Ausstellung in Hagnau

Bodensee-Radhauben: Warum die prächtige Kopfbedeckung noch heute fasziniert

Eine Ausstellung in Hagnau zeigt Radhauben, eine Kopfbedeckung, die zu vielen Trachten rund um den Bodensee gehört. Warum faszinieren diese noch heute? Wir haben die Ausstellung besucht.

Teilen

Stand

Von Autor/in Steffen Mierisch

Im Rathaus von Hagnau sind zwei Jahre lang über 70 Bodensee-Radhauben zu sehen. Die Ausstellung "Sonnenköniginnen" erzählt, wie sie zum Statussymbol wurden und wie das fast vergessene Handwerk wiederbelebt wurde. Trachtenvereine tragen Radhauben, in Österreich wurden sie zum immateriellen Kulturerbe erklärt und Liebhaber versuchen sich alte Techniken wieder anzueignen. Was die Bollenhüte für den Schwarzwald sind, ist die Radhaube für die Bodenseeregion. Warum fasziniert diese Kopfbedeckung des 19. Jahrhunderts noch heute?

Hauben für Kinder im Museum Hagnau
Diese Hauben für Kinder gehören zur Ausstellung "Sonnenköniginnen" im Museum in Hagnau. Steffen Mierisch

Die Ursprünge der Radhauben wirken heute noch ferner als die voluminösen Kopfbedeckungen selbst. Als die Hauben im 18. Jahrhundert entstanden, galten für Frauen in Europa noch Bekleidungsvorschriften, vor allem Verbote unbedeckter Haare, erklärt Bernd Saible vom Heimat- und Geschichtsverein Hagnau.

Ausstellung zeigt über 70 Hauben in Hagnau

Der 73-Jährige war Geistlicher, Unternehmer und gehört jetzt zum Team hinter der Ausstellung. Aus der ganzen Bodenseeregion, auch aus Österreich und der Schweiz, haben sie mehr als 70 Hauben zusammengetragen. Die meisten sind Leihgaben von Trachtenvereinen, die aus dem letzten Jahrhundert stammen und durchaus noch getragen werden. Es sind allerdings auch einige besonders alte Stücke und Vorgängermodelle dabei.

Ein Ausstellungsraum in Hagnau im Bodenseekreis
Die Ausstellung in Hagnau zeigt Bodensee-Radhauben, Teil der traditionellen Tracht in vielen Orten am Bodensee Steffen Mierisch

Für Nicht-Adlige galten lange Kleidervorschriften. Mit steigendem Wohlstand fanden vor allem reiche Bäuerinnen Wege, ihren Reichtum über die Mode zur Schau zu stellen. Mit immer aufwendigeren Kopfbedeckungen hoben sie sich von den einfachen weißen Hauben ohne Verzierung ab. Die Radhaube war der Endpunkt dieser Entwicklung. Für eine Bodensee-Radhaube war ein stolzer Preis fällig. "Der entsprach einem Gespann mit zwei Ochsen", erklärt Saible.

Seinen Höhepunkt erreichte die Mode der Bodensee-Radhauben erst, als es keine Vorschriften mehr gab, in den 1830er-Jahren. Danach kam die auffällige Kopfbedeckung im Laufe des Jahrhunderts langsam aus der Mode. Nach 1900 war sie so gut wie ausgestorben. Einzige Ausnahme: die Fastnacht, wo Frauen sich mit der Haube auf dem Kopf verkleideten.

In den 20ern des letzten Jahrhunderts kamen die Radhauben zurück

Zurück kamen die Hauben in den 1920er-Jahren, erklärt Bernd Saible. Damals habe es eine Rückbesinnung auf die "gute alte Zeit" gegeben. Tradition und Brauchtum wurden wieder hochgehalten, die ersten Trachtenvereine entstanden. Auch die Nazis vereinnahmten die Tracht inklusive der Radhauben für sich.

So werden die Bodensee-Radhauben hergestellt.
In Vorarlberg wurde die Technik der Hohlspitze, oder auch Laméspitz, aufwendig rekonstruiert und kann heute von wenigen Personen wieder gefertigt werden. Steffen Mierisch

Dabei steckt in der Bodensee-Radhaube eigentlich viel jüdische Technik. Die besonders wertvollen Exemplare wurden aus sogenannter Hohlspitze ausgeführt. Das ist eine dem Klöppeln ähnliche Handwerkskunst. Die wurde ursprünglich von sephardischen Juden in Europa verbreitet, sagt Saible. Was in den Gebetsschals von Rabbinern begann, landete irgendwann auf den Köpfen reicher Bauersfrauen in der Bodenseeregion.

Eine moderne Bodensee-Radhaube, die in Österreich hergestellt wurde.
Auch moderne Motive gibt es wieder auf Bodensee-Radhauben, so wie diese mit dem Titel "Bodenseewellen" von Michael Selb. Steffen Mierisch

Diese Technik ist heute fast ausgestorben. Eine der letzten Klöpplerin, die sie beherrschte, weigerte sich ihr Leben lang, andere Interessierte einzuweihen. Nachdem sie vor 50 Jahren starb, ging ihr Wissen darüber, wie Hohlspitze hergestellt wird verloren, erzählt Saible. In Oberschwaben und in Vorarlberg gibt es aber auch heute Hutmacher, die Bodensee-Radhauben herstellen können. In Österreich lebte auch die Hohlspitzen-Technik wieder auf. Mithilfe der vorsichtigen Untersuchung von alten Hauben wurde rekonstruiert, wie die Drahtgeflechte hergestellt wurden. Seit 2010 wird die Bodensee-Radhaube in Laméspitze, wie die Hohlspitze auch genannt wird, dort als immaterielles Kulturerbe von der Unesco anerkannt.

Den Trachtenvereinen fehlt heute der Nachwuchs

Trotzdem droht die Bodensee-Radhaube nochmal an den Rand der Vergessenheit zu geraten. Vielen Trachtenvereinen fehlt der Nachwuchs. Unter anderem deshalb macht der Hagnauer Geschichtsverein das Thema jetzt präsent. Auch weitere Dokumentationsarbeit über die Techniken und Geschichte der Radhauben hat der Verein geplant.

Lindenberg im Allgäu

Huttag in Lindenberg im Allgäu Wer trägt heute noch Hut und lässt sich zur Königin krönen?

Ob kunterbunt, mit Schleifen oder speziellen Mustern - in Lindenberg im Allgäu wurde am Sonntag Hut getragen. Die beste Hutträgerin hat einen besonderen Titel verliehen bekommen.

Wer sich die Auswahl der Hauben ansehen möchte, kann das noch bis zum Herbst 2027 tun. Das Museum ist von Mai bis Oktober Donnerstags und Sonntags von 15 bis 17:30 Uhr geöffnet. Führungen sind auf Anfrage auch außerhalb dieser Zeiten möglich.

Friedrichshafen

Ausstellung in Friedrichshafen Mythos oder Wahrheit? Museum beleuchtet Rolle der Zeppeline im Nationalsozialismus

Haben die Nazis die Zeppeline vom Bodensee für ihre Propaganda missbraucht? Oder war es anders? Eine neue Sonderausstellung im Zeppelin Museum soll vermeintliche Wahrheiten korrigieren.

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR BW

Lindau

Ausstellung "Picasso. Handmade" mit Zeichnungen und Keramiken Picasso am Bodensee: Eröffnung lockt 2.500 Menschen an

In Lindau sind bis November 90 Werke von Pablo Picasso zu sehen. Es handelt sich um Zeichnungen und Keramiken, darunter seine Friedenstaube. Schon die Eröffnung lockte Tausende ins Stadtmuseum.

SWR Kultur am Mittag SWR Kultur

Salenstein (CH)

Ausstellung im Napoleonmuseum zeigt historische Fotografien Als der Kaiser den Ausflugsdampfer über den Bodensee nahm

Ein französischer Kaiser am Bodensee - alte Fotografien zeigen, wie dieser die Bodenseeregion im 19. Jahrhundert erlebte - und wie sich die Region seit damals verändert hat.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Steffen Mierisch
SWR-Reporter Steffen Mierisch Autor Bild

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!