Sexuelle, körperliche und psychische Gewalt gegen Kinder und Jugendliche: Sie gab es seit 1945 auch in Schulen des Salvatorianer-Ordens in Bad Wurzach (Kreis Ravensburg) und in Lochau in Vorarlberg (Österreich). Das ist das Ergebnis der ersten Phase einer Studie der Universität Kassel in Zusammenarbeit mit der Ordensgemeinschaft der Salvatorianer in München und der Armen-Brüder des heiligen Franziskus in Aachen.
Missbrauchsfälle: Nur wenige Betroffene haben sich gemeldet
Allerdings ist die Zahl der erfassten Fälle klein. So hatten sich nur zwei ehemalige Schüler des Salvatorkollegs Lochau in Vorarlberg bei der Uni beziehungsweise den Orden gemeldet. Der Studie zufolge konnten so insgesamt drei namentlich bekannte Salvatorianer beschuldigt werden.
Im Zusammenhang mit dem Salvatorkolleg Bad Wurzach meldete sich nur ein Opfer kirchlicher Gewalt. Dadurch habe man einen namentlich bekannten Salvatorianer ermitteln können, der für Übergriffe gegenüber dem ehemaligen Schüler verantwortlich gewesen sei, sagte Pater Friedrich Emde, der Provinzial und Sprecher der deutsche Ordensprovinz der Salvatorianer in München, dem SWR.
Allerdings sei die Dunkelziffer vermutlich größer. So habe es im Zusammenhang mit der Studie weitere Hinweise auf sexuelle, körperliche und psychische Gewalt vor allem in den 1950er Jahren gegeben, die im Wurzacher Kolleg vorgefallen sind. Deshalb rufe man Betroffene erneut dazu auf, sich zu melden, so Emde, der von 2008 bis 2020 selbst Schulleiter des katholischen Salvatorkollegs Bad Wurzach war.
Melden können sich nach Angaben der Uni neben direkt Betroffenen auch sekundär Betroffene sowie Zeitzeuginnen und -zeugen. Je mehr dies tun, umso besser könne man das Thema aufarbeiten, so Emde. Dies sei das Ziel sowohl der Salvatorianer als auch der Ordensgemeinschaft der Armen-Brüder des heiligen Franziskus. Die beiden Orden hatten die Studie bei der Uni Kassel in Auftrag gegeben und jetzt eine Zwischenbilanz gezogen.
Studie hat bislang knapp 140 Fälle von Missbrauch aufgedeckt
Demnach haben Wissenschaftler und Psychotherapeuten der Uni bislang zahlreiche Interviews mit Betroffenen sowie Zeitzeugen geführt und so bundesweit 139 Fälle von sexueller, körperlicher und psychischer Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Zusammenhang mit den beiden Orden aufgedeckt. Die Fälle hätten sich vor allem in den 1950er, -60er und -70er Jahren ereignet, so die Uni. In jener ersten Phase der Studie habe man zudem auch den Umgang mit den Taten innerhalb der Ordensgemeinschaften analysiert.
Nun würden in einer zweiten Phase die Erkenntnisse aus Phase 1 in Workshops mit Ordensmitgliedern weiterverarbeitet. Laut der Uni sollen in diesem Zug auch Präventions- und Weiterbildungskonzepte entwickelt beziehungsweise bisher bestehende weiterentwickelt werden. Ende Februar 2027 soll die Studie abgeschlossen sein, die offiziell unter dem Kürzel "PrAGO" läuft. Es steht für Prävention und Aufarbeitung von (sexualisierter) Gewalt in Ordensgemeinschaften.