"Bin ich ein Nachfahre von Molière oder bin ich ein Beamter?"

Wie ein Theater aus Gernsbach auch ohne Geld vom Staat überlebt

Seit zehn Jahren bietet das Theater "Alte Turnhalle" in Gernsbach ein Bühnenprogramm - völlig ohne staatliche Subventionen. Was andere Kultureinrichtungen davon lernen können.

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Dem Bund, dem Land, den Städten und Kommunen: Überall fehlt Geld. In Städten wie Karlsruhe und Baden-Baden wurden vorübergehende Haushaltssperren verhängt. Auch für die kommenden Jahre muss der Rotstift ausgepackt und viel Geld eingespart werden. Wie in Baden-Baden trifft das in vielen Fällen auch Kultureinrichtungen und Theater. Einigen könnte ohne eine entsprechende Förderung die Schließung drohen.

Das Theater "Alte Turnhalle" in Gernsbach (Landkreis Rastatt) von außen, die Kultureinrichtung kommt ohne staatliche Subventionen aus.
Das Theater "Alte Turnhalle" in Gernsbach (Landkreis Rastatt) kommt ohne staatliche Subventionen aus.

In der "Alten Turnhalle" packen die Schauspieler mit an

Anders ist das bei der "Alten Turnhalle" in Gernsbach (Landkreis Rastatt). Das private Theater von Thomas Höhne bietet seit zehn Jahren ein Bühnenprogramm an und kommt vollständig ohne staatliche Subventionen aus. Das Ensemble des aktuellen Stückes ist nur sehr klein. Es hat nur drei Schauspieler und sie müssen bei allem mit anpacken.

"Natürlich gibt es Menschen, die uns unterstützen, gar keine Frage, Freunde, Bekannte und teilweise auch Familie. Aber das Zentrale ruht auf den Schultern der Akteure", sagt Thomas Höhne gegenüber dem SWR. "Auch Umbauten."

Es wäre bei uns absurd, dass wir eine Technik hätten, die uns das Sofa zwei Meter nach vorne oder nach hinten trägt. Das fassen wir selber an und dann ist die Sache erledigt.

Eine Frau und ein Mann proben im Theaters "Alte Turnhalle" in Gernsbach.
Thomas Höhne (rechts), der Inhaber des Theaters "Alte Turnhalle" in Gernsbach, steht selbst als Schauspieler auf der Bühne.

Nähe zum Publikum ist in Gernsbach besonders

Die Schauspieler stört die zusätzliche Arbeit nicht - im Gegenteil. "Ich finde das eigentlich sehr bereichernd, weil man von A bis Z in allen Prozessen dabei ist. Man kann einfach in allem reinschnuppern", sagt Schauspieler Simon Schriefer. Die Auftritte in der "Alten Turnhalle" und besonders die Nähe zum Publikum gefallen ihm sehr.

"Es ist was sehr Nahbares, es ist was sehr Echtes, sehr Authentisches und wirklich reduziert auf das, was wichtig ist", erzählt er. Der Schauspieler kommt eigentlich aus Köln. "Es ist für mich schon beachtlich, dass hier eigentlich irgendwo im Nirgendwo doch Scharen an Menschen kommen."

Publikum mag familiäre und gemütliche Atmosphäre in "Alten Turnhalle"

Den Einlass machen, sich um den Service kümmern, soufflieren: Maria Fortenbacher ist in der "Alten Turnhalle" ein Mädchen für alles. Sie bekommt immer wieder mit, wie sich das Publikum in dem Theater über die gemütliche und familiäre Atmosphäre freut. "Ich habe das Gefühl, dass sich hier immer die gleichen Leute treffen." Das Theater komme im Murgtal gut an. Fast alle Vorstellungen seien ausverkauft. Die Besucherinnen vor Ort sind begeistert:

Es ist immer eine Überraschung, was für ein Stück kommt. (...) Es ist immer sehr persönlich. Ich komme immer wieder gern her.

Wir sind ganz nah an der Bühne, zu den Schauspielern, zu diesen Emotionen. Das Theater ist für mich auch eine Begegnung - eine Erweiterung für meine menschliche und kulturelle Emotionen.

Work-Life-Balance auch bei Schauspielern Thema

Für Thomas Höhne ist neben der schauspielerischen Qualität auch die Stückauswahl entscheidend. Der Inhaber verwende viel Energie auf die Auswahl. In seinem Haus werden nur Komödien gespielt. "Hier wird viel gelacht in diesem Haus." In seinen Augen müssten sich Produktionen von selbst tragen können und nicht von vornherein schon zu viel Geld kosten. "Wir verdienen mit dem Spielen Geld, sonst hätten wir gar kein Geld", erklärt er.

Er selbst ist Schauspieler, Schauspiellehrer und Dozent. Seine Kurse und Seminare finden in der "Alten Turnhalle" statt. Seiner Meinung nach müsste mehr grundsätzlich über das Berufsbild des Schauspielers nachgedacht werden. Inzwischen sei die Work-Life-Balance-Diskussion in der Gesellschaft auch bei den Schauspielern angekommen. Für ihn sei es aber ein Widerspruch zum einen Künstler und zum anderen in allen Aspekten 100 Prozent abgesichert sein zu wollen.

Schauspieler sollten sich einfach mal fragen: Bin ich der Nachfahre von Till Eulenspiegel und Molière (...)? Oder bin ich ein städtischer Angestellter, bin ich ein Beamter?

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Thomas Höhne: Mehr eigene Konzepte statt Subventionen

In dem Beruf müsste die Selbstständigkeit viel mehr als Gedanke möglich gemacht und eigene Projekte, eigene Gruppen und Theaterkonzepte entwickelt werden. Das könnte in den Augen von Thomas Höhne auch schon viel mehr in die Ausbildung integriert werden - und zwar handfest bis ins Betriebswirtschaftliche hinein.

Jeder Absolvent einer Schauspielschule, insbesondere von einer staatlichen Schauspielschule - dort können wir die Dinge stärker beeinflussen - sollte über die Möglichkeit, freiberuflich als Schauspieler zu arbeiten, informiert sein.

An den Schauspielschulen könnte vermittelt werden, wie ein eigenes Projekt gestartet und vorangetrieben werde, so Thomas Höhne. Dazu könnte die Schauspielschule beispielsweise ihren Abschlussklassen anbieten in ein leerstehendes Theater zu gehen oder im ländlichen Raum in verwaiste gastronomische Einrichtungen und Kultureinrichtungen. Den Raum könnten die Nachwuchsschauspielerinnen und -schauspieler eigenständig und kreativ nutzen.

Auch mit Subventionen höhere Preise bei Stadttheatern?

Thomas Höhne ist bewusst, dass sein Konzept sich nicht auf alle Theater übertragen lässt. Das gilt vor allem für öffentliche Stadttheater. Den dort gebe es noch viele Altverträge, die man gar nicht kündigen könne. "Aber wenn es eine Realität ist, dass wir die nächsten Jahre vielleicht Veränderungen akzeptieren müssen, dann könnten die für mich auch so aussehen, dass wir ein viel stärkeres Nebeneinander haben", sagt der Inhaber der "Alten Turnhalle".

Für ihn wäre es vertretbar, wenn Stadttheater die Preise anheben. Denn das würde auch den privaten Theatern erlauben, mehr Geld zu verlangen. Somit hätten sie wieder mehr Produktionsmöglichkeiten und könnten so eigene Theaterkonzepte finanzieren. "Natürlich haben wir keine betriebswirtschaftlichen Preise hier. Wir haben Preise, die sich an dem orientieren, was am Markt möglich ist." Momentan sei dieser aber noch extrem von den Subventionen bestimmt.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Teo Jägersberg
Ein Bild von Teo Jägersberg
Mirka Tiede
SWR-Reporterin steht in einem Großraumbüro

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