Der Wolf im Nordschwarzwald soll nach Angaben des baden-württembergischen Umweltministeriums frühestens Mitte Februar gejagt werden. Mit dem Abschuss des sogenannten Hornisgrinde-Wolfs beschäftigt sich mittlerweile auch der Verwaltungsgerichtshof (VGH) Baden-Württemberg. Auch in der 4.500-Einwohnergemeinde Forbach im Murgtal (Kreis Rastatt) ist der Wolf schon gesichtet worden. Beim Umgang mit dem Tier schlagen "zwei Herzen in seiner Brust", sagte Bürgermeister Robert Stiebler (parteilos) gegenüber dem SWR.
SWR Aktuell: Der Hornisgrinde-Wolf ist auch bei Ihnen in Forbach unterwegs. Wie erleben Sie diesen Wolf? Es gibt ja Schilderungen von Menschen, die ihm begegnen, Selfies machen. Haben Sie auch schon ein Selfie gemacht?
Robert Stiebler: Bisher noch nicht. Und ich habe es auch nicht vor. Das wäre genau das Gegenteil von dem, wie man eigentlich mit wilden Tieren umgehen sollte.
SWR Aktuell: Haben Sie den Wolf tatsächlich schon selbst gesehen?
Stiebler: Ich gar nicht. Meine Frau hat mir am helllichten Tag ein Foto geschickt. "Guck mal, wer da bei uns quasi im Tal unterwegs ist." Das war tatsächlich der Wolf. Ich glaube, er hat mich vermutlich mal gesehen. Beim Aufenthalt im Wald. Aber ich ihn nicht.
SWR Aktuell: Was haben Sie gedacht, als Ihnen Ihre Frau dieses Foto geschickt hat?
Stiebler: "Jetzt ist es so weit!" habe ich gedacht. Wir haben Kontakt mit der FVA [Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg] und auch mit dem Umweltministerium. Und wir haben erfahren, wie der Werdegang ist, wenn der Wolf die Scheu verliert und zu nah kommt. Die Grenzen waren vorher klar definiert und dann war relativ klar, dass es jetzt seinen Gang nehmen wird, bis zum möglichen Abschuss.
SWR Aktuell: Das Thema beschäftigt mittlerweile sehr viele Menschen in Baden-Württemberg. Was sagen Sie zur Diskussion, die wir gerade erleben?
Stiebler: Sehr aufgeheizt. Wenig sachlich. Es sind zu selten Fakten im Spiel. Es ist auch ganz viel Polemik dabei. Aber es gibt zwei Seiten. Sich nur auf eine Seite zu schlagen und zu sagen: "Es ist furchtbar, ein Tier abzuschießen", das ist eine Seite. Ja, das sehe ich auch so. Ich bin auch kein Freund davon, grundsätzlich mit der Flinte durch den Wald zu rennen und einfach alles niederzumähen, was einem gerade nicht passt. Aber hier gibt es andere Faktoren, die genauso beleuchtet werden müssen. Es ist sehr vielschichtig.
SWR Aktuell: Der Wolf ist Ihnen, beziehungsweise Ihrer Frau, nah gekommen. Sind Sie also für den Abschuss?
Stiebler: Das kann ich nicht mit einem Ja oder Nein beantworten. Die aktuelle Situation möchte ich nicht noch mal haben. Es hätte nicht so weit kommen müssen. Zumindest bei diesem Wolf. Ein Muster passt nicht auf jedes Tier. Ich habe zwei Herzen in der Brust. Das eine ist das Thema Sicherheit. Ich bin in der Position als Bürgermeister auch für die Sicherheit der Bevölkerung zuständig. Das andere ist der Naturmensch. Ich lebe bewusst in der Gemeinde Forbach. Das ist eine sehr großflächige, waldreiche Gemeinde. Ich bin ein Naturmensch. Wir wollen die Natur haben, möglichst unberührt und intakt. Genauso wollen wir die Sicherheit der Menschen. Das sind diese zwei Herzen.
SWR Aktuell: Welche Rolle spielt es, dass Sie selbst in Forbach am Waldrand leben?
Stiebler: Ich bin sehr nah dran am Geschehen. Dieser sogenannte Wolfstourismus findet wirklich statt. Ich kriege das live und direkt mit, quasi vor meiner Haustür. Es gab ein paar Begegnungen, die sinnbildlich sind. Ich wurde von Wanderern angesprochen, die gefragt haben: "Wo ist denn die Route? Wo müssen wir langlaufen, um den Wolf zu sehen?" Es ist dieser bewusste Weg, der gegangen wird, um das Tier zu beobachten. Aber das ist die freie Natur. Das ist kein Zoo. Und das muss man trennen. Ein Wildtier bewegt sich frei und sollte sich frei bewegen. Dieses Auflauern ist nicht Sinn und Zweck des Ganzen. Dafür brauchen wir weder freie Natur noch einen Nationalpark. Dann sind wir in einem Zoo.
SWR Aktuell: Jetzt sind wir in einem heftigen juristischen und politischen Streit rund um den Hornisgrinde-Wolf. Umweltministerin Walker hat die Entscheidung getroffen, den Wolf zu "entnehmen". Haben Sie sich vorgestellt, wie es wäre, diese Entscheidung treffen zu müssen?
Stiebler: Es gibt Momente, in denen man ehrlicherweise froh ist, die Entscheidung nicht treffen zu müssen. Das ist sicherlich wahnsinnig schwierig. Es ist eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Auf der einen Seite haben sie den Weg, die Natur zu schützen. Auf der anderen Seite steht eben die Bevölkerung. Hier ist eine Entscheidung für die Bevölkerung gefallen.
SWR Aktuell: Was ist Ihr größter Wunsch für die nächsten Wochen?
Stiebler: Ich wünsche mir Sachlichkeit. Man sollte einen Weg zurück finden. Weg von "hart links" oder "hart rechts". Es gibt auch noch eine Position, die Neutralität bedeutet. Man sollte beide Seiten verstehen können, ohne ein Urteil fällen zu können, das klar in eine Richtung tendiert. Dieser Wolf ist kein Kuscheltier! Man hat oft den Eindruck, es sei ein liebes Tier, mit dem man gerne auf der Couch kuschelt. Das ist es nicht. Man muss auf der anderen Seite aber auch die Bedürfnisse des Tieres als solches wahrnehmen. Ich bin mir sehr sicher, dass der Wolf angefüttert wurde. Die Leute tun sehr viel, um ein Sensationsfoto zu machen oder über ihren Ausflug zu berichten. Ich kann das nicht belegen, aber ich denke, es liegt auf der Hand.
SWR Aktuell: Wie groß ist die Bedeutung der abschließenden Entscheidung, die jetzt rund um diesen Wolf ansteht? Es geht ja nicht nur um diesen einen Wolf.
Stiebler: Es ist eine Entscheidung, die viel für die Zukunft bringt. Dieses Tier kann natürlich zu einem Präzedenzfall werden. Aber es wird nicht bei diesem einen Wolf bleiben. Wir können davon ausgehen, dass sich das entwickelt, dass sich die Natur Gebiete zurückholt, was schön ist. Aber wir werden dieses Thema immer wieder haben. Wenn Sie jetzt die Möglichkeit beleuchten würden, dass zum Beispiel ein Mensch zu Schaden kommt: Wie gehen Sie damit künftig um? Hat der Wolf dann überhaupt noch eine Akzeptanz bei uns in der Region? Ich glaube, man muss den Rahmen schaffen, damit wir wieder lernen, mit dem Tier zu leben. In Ländern, wo der Wolf präsent ist, geht man damit anders um. Wir können das nicht mehr und müssen lernen, damit umzugehen.