Wenn alte Industriegebäude nicht mehr genutzt werden, folgt oft entweder der Leerstand oder ein Abriss. Beim ehemaligen Retourenlager des Versandhauses Bader in Pforzheim hat man sich für einen anderen Weg entschieden. Aus dem Industriegebäude wurde ein Wohnhaus. Jetzt wurde das Projekt ausgezeichnet.
Wohnen im Retourenlager - Hier ist alles etwas anders
Dass das ehemalige Retourenlager der Firma Bader kein normales Wohnhaus ist, merkt man relativ schnell. Die Flure im Gebäude sind seltsam verwinkelt, fast wie in einem Hotel. Spätestens, wenn man dann eine der Wohnungen betritt wird einem klar: Hier ist alles etwas anders.
Die Wohnungen sind ungewöhnlich schmal und lang. 42 Stück gibt es insgesamt in dem Gebäude, hauptsächlich Ein- und Zweieinhalb-Zimmer-Wohnungen. Grund für den besonderen Grundriss der Wohnungen ist laut Architekt Jochen Freivogel die Bauweise des ehemaligen Retourenlagers. "Wohnungen mit mehreren Zimmern und Balkon, das gibt das Gebäude nicht her", erklärt er. Deshalb habe man sich für das Konzept des "Kleinwohnens" entschieden.
Ehemaliges Bader-Gebäude in Pforzheim: Vollausgestattete Wohnungen
Um den begrenzten Platz in den Wohnungen optimal zu nutzen, sind alle Wohnungen bereits komplett bezugsfertig eingerichtet. Schränke, Küche, Bad, Bett oder Fernseher, alles schon da. Bei Bedarf werden sogar Geschirr und Bettwäsche gestellt. Damit spricht der Wohnkomplex in dem ehemaligen Retourenlager auch eine ganz bestimmte Zielgruppe an.
"So, wie sie aufgebaut sind, eignen sich unsere Wohnungen natürlich nicht für Familien", erklärt Jochen Freivogel. Stattdessen habe man sich mit dem Konzept bewusst für Mieter entschieden, die nur vorübergehend in Pforzheim wohnen: Studierende, Menschen, die wegen ihres Jobs für einige Zeit in die Stadt müssen. "Diese Menschen wollen eine Wohnung, die funktioniert und ihnen keine Arbeit oder Sorgen macht. Genau das bieten wir", so Freivogel. Trotzdem gebe es in dem Wohnkomplex aber auch Langzeitmieter.
Für wen eignen sich die Mini-Wohnungen?
Die vorgegebene Struktur der Wohnungen kommt Mieterinnen wie Selina Stade entgegen. Sie lebt seit dem vergangenen Jahr in einer der Wohnungen des ehemaligen Retourenlagers. Der Umzug sei unkompliziert gewesen, weil schon alles eingerichtet ist, erzählt sie. Und mit Bildern, Pflanzen und anderer Deko gibt es laut Stade immer noch ausreichend Möglichkeiten, der Wohnung einen persönlichen Charakter zu geben.
Die Wohnungen kosten je nach Ausstattung, Größe und Lage für 39 Quadratmeter Wohnfläche bis zu 920 Euro Warmmiete. Für Selina Stade ist der Preis kein Problem. "Wenn man irgendwo einzieht, kommen noch andere Kosten dazu. Gerade wenn man sieht, was Möbel heute kosten. Hier ist alles schon inklusive. Von daher schenkt sich das am Ende, glaube ich, nichts", so Stade.
Parkplätze im Keller, Kita-Spielplatz auf dem Dach
Aber nicht nur Wohnraum wurde in dem ehemaligen Retourenlager der Firma Bader geschaffen. Im alten Keller sind Parkplätze entstanden, in die Räumlichkeiten im Erdgeschoss sollen künftig Geschäfte einziehen. Außerdem gibt es in dem Gebäude ein Gesundheitszentrum und einen Kindergarten. Das Besondere: Der Spielplatz des Kindergartens wird künftig auf dem Dach des früheren Retourenlagers angelegt.
Da der Grundriss des alten Bader-Gebäudes die Möglichkeiten vorgibt, mussten Architekt Jochen Freivogel und sein Team bei der Planung kreativ werden. Trotzdem seien Abriss und Neubau keine Option gewesen. Zum einen, weil die Bausubstanz beim bestehenden Gebäude laut Freivogel noch sehr gut war. Zum anderen, weil die Sanierung nur halb so teuer kam wie ein Neubau, erklärt Freivogel.
Wohnprojekt in Pforzheim ausgezeichnet
Der Umbau des ehemaligen Retourenlagers in Pforzheim ist jetzt mit einem Preis für "Beispielhaftes Bauen im Enzkreis und der Stadt Pforzheim" ausgezeichnet worden. Damit sollen Bauprojekte gewürdigt werden, die als Vorbild für künftige Projekte gelten können.
Zum Umbau des früheren Bader-Gebäudes als Wohn- und Geschäftshaus sagte die Jury: "Das Projekt zeigt eindrucksvoll, wie Bestandsgebäude durch kreative Transformation neue Perspektiven für eine zeitgemäße Nutzung eröffnen."