkel", erinnert sich Hoffmann.

Breisacher Polizist erlebt Ausnahmesituation

Es dauerte einen Moment, bis er realisierte, was passiert war. Er überlegte, ob er verletzt ist: "Ich hab mich angeschaut, aber es ist kein Blut geflossen - und dann kam der Schockmoment."

Da sieht man, wie schnell alles vorbei sein kann.

Andreas Hoffmann blieb unverletzt, aber er war im Auto eingeklemmt. Er fragte sich, wo die anderen seien - hörte nichts. Er war der einzig Ansprechbare im Auto. "Das Ganze verlief dann sehr dramatisch", schildert der Polizist diese Ausnahmesituation. Seine Aufgabe in dem Moment: die Kollegen wachhalten, bis Einsatzkräfte sie befreien.

Ein umgekippter LKW liegt mitten auf der Straße, daneben ein zerbeultes Auto.
Ein Foto vom Unfall im Schwarzwald 2010.

Feuerwehrmänner holten die drei dann aus dem Auto. Hoffmann zuerst, in Gedanken aber noch bei seinen Kollegen, die mit Hubschraubern in eine Klinik gebracht wurden. Später erfuhr er: Sie hatten sich verletzt, aber nicht lebensgefährlich.

Unfall war Auslöser für Präventionskampagne

Und dennoch: Hoffmann musste sich psychologisch behandeln lassen, war lange Zeit krank geschrieben. "Ich habe das für mich mit dem Psychologen verarbeiten müssen", sagt er. Dann habe er seine Erlebnisse auch mit Freunden und der Familie teilen wollen.

"Viele konnten die Geschichte nicht mehr hören, aber ich bin vom Typ her eher extrovertiert und konnte so loslassen." Während der Aufarbeitung stieß Hoffmann auf ein Projekt aus Nordrhein-Westfalen, "Crash Kurs NRW": eine Zusammenarbeit der Polizei und Schulen, bei der mit emotionalen Berichten von Betroffenen gezeigt wird, wie Unfälle verursacht werden.

Nach diesem Unfall habe ich Unfälle zu meinem Thema gemacht. Davon zu erzählen, wurde zur Vision, damit andere die Erfahrung, die ich machen musste, nicht machen müssen.

"Crash Kurs NRW" wird für Andreas Hoffmann zum Vorbild für seine Präventionskampagne. Denn in Baden-Württemberg habe es zu dem Zeitpunkt kein solches Projekt gegeben, erzählt er. Und das wollte er ändern.

Schüler für Gefahren im Straßenverkehr sensibilisieren

Im Jahr 2013 ging sein Projekt an den Start. Das Konzept: Neben Andreas Hoffmann als Polizist sind auch jeweils ein Vertreter der Feuerwehr, des Rettungsdienstes, ein Unfallopfer und ein Seelsorger in einer Klasse, um von echten Einsätzen zu berichten.

Es gehe nicht darum, den moralischen Zeigefinger zu heben, sagt Hoffmann. Schnelles Fahren, Drogeneinfluss oder das Handy als größte Gefahr für Ablenkung im Straßenverkehr werden zwar thematisiert. Aber es gehe vielmehr um die bewegenden Geschichten der Einsatzkräfte vom Unfallort.

Ein Mann in Polizei-Uniform und Brille steht vor einer Klasse am Pult. Vor ihm befindet sich ein Bildschirm.
Neben Andreas Hoffmann als Initiator und Organsator... Bild in Detailansicht öffnen
Ein Mann mit Feuerwehr-Uniform steht in der Schule vor einer Klasse.
... erzählt auch Feuerwehrmann Heinz Gutgsell den Schülern von seinen Einsätzen und Eindrücken an einem Unfallort. Er engagiert sich auch im Seelsorgerdienst der Feuerwehr. Bild in Detailansicht öffnen
Ein Mann in Uniform des Deutschen Roten Kreuzes steht vor der Klasse. Die Schüler auf den Sitzbänken hören gespannt zu, was er erzählt.
Dirk Borgmann, der für das Deutsche Rote Kreuz arbeitet, berichtet von einem tragischen Unfall und auch den Folgen für ihn persönlich. Bild in Detailansicht öffnen
Ein Mann steht mit den Händen in der Hosentasche vor einer Schulklasse.
Und auch Sebastian Gutjahr erzählt seine Geschichte, nach seinem schweren Motorradunfall am Kaiserstuhl - und etlichen Operationen. Bild in Detailansicht öffnen
Ein in Feuerwehr uniformierter Mann steht mit ausgestreckten Armen in einem Klassenzimmer und redet.
Und zum Schluss auch Pfarrer, Feuerwehrmann und Notfallseelsorger Andreas Eisler. Er erzählt den Schülern davon, wie es ist, Todesnachrichten zu überbringen. Bild in Detailansicht öffnen

Hinter der Uniform sind alle Einsatzkräfte auch Menschen

Besuch in der Gewerbeschule Breisach Anfang dieser Woche. "Ihr könnt euch nicht vorstellen, was das menschliche Gehirn mit Bildern macht, die man aufnimmt", sagt Rettungsassistent Dirk Borgmann vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) zu den Schülern, nachdem er von einem Unfall erzählt hat, bei dem ein Mädchen ums Leben kam. Der Unfall nahm auch ihn als Einsatzleiter so sehr mit, dass er drei Monate lang nicht in der Lage war zu arbeiten.

Bilder, Gerüche, Geräusche vom Unfallort: Auch die Uniform schützt die Einsatzkräfte nicht vor diesen Sinneswahrnehmungen. Und oft sind es solche Details, die hängenbleiben. "Hinter der Uniform sind wir alle Menschen", sagt Andreas Hoffmann. Auch das soll den Schülern vermittelt werden.

Größtes Unfallrisiko besteht bei jungen Fahranfängern

"Was sie so erlebt haben, wünscht man keinem", sagt Tino Bossard nach der Stunde im Klassenzimmer. Er macht eine Ausbildung zum Zweirad-Mechaniker. Auch Maxim Göhring durchläuft die Ausbildung. Er hat vor Kurzem eine Freundin bei einem Autounfall verloren. "Zu hören, dass es so krass zugeht, ist nochmal etwas anderes", sagt er. Für ihn war die Stunde eine ziemliche Abschreckung.

Wir wollen euch nicht an einer Unfallstelle begegnen, sondern einmalig und letztmalig - hier in diesem Unterricht.

Die Gewerbeschule Breisach wurde nicht durch Zufall für die Verkehrsprävention ausgewählt. Vor allem junge Männer besuchen die Schule. Sie werden unter anderem zu Mechatronikern und Handwerkern ausgebildet, sind beruflich bedingt viel im Auto unterwegs. Und bei ihnen besteht statistisch gesehen das größte Risiko, an einem Verkehrsunfall beteiligt zu sein. Das zeigen auch Zahlen der Deutschen Verkehrswacht, einem gemeinnützigen Verein. Zwar haben die meisten einen Führerschein. Aber ihnen fehlt die Fahrerfahrung.

Verkehrsprävention hinterlässt Eindruck

Insgesamt mehr als 5.000 Schüler haben die Präventionsstunde schon besucht. In diesem Jahr hat das Projekt von Andreas Hoffmann und seinem Team den Verkehrspräventionspreis Baden-Württemberg erhalten. Der Preis wird seit über 30 Jahren für kreative Ideen vergeben, die den Straßenverkehr sicherer machen und ist mit 1.500 Euro dotiert.

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Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Louise Schöneshöfer
Louise Schöneshöfer, Reporterin im SWR Studio Freiburg.

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