Zehn Jahre hat sie Gewalt erlebt. Spazieren geht Sandra Steinbrenner-Klaaßen deshalb nur mit anderen. Noch immer fühlt sie sich nicht sicher. Sie hat Angst vor ihrem Ex-Mann. Dabei haben sie sich 2019 getrennt, schon lange keinen Kontakt mehr. Während ihrer Ehe hat er ihre Ohren beinahe abgerissen, sie mit der Handkante ins Genick geschlagen, ihr in die Rippen geboxt und immer wieder gedroht. Es fing mit einem blauen Auge an, am Ende ist er mit einem Messer auf sie losgegangen: "Ich hatte am Ende konstant Angst um mein Leben. Immer wieder, wenn es zu Übergriffen kam, hat er gedroht: Ich schlage dir das Hirn ein."
Annäherungsverbot verhängt
Sie hat versucht, von ihm loszukommen, habe Schlösser ausgetauscht, bei Gericht ein Annährungsverbot erwirkt, es wieder zurückgenommen. Weil der Täter ihr immer wieder eingeredet habe, sie sei schuld.
Wenn du anders wärst, wenn du dich anders verhalten würdest, dann müsste ich dich nicht schlagen.
Außerdem hat sie sich furchtbar geschämt, konnte sich deshalb niemandem anvertrauen. "Das ich mich als erwachsene Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben steht, schlagen lasse", das habe sie nicht aussprechen können, sagt Steinbrenner-Klaaßen. Noch immer spreche die Gesellschaft von der Frau, die sich schlagen lässt. Dabei schlage der Mann. "Der Täter schlägt zu" so Steinbrenner-Klaaßen. Nachdem alles öffentlich wurde, musste sie sich Sätze anhören wie "vielleicht hast du ihn auch provoziert" und "warum hast du dich nicht getrennt"? Diese Täterumkehr, so sagt sie, sei schwer auszuhalten.
Organisation hilft Opfern von Gewalt
Auf ihrem Spaziergang begleitet sie heute Heike Dachs vom Weissen Ring, der Kriminalitätsopfern hilft. Auch ihre Erfahrung zeigt, es ist für Frauen, die geschlagen werden, sehr schwer, allein aus der Situation herauszukommen. "Sie fühlen sich hilflos. Außerdem setzen Täter sie oft unter Druck", so Dachs. Indem sie damit drohen, die Frau umzubringen, wenn sie sie verlässt. Oder ihre Kinder, ihre Eltern, ihre Geschwister. "Wenn du gehst, finde ich dich überall", damit erpressten viele Täter ihre Opfer.
Bei Sandra Steinbrenner-Klaaßen war es das Gefühl, selbst schuld zu sein, dass sie hat bleiben lassen. Blaue Augen, blaue Flecken, angerissene Ohren, Prellungen, Schnittwunden. Ihre Verletzungen hat sie versucht, unter Kleidung und Make-Up zu verstecken. Und mit Worten: sie habe sich beim Apfel schneiden verletzt, sich angestoßen. Nochmal nachgefragt habe niemand. Obwohl sie genau das dringend gebraucht hätte.
Mein ganzes Umfeld hat geahnt, was passiert, aber sie hatten Angst nachzufragen, fühlten sich hilflos, wollten in nichts reinkommen. Sie haben die Augen einfach zugemacht.
Nach schwerer Gewalt: Jede Person als potentielle Gefahr gesehen
Wenn alle wegschauen, nichts tun, sind das zusätzliche Verletzungen. "Ich traue niemandem mehr. Ich vertraue mich auch niemandem an" so Steinbrenner-Klaaßen. Sie sei in der Situation alleingelassen worden, noch immer fühle sie sich verlassen. Das sei auch der Grund, warum sie so offen über ihre grausamen Erfahrungen rede. Um anderen Frauen und Menschen zu helfen.
Soziale Kontakte hat Sandra Steinbrenner-Klaaßen nur bei der Arbeit. Außerhalb zu ihren Eltern und ihren erwachsenen Kindern. Freunde, Bekannte hat sie keine mehr. Auch die habe ihr die Gewalt und zwanghafte Kontrolle ihres Ex-Mannes genommen.
Angst auch beim Einkaufen
Wenn sie einkaufen geht und niemand aus ihrer Familie mitkommen kann, geht sie mit den Rücken zu den Regalen. An der Kasse lässt sie andere vor, weil sie es nicht aushalten kann, wenn jemand hinter ihr steht. Zuhause schließt sie immer die Tür ab, lässt die Rollläden herunter. Auch tagsüber. "Nur dann fühle ich mich unbeobachtet. Es ist eine Art Schutzschild," sagt Sandra Steinbrenner-Klaaßen.
Allein wäre sie nie losgekommen, davon ist sie überzeugt. Ihre Rettung war eine junge Passantin, die gehört hat, wie ihr Mann Sandra Steinbrenner-Klaaßen misshandelt hat. Unerwartet ist er an diesem Tag ins Haus gestürmt, hat sie an die Wand gedrückt, verprügelt. Immer wieder hat er ihr mit der Handkante ins Genick geschlagen, sie angebrüllt: Ich schlage dir das Hirn raus. "Ich dachte in dem Moment, mein letztes Stündlein hat geschlagen", erzählt sie, dann sei er einfach wieder gegangen.
Unbekannte rettet Frau das Leben - weil sie immer wieder klingelte
In dem Augenblick hat es an der Tür geklingelt, immer und immer wieder. Das sei für sie eine furchtbare Situation gewesen, erinnert sich Sandra Steinbrenner-Klaaßen. Jemand klingelt und sieht, wie hilflos sie ist. Irgendwann hat sie dann doch geöffnet. Vor der Tür stand eine junge Frau, die sagte: ich habe gehört, wie ihr Mann sie geschlagen hat, wir gehen jetzt zusammen zur Polizei. Sandra Steinbrenner-Klaaßen hat die Tür direkt wieder zugeschlagen. Zu groß war die Scham. Doch die junge Frau hat wieder und wieder geklingelt. Irgendwann habe sie aufgemacht und sei zusammengebrochen, habe ihr alles erzählt.
Zur Polizei konnte sie nicht direkt gehen, da habe sie einfach noch Zeit gebraucht. Doch die junge Frau hat ihr ihre Telefonnummer dagelassen, gesagt: "ich gehe mit Ihnen, wenn sie so weit sind". "Sie ist meine Lebensretterin", sagt Sandra Steinbrenner-Klaaßen voller Überzeugung. Durch sie habe sie kurz darauf die Kraft gefunden, den Weissen Ring anzurufen. Dort hat sie Hilfe gefunden, wurde Schritt für Schritt durch die Trennung begleitet. "Wir sind oft eine Art Anker für Betroffene", erklärt Heike Dachs vom Weissen Ring.
Im Kampf gegen häusliche Gewalt helfen auch Gesprächsangebote
Hilfe von außen, sagt auch sie, sei überlebenswichtig. Natürlich müsse nicht jeder direkt klingeln, wenn er oder sie hört, dass etwas nicht stimme. Täter könnten schließlich für jeden gefährlich werden. Aber es gebe immer die Möglichkeit Betroffene allein anzutreffen. Wenn jemand noch nicht bereit sei über die Taten zu reden, helfe auch schon das Angebot jederzeit zum Kaffee vorbeikommen zu können. "So dass die Person die Möglichkeit hat, sich irgendwo in Sicherheit zu bringen", so Dachs.
Sandra Steinbrenner-Klaaßen ist mittlerweile eigentlich in Sicherheit. Fühlen kann sie das noch immer nicht. Auch heute wird sie zuhause gleich wieder abschließen, die Rollläden dicht machen. Dabei liegt ihre Trennung schon sechs Jahre zurück. Ihr Ex-Mann wurde damals wegen gefährlicher Körperverletzung zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Noch immer kämpft Sandra Steinbrenner-Klaaßen vor Gericht, um als Opfer anerkannt zu werden. Und um Schritt für Schritt ihr Leben zurückzuerobern. Die körperliche und seelische Gewalt, die ihr zugefügt wurde, wird sie ihr Leben lang begleiten.