Wolfgang Semmlinger, ehrenamtlicher Hafenmeister in Nonnenhorn am bayerischen Bodenseeufer, ist jetzt täglich mit dem sinkenden Wasserstand und dem Umorganisieren der etwa 50 Boote im Hafen beschäftigt. Zusammen mit einem jungen Vereinsmitglied hat er geprüft, wie viel Wasser die Segelboote noch unterm Kiel haben. Beim Tauchgang mit Zentimetermaß zeigte sich: Mehrere Boote haben nur noch 20 Zentimeter Wasser bis zum Seegrund, sechs liegen bereits auf.
Zwei Segelboote mit großem Tiefgang mussten deshalb schon vorzeitig aus dem Wasser geholt werden. Die beiden Eigner hatten ihre Boote gerade mal drei beziehungsweise sechseinhalb Wochen im Hafen.
Die Boote, für die es knapp wird, dürfen auf die fünf Gästeplätze im Hafen wechseln, die sind etwas tiefer. Der Verein verliert dadurch aber Einnahmen durch Gästeboote. Derzeit liegt der Bodenseepegel Konstanz bei rund 3 Metern, das sind mehr als 1,20 Meter weniger als im langjährigen Durchschnitt.
Untersee: Häfen wie Horn fast komplett trocken
Im Hafen von Gaienhofen-Horn am Untersee (Kreis Konstanz) sind derzeit noch maximal 20 Prozent der Liegeplätze nutzbar, ausschließlich durch flache Boote. Die Rampe zum Slippen kielloser Boote liege auf dem Trockenen. Das sei trostlos, sagt Hafenmeister Jürgen Schulz. Im benachbarten Iznang sehe es nicht besser aus. Er rechnet damit, dass der Wasserstand täglich um weitere zwei bis drei Zentimeter fällt.
In spätestens zwei Wochen ist unser Hafen komplett trocken und leer.
Auf andere Häfen am Untersee mit genügend Wasser wie Moos oder Radolfzell können Bootsbesitzer nicht mehr ausweichen - auch dort sind alle freien Liegeplätze inzwischen belegt. Auch am Obersee ist das Problem angekommen: So hat der Yachthafen von Friedrichshafen bereits acht Segelboote aus dem benachbarten Hafen Fischbach aufgenommen, erklärt Jörg Herfurth, der Hafenmeister des Württembergischen Yachtclubs (WYC). Vereinzelt hätten Boote bereits ins Winterlager gewechselt, alle anderen Besitzer größerer Boote müssten jetzt dringend darüber nachdenken.
Obersee: Ausweichhäfen voll, Segelsaison teils vorzeitig zu Ende
Auch die größte Marina am Bodensee, Meichle und Mohr in Kressbronn-Gohren (Bodenseekreis), erhält täglich Anfragen nach Ausweich-Liegeplätzen, mittlerweile sei der Hafen ausgelastet, heißt es auf SWR-Anfrage. Für Segelurlauber, die jedes Jahr reservierten oder solche, die nur ein oder zwei Nächte bleiben wollen, gebe es aber noch Platz.
Am Obersee trifft es vor allem kleinere Häfen wie Lindau-Zech, Nonnenhorn und Friedrichshafen-Fischbach. Wer nicht vorzeitig die Segelsaison beenden will und einen Platz in einem anderen Hafen findet, muss dort Gästegebühr zahlen. Das ist, als wenn man die gemietete Garage mit dem Auto nicht anfahren kann und wochenlang an der Parkuhr zahlt.
Sommerurlaub auf dem Bodensee: Was Segler jetzt beachten müssen
Für Seglerinnen und Segler, die mit einem gecharterten Boot auf dem Bodensee unterwegs sein wollen, wird es schwierig, vor allem, wenn es ein größeres Boot mit Tiefgang ist. Sie können nur noch einen Teil der Häfen am Bodensee anlaufen. Das bedeutet: Der Andrang auf freie Liegeplätze ist noch größer als sonst. Wer seinen Wunschhafen nicht früh genug erreicht, findet womöglich keinen Platz mehr. Einen Liegeplatz telefonisch oder über eine App zu reservieren, funktioniert nur in wenigen Häfen.
Nicht überall kritisch: Westhafen Hagnau bislang ohne Probleme
Bisher keine Probleme mit dem niedrigen Wasserstand hat der Westhafen Hagnau (Bodenseekreis). Er wurde beim Neubau im vergangenen Jahr ausreichend tief ausgebaggert. Deshalb seien auch die sieben Gästeplätze gut erreichbar, sagt Hafenmeisterin Irena Willer. Auch sie rechnet mit Anfragen auf freie Liegeplätze aus benachbarten Häfen.
Wie lange das Niedrigwasser noch anhalten wird, ist völlig offen. Die Hochwasserzentrale Baden-Württemberg geht davon aus, dass der Wasserstand im Bodensee bis Anfang August auf etwa 2,90 Meter fällt.