Klimaneutralität bis 2040

Wärmenetze in BW: Grüne Hoffnung für die Heizung oder falsche Erwartungen?

Rund zwei Drittel der Wärme in baden-württembergischen Wärmenetzen kommen aus Gas, Kohle und Öl. Bis 2040 soll der Anteil auf null sinken. Obwohl dieses Ziel auch in Stuttgart in weiter Ferne liegt, präsentiert der Energieversorger EnBW seine Netze schon heute als klimaneutral.

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Von Autor/in Katharina Forstmair, SWR Data Lab

Energieversorger wirbt mit grünen Wärmenetzen

"Null CO2-Emissionen", so hat der Energieversorger EnBW seine Fernwärme im Juli dieses Jahres auf einer Veranstaltung in Stuttgart beworben. Tatsächlich kam der Großteil der Wärme in den Stuttgarter Netzen aber zuletzt aus Kohle, Gas, Öl und Abfall. Das belegen Daten aus dem Wärmeplan der Stadt, der 2023 veröffentlicht wurde.

Ähnlich ist es im Rest des Landes: In Baden-Württemberg kommt die Energie für Fern- und Nahwärme zu rund zwei Dritteln aus fossilen Brennstoffen. Das zeigt eine Datenrecherche von SWR und CORRECTIV. Dafür hat das SWR Data Lab Daten aus den Wärmeplänen von 215 Kommunen ausgewertet, die der Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA-BW) bis Juli dieses Jahres vorlagen.

Ziel 2040: Wärmenetze ohne Gas, Kohle und Öl

Städte und Kommunen müssen in Wärmeplänen festhalten, wie ihre Wärmeversorgung klimaneutral werden soll. Wärmenetze gelten neben Wärmepumpen als große Zukunftshoffnung. Denn die Netze könnten viele Gebäude gleichzeitig mit Wärme aus großen sauberen Energiequellen beliefern.

Die Kommunen in Baden-Württemberg setzen daher auf Wärmenetze: 40 Prozent des Wärmebedarfs für private Haushalte, Unternehmen und städtische Gebäude sollen sie bis 2040 decken. Zuletzt waren es 12 Prozent. Das heißt, in den nächsten Jahren müssen viele Straßen aufgerissen und neue Netze verlegt werden.

Und: Bestehende Netze sollen von Gas, Kohle und Öl bis 2040 komplett auf CO2-neutrale Wärmequellen umgestellt werden. Nur so kann das Land bis 2040 klimaneutral werden.

Fossil betriebene Wärmenetze CO2-neutral?

Doch der Weg dahin ist weit, auch für die Stadt Stuttgart. Der Energieversorger EnBW, der den Großteil der Stuttgarter Wärmenetze betreibt, beheizt diese nach eigenen Angaben mit Gas-, Kohle- und Müllkraftwerken. Eine Großwärmepumpe sei seit 2024 im Einsatz. Trotzdem wirbt die EnBW bereits jetzt mit CO2-neutralen Netzen.

Auf Anfrage von SWR und CORRECTIV erklärt die EnBW, dass sie sich die CO2-Neutralität ihrer Netze von der Technischen Universität Dresden habe zertifizieren lassen. Das lässt das Gebäudeenergiegesetz zu: Die Fernwärme der EnBW entsteht überwiegend durch Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), also durch Kraftwerke, die gleichzeitig Strom und Wärme erzeugen. Deshalb darf mit der sogenannten Stromgutschriftmethode der CO2-Ausstoß der Wärmeerzeugung auf dem Papier auf null sinken – obwohl die KWK-Anlage mit fossilen Brennstoffen betrieben wird.

Die EnBW und die Stadt Stuttgart wollen 2035, also fünf Jahre früher als Baden-Württemberg klimaneutral sein. Beide betonen auf Anfrage, dass schon viel getan werde, um dieses Ziel zu erreichen. So plane die Stadt zum Beispiel mehrere neue Wärmenetze, die mit erneuerbaren Energien gespeist werden sollen. Die EnBW investiere rund eine Milliarde Euro in den Kohleausstieg.

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Wasserstoff: Zukunft ungewiss

Der Energieversorger plant außerdem, das Gas in seinen Kraftwerken zukünftig durch Wasserstoff zu ersetzen. Laut dem Stuttgarter Wärmeplan soll dieser 2040 einen Anteil von 44 Prozent in den Wärmenetzen einnehmen.

Matthias Neumeier ist Bereichsleiter Wärmewende bei der Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg. Er erklärt, wie viel Wasserstoff eingesetzt werden kann, sei "offen und wird von der Verfügbarkeit und vom Preis abhängen". Auch andere Experten sagen, Städte und Kommunen sollten besser nicht auf zu viel Wasserstoff setzen.

Studie: Pläne der Kommunen "sehr ambitioniert"

Im Vergleich zu anderen Kommunen plant Stuttgart mit einem hohen Anteil an Wasserstoff in den Wärmenetzen. Insgesamt liegt dieser in den 215 Kommunen bei 14 Prozent. Stattdessen soll größtenteils Wärme aus Biomasse, der Luft, dem Erdboden und über Abwärme, zum Beispiel aus der Industrie, gewonnen werden, um die Netze zu beheizen.

Das Ziel scheint weit entfernt: Zwar kommt aktuell schon rund ein Drittel der Netzwärme aus Biomasse, Abwärme wird bisher aber erst zu 5 Prozent genutzt. Der Rest der zukünftig eingeplanten Energieträger liegt noch bei nahezu 0.

Die Ziele der Kommunen für den starken Ausbau und die komplette Transformation der Netze seien "sehr ambitioniert", heißt es in einer Studie des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu). Ob die jeweiligen Wärmepläne plausibel sind, kontrollieren in Baden-Württemberg die Regierungspräsidien. Auf Anfrage von SWR und CORRECTIV antwortet das Freiburger Präsidium stellvertretend für alle: "Es ist nicht zu erwarten, dass überall genau die Entwicklungen eintreten, wie sie jetzt den Modellen zugrunde liegen." Es handle sich dabei nicht um präzise Vorausberechnungen.

Die Wärmepläne sind zwar rechtlich nicht verbindlich. Aber laut dem Klimaschutz- und Klimawandelanpassungsgesetz müssen Energieversorger in Baden-Württemberg bis 2040 ihre Netzwärme vollständig aus erneuerbaren Energien oder Abwärme gewinnen. Außerdem sollen die Pläne und die darin festgelegten Ziele alle sieben Jahre aktualisiert und geprüft werden. Damit alle Kommunen ihre Ziele erreichen, müssten Bund, Land und Kommunen viele Ressourcen investieren, heißt es in der ifeu-Studie zu den Wärmeplänen

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Volker Kienzlen, Geschäftsführer der KEA-BW, erklärt die Hürden: Die Energieversorger würden in den vergangenen Jahren bereits viel in den Um- und Aufbau der Netze investieren, "doch auch diese Unternehmen stoßen an Grenzen bei Personal und Geld." Laut einer Studie der Denkfabrik Agora Energiewende liegen die Kosten bis 2045 bundesweit bei etwa 107 Milliarden Euro.

Der Verband für Energie- und Wasserwirtschaft Baden-Württemberg schreibt auf Anfrage, die Unternehmen seien bei Investitionen auf verlässliche politische Rahmenbedingungen angewiesen. Auch viele Kommunen beklagen die fehlende Finanzierung und unklare Vorgaben von Seiten des Landes und des Bundes.

Ulm und Karlsruhe besser aufgestellt

Dass Wärmenetze tatsächlich Zukunfts-Hoffnung sein können, zeigen die Städte Ulm und Karlsruhe. Sie deckten 2023 laut den Wärmeplänen bereits ein Drittel ihres Wärmebedarfs über Netze. In Ulm stammen schon heute 63 Prozent der Wärme in den Netzen aus erneuerbaren Quellen.

In Karlsruhe kam 2021 fast die Hälfte der Energie in den Wärmenetzen aus Abwärme der Industrie. Diese gilt als unvermeidbar und zählt deshalb auch als klimafreundliche Lösung.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Katharina Forstmair
Katharina Forstmair
SWR Data Lab
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