Grüne, CDU und SPD fordern im Wahlkampf ein beitragsfreies letztes Kita-Jahr in Baden-Württemberg - unter anderem, weil tausende Kinder vor der Einschulung keine Kita besuchen.
Walter Beyer ist Leiter der Grundschule in Wald (Kreis Sigmaringen) bei Pfullendorf. Für ihn ist ein Kindergartenbesuch direkt vor der Schule unverzichtbar und wichtig. Beim Verband Bildung und Erziehung in Baden-Württemberg ist er verantwortlich für den Kita- und Grundschulbereich.
"Ein kostenfreies, letztes Kita-Jahr ist schon lange eine Forderung des Verbandes", betont Beyer. "Es geht nicht nur um Stifthaltung oder Zahlen erkennen. Kinder lernen wahnsinnig viel vor der Schule im Kindergarten, emotional und sozial", meint der Schulleiter. Neben Spielen, Toben und Singen auch Ausdauer, sich längere Zeit mit gestellten Aufgaben zu beschäftigen oder auch mal einen Streit lösen sowie Selbständigkeit - etwa beim Umziehen.
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Letztes Kita-Jahr vor der Einschulung: Gut vorbereitet in den Schulalltag
Grundschulrektor Beyer hat Erfahrung mit Kindern gemacht, die vorher keine Einrichtung besucht haben: "Die trauen sich teilweise nicht ins Klassenzimmer, sind unsicher im Umgang mit anderen". Schon vor dem ersten Schultag lädt er die künftigen Erstklässler und Noch-Kindergartenkinder mehrmals zu sich in die Schule ein, um sie mit der Umgebung vertraut zu machen. Er sage auch Eltern immer wieder: "Sie würden doch auch in einen Marathon gut vorbereitet gehen und nicht in Stöckelschuhen".
Das neue Sprachförderprogramm des Kultusministeriums "Sprachfit" sei wichtig bei der Vorbereitung, könne aber einen Kita-Besuch nicht ersetzen, fügt Beyer hinzu.
93 Prozent der Kinder besuchen vor der Schule eine Einrichtung
Laut Kultusministerium haben zum Schuljahr 2024/25 von den fünf- bis sechsjährigen Kindern rund 93 Prozent, das sind 107.000, eine Tageseinrichtung besucht. Trotz Unschärfen bei der Erfassung beispielsweise durch Umzüge bedeutet das auch, dass einige tausend Kinder vor der ersten Klasse keine Einrichtung besuchen. Die Gründe dafür werden nicht erfasst. Finanzielle oder kulturelle Motive sind laut Schulleiter Beyer denkbar.
CDU, SPD und Grüne für kostenfreies Kita-Jahr
Im Landtagswahlkampf versprechen jetzt CDU, Grüne und SPD, sich für ein kostenfreies, letztes Kita-Jahr stark zu machen.
"Als CDU wollen wir, dass zunächst das letzte Kindergartenjahr kostenfrei wird. Denn die frühkindliche Bildung ist die Basis für eine gelingende Bildungsbiografie", sagte der bildungspolitische Sprecher der Landtagsfraktion, Andreas Sturm. Auch die Grünen im Landtag stimmen mit ein. "Kita-Gebühren dürfen nicht dazu führen, dass Eltern, vor allem Mütter, ihre Berufstätigkeit einschränken oder ganz aufgeben", so Saskia Frank, Sprecherin für frühkindliche Bildung. Die SPD-Fraktion hatte die Gebührenbefreiung bereits für den Nachtragshaushalt gefordert. Der zuständige Sprecher, Andreas Kenner, sagt: "Mir ist völlig schleierhaft, warum Grün-Schwarz unseren Antrag für den Nachtragshaushalt abgelehnt hat, obwohl die Parteien die Gebührenfreiheit in ihr Wahlprogramm aufgenommen haben."
Die FDP spricht dagegen von Gießkannenpolitik. Familien mit geringem Einkommen müssten unterstützt werden, meint FDP- Landeschef und Fraktionsvorsitzender Ulrich Rülke. Die Forderung sei aber ein teures und populistisches Versprechen. Die AfD lehnt eine verpflichtende Kita-Betreuung grundsätzlich ab. Man stehe für Wahlfreiheit. Statt einem gebührenfreien Kita-Jahr fordere man gezielte Vorschulklassen für Kinder, die noch nicht ausreichend über Deutschkenntnisse verfügen, sagt der Co-Landesvorsitzende und Landtagsabgeordnete Emil Sänze.
Städtetag: Landespolitik denkt über Geschenke nach
Eine kritische Stimme kommt vom Städtetag Baden-Württemberg. Wer gebührenfreie Zeiten in der Kindertagesbetreuung verspreche, müsse gleichzeitig ehrlich erklären, wie diese vollumfänglich und nachhaltig abgesichert aus Landesmitteln finanziert werden sollen. Das dürfe nicht zu Lasten der kommunalen Haushalte gehen.
Bislang entscheiden in Baden-Württemberg die Träger der Kindertageseinrichtungen über die Gebühren. In Heilbronn und Künzelsau (Hohenlohekreis) beispielsweise ist schon lange möglich, wovon Eltern anderswo träumen. In Heilbronn ist der Kindergarten seit über 18 Jahren kostenfrei, ansonsten ist das in Baden-Württemberg nur in Künzelsau der Fall. Tatsächlich müssen in vielen Bundesländern Eltern nichts für die Betreuung im Kindergarten bezahlen. Im Nachbarland Rheinland-Pfalz sind Kinder ab dem zweiten Lebensjahr beitragsfrei.
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