Im Rathaus von Hagnau sind zwei Jahre lang über 70 Bodensee-Radhauben zu sehen. Die Ausstellung "Sonnenköniginnen" erzählt, wie sie zum Statussymbol wurden und wie das fast vergessene Handwerk wiederbelebt wurde. Trachtenvereine tragen Radhauben, in Österreich wurden sie zum immateriellen Kulturerbe erklärt und Liebhaber versuchen sich alte Techniken wieder anzueignen. Was die Bollenhüte für den Schwarzwald sind, ist die Radhaube für die Bodenseeregion. Warum fasziniert diese Kopfbedeckung des 19. Jahrhunderts noch heute?
Die Ursprünge der Radhauben wirken heute noch ferner als die voluminösen Kopfbedeckungen selbst. Als die Hauben im 18. Jahrhundert entstanden, galten für Frauen in Europa noch Bekleidungsvorschriften, vor allem Verbote unbedeckter Haare, erklärt Bernd Saible vom Heimat- und Geschichtsverein Hagnau.
Ausstellung zeigt über 70 Hauben in Hagnau
Der 73-Jährige war Geistlicher, Unternehmer und gehört jetzt zum Team hinter der Ausstellung. Aus der ganzen Bodenseeregion, auch aus Österreich und der Schweiz, haben sie mehr als 70 Hauben zusammengetragen. Die meisten sind Leihgaben von Trachtenvereinen, die aus dem letzten Jahrhundert stammen und durchaus noch getragen werden. Es sind allerdings auch einige besonders alte Stücke und Vorgängermodelle dabei.
Für Nicht-Adlige galten lange Kleidervorschriften. Mit steigendem Wohlstand fanden vor allem reiche Bäuerinnen Wege, ihren Reichtum über die Mode zur Schau zu stellen. Mit immer aufwendigeren Kopfbedeckungen hoben sie sich von den einfachen weißen Hauben ohne Verzierung ab. Die Radhaube war der Endpunkt dieser Entwicklung. Für eine Bodensee-Radhaube war ein stolzer Preis fällig. "Der entsprach einem Gespann mit zwei Ochsen", erklärt Saible.
Seinen Höhepunkt erreichte die Mode der Bodensee-Radhauben erst, als es keine Vorschriften mehr gab, in den 1830er-Jahren. Danach kam die auffällige Kopfbedeckung im Laufe des Jahrhunderts langsam aus der Mode. Nach 1900 war sie so gut wie ausgestorben. Einzige Ausnahme: die Fastnacht, wo Frauen sich mit der Haube auf dem Kopf verkleideten.
In den 20ern des letzten Jahrhunderts kamen die Radhauben zurück
Zurück kamen die Hauben in den 1920er-Jahren, erklärt Bernd Saible. Damals habe es eine Rückbesinnung auf die "gute alte Zeit" gegeben. Tradition und Brauchtum wurden wieder hochgehalten, die ersten Trachtenvereine entstanden. Auch die Nazis vereinnahmten die Tracht inklusive der Radhauben für sich.
Dabei steckt in der Bodensee-Radhaube eigentlich viel jüdische Technik. Die besonders wertvollen Exemplare wurden aus sogenannter Hohlspitze ausgeführt. Das ist eine dem Klöppeln ähnliche Handwerkskunst. Die wurde ursprünglich von sephardischen Juden in Europa verbreitet, sagt Saible. Was in den Gebetsschals von Rabbinern begann, landete irgendwann auf den Köpfen reicher Bauersfrauen in der Bodenseeregion.
Diese Technik ist heute fast ausgestorben. Eine der letzten Klöpplerin, die sie beherrschte, weigerte sich ihr Leben lang, andere Interessierte einzuweihen. Nachdem sie vor 50 Jahren starb, ging ihr Wissen darüber, wie Hohlspitze hergestellt wird verloren, erzählt Saible. In Oberschwaben und in Vorarlberg gibt es aber auch heute Hutmacher, die Bodensee-Radhauben herstellen können. In Österreich lebte auch die Hohlspitzen-Technik wieder auf. Mithilfe der vorsichtigen Untersuchung von alten Hauben wurde rekonstruiert, wie die Drahtgeflechte hergestellt wurden. Seit 2010 wird die Bodensee-Radhaube in Laméspitze, wie die Hohlspitze auch genannt wird, dort als immaterielles Kulturerbe von der Unesco anerkannt.
Den Trachtenvereinen fehlt heute der Nachwuchs
Trotzdem droht die Bodensee-Radhaube nochmal an den Rand der Vergessenheit zu geraten. Vielen Trachtenvereinen fehlt der Nachwuchs. Unter anderem deshalb macht der Hagnauer Geschichtsverein das Thema jetzt präsent. Auch weitere Dokumentationsarbeit über die Techniken und Geschichte der Radhauben hat der Verein geplant.
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Ob kunterbunt, mit Schleifen oder speziellen Mustern - in Lindenberg im Allgäu wurde am Sonntag Hut getragen. Die beste Hutträgerin hat einen besonderen Titel verliehen bekommen.
Wer sich die Auswahl der Hauben ansehen möchte, kann das noch bis zum Herbst 2027 tun. Das Museum ist von Mai bis Oktober Donnerstags und Sonntags von 15 bis 17:30 Uhr geöffnet. Führungen sind auf Anfrage auch außerhalb dieser Zeiten möglich.