Carsten Herbert ist wohl der bekannteste Energieberater bundesweit. Als "Energiesparkommissar" gibt er auf seinem YouTube-Kanal Tipps zum richtigen Dämmen, Energiesparen und zu Fragen rund ums Heizen. Im Interview mit SWR Aktuell spricht er über die Vor- und Nachteile von Wärmepumpen. Er erklärt, warum er überzeugt ist, dass diese Art zu Heizen sich durchsetzen wird und warum er nichts von Appellen für weniger Heizen hält.
SWR Aktuell: Herr Herbert, oft heißt es: Wärmepumpen sind nur für Neubauten. Stimmt das? Oder bieten sie sich auch für Altbauten an?
Carsten Herbert: Für jedes Haus - egal welches Baujahr - gibt es immer einen Wärmepumpenlösung, also auch für Altbauten. Aber jedes Haus ist anders. Die eine Lösung kann nicht auf alle anderen Häuser übertragen werden.
SWR Aktuell: Ist ein Haus aber schlecht gedämmt, dann kann eine Wärmepumpe überdurchschnittlich viel Strom verbrauchen.
Herbert: Das ist richtig. Ich empfehle, dass die Vorlauftemperatur, also die Temperatur, die zum Heizkörper geschickt wird, nicht 55 Grad überschreiten sollte. Dann arbeiten Wärmepumpen effizient und man ist mit den Stromkosten auf der sicheren Seite. Um das im Altbau hinzubekommen, sollte man sämtliche Potentiale von einfachen Maßnahmen zur Sanierung und Wärmeeinsparung nutzen. Ich spreche nicht von der großen Komplettsanierung, sondern bewusst von einfachen Maßnahmen.
SWR Aktuell: Welche Maßnahmen sind das zum Beispiel?
Herbert: Da gibt es ein ganzes Potpourri. Meine Lieblingsmaßnahme ist eine Null-Euro-Maßnahme: die Heizung richtig einstellen. Denn ist sie das nicht, dann stellt sie zu viel Wärme zur Verfügung und dadurch geht mehr Hitze durch den Schornstein, die Heizung im Keller strahlt mehr ab und auf dem Weg zu den einzelnen Heizkörpern geht Wärme verloren. Wenn wir die Heizung auf die richtige Temperatur einstellen, dann können wir in der Regel fünf bis zehn Prozent Energie einsparen. Im Extremfall bis zu 40 Prozent. Das gibt es für null Euro. Man muss sich nur etwas Zeit nehmen und mit seiner Heizung beschäftigen.
SWR Aktuell: Was muss man dafür konkret machen?
Herbert: Wenn man das Thermostat am Heizkörper voll aufdreht und es deutlich wärmer wird, als man es braucht, dann sieht man, sie ist zu hoch eingestellt. Wie man die Temperatur reduziert, steht in der Betriebsanleitung. Und es gibt dazu Erklärvideos im Netz, zum Beispiel hier.
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Welche Erfahrungen haben Sie mit einem Heizungstausch gemacht? Welche Fragen haben Sie? SWR und CORRECTIV wollten wissen, was die Menschen in BW rund um die Wärmewende beschäftigt.
SWR Aktuell: Sie sprechen in Ihren Vorträgen oft über Wärmepumpen. Man könnte meinen, Sie bevorzugen diese Art zu heizen. Wieso?
Herbert: Welche Möglichkeiten gibt es denn, Häuser klimaneutral zu beheizen? Nicht viele. Öl und Gas gehen nicht klimaneutral. Die Fernwärme liegt bei den Gebäuden derzeit laut Zensus 2022 bei knapp 7 Prozent. Es gibt viele Studien über den Ausbau von Fernwärme, aber ich kenne keine, die mehr als 15 Prozent Fernwärme in Deutschland für realistisch hält. Was machen wir mit den 85 restlichen Prozent? Biomasse - also Holz oder Pellets - machen derzeit 5 Prozent aus. Ob sie wirklich klimaneutral sind, das ist eine eigene Diskussion. Fakt aber ist, mehr als 10 Prozent werden sie nicht ausmachen. So viele Bäume können wir gar nicht fällen.
Wasserstoff aus grünem Strom wäre theoretisch eine Möglichkeit. Aber dabei bleibt aus einer Kilowattstunde Strom nur 0,6 Kilowattstunden Wärme übrig. Das ist viel zu teuer. Das will keiner zahlen.
Bleiben Elektroheizungen - da gibt es Infrarotstrahler oder Radiatoren. Da bekomme ich aus 1 Kilowattstunde Strom 1 Kilowattstunde Wärme. Das ist deutlich besser als beim Wasserstoff, aber im Vergleich zur Wärmepumpe immer noch sehr schlecht. Bei einer Wärmepumpe mit Standardeffizienz bekommt man aus 1 Kilowattstunde Strom 3 Kilowattstunden Wärme heraus. Teilweise liegt der Wert sogar bei 4 bis 5.
Damit ist die Wärmepumpe das einzige System, mit dem es möglich ist, eine flächendeckend klimafreundliche Wärmeversorgung hinzubekommen. Gern ergänzt um weitere Heizarten, die aber - wie gesagt - immer nur einen kleineren Teil ausmachen.
Wir brauchen noch etwas Zeit, bis sich die Wärmepumpe bei uns richtig etabliert hat.
SWR Aktuell: Wir haben jetzt über die Vorteile von Wärmepumpen gesprochen. Wo liegen die Nachteile?
Herbert: Derzeit haben wir eine Situation, in der sich noch nicht alle Handwerker mit der Wärmepumpe ausreichend befasst und angefreundet haben. Entsprechend ist die Qualität der Informationen, die man von Fachbetrieben bekommt, noch sehr unterschiedlich. Da läuft noch nicht alles rund. Wir brauchen also noch etwas Zeit, bis sich die Wärmepumpe bei uns richtig etabliert hat.
Außerdem sind Wärmepumpen noch sehr teuer. Auch das kann sich mit zunehmender Erfahrung der Betriebe verbessern. Aber eine Sache, da können die Handwerksbetriebe nichts dafür. Ein Großteil des hohen Preises ergibt sich in Deutschland aus den Haftungsrisiken. Beispiel: In Großbritannien gibt es einen Anbieter, der Wärmepumpen für rund 10.000 Euro im Einfamilienhaus anbietet. Das ist möglich, weil man beim Einbau nicht alles bis ins letzte Detail perfekt macht. In etwa 80 Prozent geht es gut. In den anderen Prozent wird einfach nachgebessert. Unterm Strich sind dadurch die Preise niedriger. Aber ich glaube kaum, dass das in Deutschland funktionieren würde. Wir sind eine Gesellschaft, die von Normen geprägt ist.
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Auch die vergleichsweise hohen Fördergelder in Deutschland sind ein Grund für die hohen Kosten. Doch damit die Handwerksbetriebe die Lernkurve hinbekommen, sind wir wahrscheinlich die nächsten vielleicht fünf Jahre noch auf Fördergelder angewiesen.
Vor einem Jahr saßen die Menschen noch abwehrend mit verschränkten Armen in meinen Vorträgen.
SWR Aktuell: Im ersten Halbjahr 2025 wurden bundesweit erstmals mehr Wärmepumpen als Gasheizungen eingebaut. Glauben Sie, dass sich die Wärmepumpe langfristig durchsetzen wird?
Herbert: Der Umstieg wird nicht über Nacht passieren. Das dauert ein paar Jahre. Aber ich bin optimistisch, dass wir das Wissen unter die Leute kriegen. Vor einem Jahr saßen die Menschen noch abwehrend mit verschränkten Armen in meinen Vorträgen. Jetzt wissen viele: Die Wärmepumpe ist wohl nicht ganz so doof. Und jetzt wollen sie das Thema verstehen. Dieser Wechsel ist jetzt schon zu sehen. Ich bin mir sicher: Wenn in jeder Straße ein oder zwei Wärmepumpen stehen, dann wird das ein Selbstläufer.
SWR Aktuell: Wärmepumpen - da denken die meisten an diese Kästen vor den Gebäuden. In Wohnvierteln mit Einfamilienhäusern mag dafür Platz sein, aber wie ist es in engen Innenstädten?
Herbert: Ich bin mir bewusst, dass es bis jetzt noch nicht für jede Fragestellung eine Lösung gibt. Aber es gibt viele Innovationen, die derzeit am Übergang zwischen Erprobung und Praxis stehen. Und manchmal braucht es nicht einmal eine Innovation, sondern die richtige Überlegung. Beispiel enge Altstädte. Da ist auf den ersten Blick kein Platz für Wärmepumpen. Aber viele Häuser haben Spitzböden, also Räume unter dem Dach, die in der Regel nicht oder nur als Speicher genutzt werden. Auch dort könnte man problemlos Wärmepumpen einbauen.
Schwierig sind auf den ersten Blick auch Mehrfamilienhäuser mit Gasetagenheizungen, da braucht es auch eine Lösung. Denkbar sind dort beispielsweise Klimaanlagen als Multisplitvariante, wie sie teilweise auch schon erfolgreich eingebaut werden.
SWR Aktuell: Brauchen diese nicht viel Strom?
Herbert: Klimaanlagen sind Wärmepumpen, die sowohl heizen wie auch kühlen können. Beides machen sie sehr effizient. Wie auch zentrale Heizungen im Heizungskeller machen Klimaanlagen, die sogenannten Luft-Luft-Wärmepumpen, im Jahresverlauf aus jeder Kilowattstunde Strom mehr als drei Kilowattstunden Wärme.
SWR Aktuell: Wärmepumpen können nur dann gut funktionieren, wenn beim Einbau alles richtig gemacht wurde. Das ist nicht immer so. Was für abschreckende Beispiele kennen Sie?
Herbert: Die meisten Anlagen, die nicht gut funktionieren, sind zu kompliziert gebaut. Daher empfehle ich bei Wärmepumpen einfache Lösungen. Eine Empfehlung: Heizung und Warmwasser voneinander zu trennen. Das reduziert die Komplexität und ist von den Fachbetrieben gut beherrschbar. Dazu gibt es auch wissenschaftliche Einschätzungen zum Beispiel von Kati Jagnow, Professorin an der Hochschule Magdeburg-Stendal.
Weiteres Beispiel: Wärmepumpen müssen richtig eingestellt werden. Genau wie ich es oben erklärt habe. Da macht die Wärmepumpe keine Ausnahme. Und natürlich müssen die Hydraulik und die Heizkörper zur Wärmepumpe passen. Eine gute Vorplanung ist unerlässlich. Leider ist das nicht immer Standard.
SWR Aktuell: Die Heiz-Zeit hat angefangen. Was sind Ihre besten Tipps, um Energie zu sparen?
Herbert: Zunächst muss die Heizung richtig eingestellt sein. Das habe ich ja schon erwähnt. Wer darüber hinaus noch mehr machen will, dem empfehle ich den Einsatz von wassersparenden Duschbrausen. Am Anfang war ich selbst skeptisch. Aber die sparen nicht nur jede Menge Heizenergie, sondern gleichzeitig auch noch Wasser. Ein Wissenschaftler vom Passivhausinstitut in Darmstadt hat das mal ausgerechnet. Ein Vier-Personen-Haushalt spart mit sparsamen Duschköpfen im Jahr rund 600 Kilowattstunden Strom. Das ist immerhin so viel wie ein Balkon-Solar-Kraftwerk an Strom im Jahr produziert.
Und wer über einen Heizungstausch nachdenkt, dem empfehle ich: Machen Sie sich kundig, informieren Sie sich, versuchen Sie die Zusammenhänge zu verstehen. Denn Wissen ist wichtig. Dann kann man die Angebote von Handwerkern besser beurteilen und ist kritisch, wenn einem beispielsweise eine zu große Heizung oder ein zu großer Pufferspeicher angeboten wird.
SWR Aktuell: Hat sich beim Energiesparen über die Jahre etwas verändert? Gibt es Tipps, die Sie so heute nicht mehr geben würden?
Herbert: Ich tue mich immer schwer mit Tipps wie: Wenn man die Heizung um ein Grad runterregelt, dann spart man sechs Prozent Heizenergie. Das stimmt zwar, aber wer macht das schon? Die wenigsten. Und die, die es tun, machen das auch ohne dass ich das vorbete. Wir alle wollen es doch in der Regel angenehm warm haben. Ich finde: Jeder soll wissen, wie er sich in seinem Wohnraum wohlfühlt. Als Energieberater empfehle ich technische Lösungen und will niemanden zu einem besseren Menschen erziehen.