Beteiligte stehen hinter dem Modell

Wertheimer Bürgerspital: Zukunftsfähigkeit stets auf dem Prüfstand

Das Bürgerspital in Wertheim wurde Anfang 2025 vor der Schließung bewahrt. Als Anlaufstelle für Notfälle erfüllt es eine wichtige Funktion im ländlichen industriellen Raum.

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Immer mehr Krankenhäuser müssen schließen - vor allem im ländlichen Raum. Dieses Schicksal traf auch die Rotkreuzklinik in Wertheim (Main-Tauber-Kreis) im Juni 2024. Durch den Einsatz der Stadt sowie der Bürgerinnen und Bürger konnte sie gerettet werden. Seit Januar ist die Notaufnahme zumindest für zehn Stunden am Tag wieder besetzt. Das ARD-Morgenmagazin (MOMA) war am Freitag live vor Ort und blickte hinter die Kulissen des Krankenhauses. Ärzte, Pflegende und der Oberbürgermeister kamen zu Wort - aber auch Kritiker äußerten Zweifel an der Zukunftsfähigkeit des Wertheimer Modells.

Kritiker sehen keine Zukunft im ländlichen Modell

Der renommierte Gesundheitsökonom und Universitätsprofessor Dr. Reinhard Busse, der im ARD-Morgenmagazin zugeschaltet wurde, arbeitete einst an der Krankenhausreform von Karl Lauterbach (SPD) mit. Kleinere Krankenhäuser auf dem Land werden sich nicht halten, so seine Aussage. Sie seien nicht rentabel und kein Modell für die Zukunft. Dafür fehle Lokalpolitikern manchmal das Verständnis, auch wenn jeder Mensch ein Krankenhaus gerne um die Ecke hätte, so Busse im ARD-Morgenmagazin. Noch wichtiger aber sei, dass das Krankenhaus auch geeignet ist:

Es kommt nicht auf fünf oder zehn Minuten mehr Fahrt mit dem Rettunsgwagen an, sondern wenn der Rettunsgwagen vor Ort am Krankenhaus ist, dass dort alles vorhanden ist - von der technischen und personellen Ausstattung, dass dort dann auch angemessen behandelt werden kann.

Auch Gesundheitsökonom Jan Hacker, der ebenfalls als Berater an der Krankenhausreform beteiligt war, glaubt, dass Kliniken im ländlichen Raum ein Auslaufmodell sind. So werde auch Wertheim früher oder später schließen müssen.

Oberbürgermeister glaubt an Zukunft des Bürgerspitals

Demgegenüber zeigt sich Oberbürgermeister Markus Herrera Torrez (SPD) zuversichtlich. Denn vieles, was es zum Bestehen eines Krankenhauses brauche, habe man in Wertheim. Er nennt als Beispiel das moderne Haus und die gute Auslastung. Diese schaffe man, weil man neben der Notaufnahme noch Partner mit im Boot habe. Finanziell gebe es rege Unterstützung, widerspricht Herrera Torrez den Gesundheitsökonomen.

Nichtsdestotrotz: Die Kosten seit der Wiedereröffnung betragen rund drei Millionen Euro pro Jahr. Diese Summe im vergangenen dreiviertel Jahr zu stemmen, war laut Oberbürgermeister Herrera Torrez "eine große Herausforderung" und nur möglich mit großen Einsparungen im Haushalt.

Klinik-Personal kümmert sich um zeitkritische Notfälle

Und auch das Personal steht hinter dem Klinik-Modell in Wertheim: Dr. Sandra Rückert ist Neurologin und Notärztin im Bürgerspital. Von den Aussagen des Gesundheitsexperten Busse, der den Weiterbetrieb kritisch sieht, lässt sie sich nicht entmutigen. So sei nach dessen Meinung die Wertheimer Klinik gar nicht für komplexere Erkrankungen wie beispielsweise Krebs ausgestattet. Dem entgegnete die Notfallmedizinerin, dass in Wertheim zuerst die Diagnostik solcher Krankheiten durchgeführt wird, die Behandlung dann aber eher an Unikliniken erfolgt.

Notfallmedizinerin Dr. Sandra Rückert im ARD-Morgenmagazin:

Schlaganfall: Im Notfall zählt jede Sekunde

In Wertheim geht es eher um zeitkritische Notfälle wie beispielsweise Schlaganfälle, so Sandra Rückert - und da zählt jede Sekunde. Das habe auch eine Studie vor 20 Jahren gezeigt: In Wertheim brauche es eine Schlaganfallstation. Sie erinnert sich an die sechs Monate, in denen die Klinik geschlossen war:

[Da] haben wir teilweise 45 Minuten mit dem Patienten im Auto gesessen, bis wir gewusst haben, wo wir hinfahren können.

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Von der Politik - allen voran Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) aus dem nahen Tauberbischofsheim (Main-Tauber-Kreis) - wünscht sich der Oberbürgermeister zudem mehr Freiheiten. Vor allem in Sachen Finanzierung - "damit gerade solche kleinen Krankenhäuser im ländlichen Raum überlebensfähig sind", so Herrera Torrez im ARD-Morgenmagazin.

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