G9, Handy-Verbote, Lehrerversorgung: Zu Schuljahresbeginn hat der Landesschülerbeirat vorgestellt, wo die größten Baustellen in der Bildungspolitik sind. SWR Aktuell hat mit dem Vorsitzenden des Landesschülerbeirats, Joshua Meisel, gesprochen, was er sich für das kommende Schuljahr wünscht.
SWR Aktuell: Herr Meisel, das neue Schuljahr hat begonnen. Wie steht die Bildungspolitik in Baden-Württemberg gerade da?
Joshua Meisel: Nicht so gut. Das haben wir ja auch schon in unserem Zeugnis ziemlich deutlich gemacht. Darin haben wir die Bildungspolitik mit der Note 3,8 bewertet. Insgesamt befindet sie sich zwar noch im Bereich "ausreichend", ist für uns aber nicht zufriedenstellend.
SWR Aktuell: In welchen Bereichen läuft es aus Ihrer Sicht nicht gut?
Meisel: Das betrifft ein sehr breites Feld. Wir müssen zum Beispiel mehr machen für Demokratiebildung und Lehrkräfteversorgung. In vielen Schulen im Land fehlen immer noch viele Lehrerinnen und Lehrer. Wir müssen das Schulsystem ganzheitlich in den Blick nehmen. Weil wir kein Konzept haben, wo es in den nächsten 10 bis 30 Jahren hingehen soll. Es wird an kleinen Stellschrauben gedreht, aber die großen strukturellen Probleme werden nicht angegangen. Das schlägt sich dann natürlich auf die Qualität des Unterrichts nieder.
SWR Aktuell: Zum neuen Schuljahr gibt es eine große Änderung an den Gymnasien: G9 startet wieder flächendeckend. Was erhoffen Sie sich von dieser Veränderung?
Meisel: Bei G8 hat man eigentlich genau das gemacht, was man bei G9 gemacht hat - nur auf acht Jahre komprimiert. Wir haben gerade eine Mental-Health-Krise unter Kindern und Jugendlichen. Von der Umstellung versprechen wir uns, dass jetzt Druck rausgenommen wird und das zumindest kleinere positive Effekte hat. Dass dann auch mehr Zeit bleibt, um sich zum Beispiel ehrenamtlich zu engagieren.
SWR Aktuell: Sehen Sie auch noch irgendwo Luft nach oben?
Meisel: Da ist auf jeden Fall noch Luft nach oben. Das Ganze wurde mit heißer Nadel gestrickt - und das zeigt sich. In der Politik muss man schauen, wie man haushaltet und in die Umstellung wurden vielleicht nicht so viele Mittel investiert, wie es vielleicht notwendig gewesen wäre. Mit den vom Kultusministerium finanzierten Pflichtstunden können aktuell die Vormittage nicht vollständig mit Unterricht gefüllt werden. Deswegen müssen viele Schulen auf zusätzliche Stunden zurückgreifen, die eigentlich für individuelles Mentoring oder die SMV-Arbeit (Anmerkung der Redaktion: Abkürzung für SchülerMitVerantwortung) vorgesehen sind, um die Vormittag zu füllen. Das ist nicht gut.
SWR Aktuell: Sie bemängeln schon lange, dass es einen Lehrermangel gibt, dass es mehr Stellen geben müsste. Im Juli wurde bekannt, dass durch eine IT-Panne 1.440 Stellen jahrelang nicht besetzt waren. Das Kultusministerium versprach eine schnelle Nachbesetzung. Macht sich das denn jetzt positiv bemerkbar?
Meisel: Das denke ich schon. Die Stellen wurden zügig ausgeschrieben und schon viele davon besetzt. Rechnerisch machen sie pro Schule zehn Stunden aus. Das kann einen Einfluss darauf haben, wie viel Unterricht an einer Schule ausfällt oder ob sie AGs anbieten kann. Beseitigen wird man das Problem aber nicht. An den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren gibt es teilweise eine Lehrkräfteversorgung von 60 Prozent. Wenn eine solche Schule ein halbes Deputat mehr bekommt, ist sie immer noch weit von einer guten Unterrichtsversorgung entfernt.
Unterricht hat in BW begonnen Schulstart nach den Sommerferien: Mehr als 400.000 Grundschüler und einige freie Lehrerstellen
Für rund 1,5 Millionen Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg startet heute die Schule wieder. Für mehr als 100.000 Kinder beginnt erstmals der Ernst des Lebens.
SWR Aktuell: Schauen wir auf ein ganz anderes Thema, das gerade heiß diskutiert wird: Das Kultusministerium möchte die Nutzung von Handys an Schulen stark einschränken und hat Empfehlungen an die Schulen herausgegeben. Was halten Sie von diesem Schritt?
Meisel: Bei einem Handy-Verbot in den Schulen würden mögliche Probleme nur nach Hause verlagert und die Kinder und Jugendlichen damit alleine gelassen. Studien zeigen, dass sich die Bildschirmzeit auf einen gesamten Tag betrachtet nicht durch Handy-Verbote in der Schule reduzieren lässt.
SWR Aktuell: Macht es sich die Politik Ihrer Meinung nach zu einfach, wenn sie die hohe psychische Belastung bei Kindern und Jugendlichen oder Konzentrationsprobleme pauschal aufs Handy zurückführt?
Meisel: Dass Handys auch negative Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche haben können, bestreitet, glaube ich, keiner. Aber sie pauschal zu verbieten, ist nicht zielführend. Stattdessen sollte sich die Politik anschauen, welche Inhalte und Funktionen von Social-Media-Plattformen wirklich schädlich sind und die Apps besser regulieren, beispielsweise bei Glücksspiel, Gewalt oder pornografischen Inhalten.
SWR Aktuell: Seit diesem Schuljahr gibt es das neue Fach Informatik und Medienbildung. Erstmal wurde es für die 5. und 6. Klasse eingeführt, soll dann sukzessive aber auch für die höheren Klassen kommen.
Meisel: Gut ist, dass es das gibt. Es wäre aber wichtig gewesen, Kinder und Jugendliche miteinzubeziehen. Um überhaupt zu wissen, was man im Unterricht thematisieren muss. Es würde zum Beispiel sehr helfen, wenn Kinder und Jugendlich wüssten, an welche Stellen sie sich wenden könnten, wenn sie Inhalte sehen würden, die sie belasteten. Außerdem müsste es um den richtigen Umgang mit Cybermobbing oder mit Hass und Hetze im Netz gehen.
Interview zu neuem Schulfach "Informatik und Medienbildung" Erziehungswissenschaftler Thomas Knaus: "Die Einführung dieses Pflichtfachs wurde schlecht vorbereitet"
Ist das neue Schulfach "Informatik und Medienbildung" der große Wurf in der Bildungspolitik? Experte Thomas Knaus sieht Versäumnisse bei der Vorbereitung, hält die Einführung aber trotzdem für richtig.
SWR Aktuell: Sie wünschen sich auch mehr Demokratiebildung an Schulen. Eigentlich steht die schon auf dem Lehrplan. Woran hapert es?
Meisel: Wir haben im Vergleich zu anderen europäischen Ländern eine starke Erinnerungskultur. Was wir uns konkret wünschen, wäre zum Beispiel, wenn es um faschistische Bewegungen geht, dass man konkreter lernt, wie man diese erkennt. An den Schulen geht es oft um den Nationalsozialismus. Das ist auch wichtig. Aber oft fehlt der Bezug zur heutigen Zeit. Außerdem wäre es für Schülerinnen und Schüler wichtig, an den Schulen selbst Dinge mitgestalten zu können. Das passiert bisher relativ wenig.
SWR Aktuell: Sie haben zum Beginn des neuen Schuljahres einen offenen Brief an die Landesregierung geschrieben. Was ist denn ihr dringlichster Wunsch?
Meisel: Unser größter Wunsch ist nach wie vor, dass es eine Enquete-Kommission im Landtag zum Thema Bildung gibt. Dass alle Akteure aus der Politik gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern überlegen, wo das Bildungssystem in den nächsten 10 bis 20 Jahren hin soll. Damit nicht jede Landesregierung an einer anderen Stellschraube dreht, sondern man möglichst im Konsens mit allen demokratischen Fraktionen sagt: Wir haben eine Vision und entwickeln unser Bildungssystem so weiter, dass wir sie erreichen.