Wohnen in der Zukunft

Bei Hitze ein kühles Haus ohne Klimaanlage: "Die Handwerker sind alle überrascht"

Draußen Hitzewelle, drinnen angenehm. Und das ganz ohne klassische Klimaanlage. So sieht ein klimafreundliches und gleichzeitig klimaresilientes Haus aus.

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Von Autor/in Margareta Holzreiter

Draußen brennt die Sonne, das Thermostat misst über 30 Grad im Schatten in Eberbach im Rhein-Neckar-Kreis. Im Inneren des Hauses dagegen ist es mit 24 Grad deutlich angenehmer. Dass die Sommerhitze draußen bleibt, daran haben Günter und Claudia Holl drei Jahre lang gearbeitet, obwohl Innenarchitekt Holl eigentlich schon länger im Ruhestand ist.

Ihr Ziel: Ein klimafreundlich gebautes Haus, das gleichzeitig auf den Klimawandel vorbereitet ist. Schon im Baustellen-Zustand zeigt sich nun also: Das scheint zu klappen mit der Kühle im Innenraum. "Die Handwerker sind alle überrascht", erklärt Holl. Gelungen ist das durch eine Kombination aus guter Planung, natürlichen Baustoffen, cleverer Haustechnik und einer besonderen Fassade.

Ehepaar Holl bei der Planung.
Für Claudia und Günter Holl gehen Klimaschutz, Klimaanpassung und Wohnkomfort Hand in Hand.

Angenehmes Raumklima durch Lehmdecke

Statt einer konventionellen Klimaanlage hat der Innenarchitekt in der Decke mehrerer Wohnräume Lehmmodule verbaut. Lehm ist ein natürliches Material, das regional verfügbar ist und eine bessere Klimabilanz hat als Beton oder herkömmliche Gipskartonplatten. Der Vorteil von Lehm laut Günter Holl: "Lehm ist ein Material, das Feuchtigkeit aufnehmen kann, Feuchtigkeit abgeben kann und dadurch temperaturausgleichend ist. Deshalb habe ich immer ein angenehmes Raumklima."

Durch die Deckenmodule aus Lehm verlaufen auch die Wasserleitungen der Deckenheizung. Diese wird im Winter über eine Wärmepumpe mit warmem Wasser versorgt. Im Sommer kann hier aber bei Bedarf kühles Wasser durch die Rohre geleitet werden, wodurch die Räume zusätzlich gekühlt werden. Und das ohne den Lärm oder die Abwärme herkömmlicher Klimaanlagen oder Kühlgeräte.

Sonneneinstrahlung bedenken

Bei der Planung des Hauses wurde auch berücksichtigt, von welchen Seiten und in welchem Winkel die Sonne auf das Haus einstrahlt und es von außen aufheizt. Für die Bauphysikerin Pia Krause ist das ein entscheidender Faktor. Sie forscht am Fraunhofer Institut für Bauphysik in Stuttgart zu klimaangepassten Gebäuden. Empfehlenswert sind aus ihrer Sicht möglichst wenige unverschattete Fensterflächen in Richtung Westen. Außerdem rät sie zu gegenüberliegenden Fensterfronten, die in den kühlen Morgenstunden ein effektives Querlüften ermöglichen. Und sie empfiehlt möglichst helle Farben für die Außenwand von Gebäuden.

Bauphysikerin Dr.-Ing. Pia Krause.
Bauphysikerin Dr.-Ing. Pia Krause vor der begrünten Fassade, einem Forschungsprojekt.

Holzfassade mit Luftstrom

Innenarchitekt Holl setzt bei seinem Haus auf eine Fassade aus hellen Holz-Lamellen, die die Dämmung aus Holzfaser schützen, aber nicht direkt auf ihr aufliegen. Stattdessen sind sie mit etwa drei Zentimetern Abstand angebracht. So entsteht "eine Luftströmung, die nochmal ein bisschen einen Kühleffekt bringt", erklärt Günter Holl.

Fassadenbegrünung: Pflanzen als natürliche Klimaanlage

Wie eine begrünte Fassade zur Kühlung beitragen kann, zeigt ein Forschungsprojekt des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik in Stuttgart. Bauphysikerin Pia Krause erklärt die doppelte Wirkung der Pflanzenwand: "Einerseits kühlen die Pflanzen durch den Prozess der Verdunstung selbst und andererseits schützen sie die Fassade dahinter vor der direkten Sonneneinstrahlung."

Für Wohnhäuser empfiehlt die Wissenschaftlerin jedoch eine einfachere Variante: Begrünung vor der Wand statt direkt auf der Fassade. Das können etwa Kletterpflanzen auf Rankgittern sein, die vor der Außenwand aufgestellt werden. Solche Lösungen sind günstiger und es besteht weniger Gefahr, dass die Fassade beschädigt wird.

Vor einer Fassade wachsen Kletterpflanzen.
So wie ihr am Fraunhofer IBP in Stuttgart kann eine begrünte Fassade aussehen.

Klima in der Bauplanung immer wichtiger

Fraunhofer-Forscherin Krause beobachtet, dass Klimarisiken wie Hitze bei der Bauplanung eine immer größere Rolle spielen. Die gute Nachricht: Sie sieht hier noch viel Potenzial, gerade im Wohnungsbau. Wenn wir konsequent Klimaresilienz in der Planung berücksichtigen, schätzt Krause, kann in Deutschland vielerorts noch lange auf Klimaanlagen verzichtet werden. Ausgenommen sind davon allerdings Gebäude für Risikogruppen wie etwa Krankenhäuser und Seniorenheime.

Gleichzeitig muss der Bausektor laut Bauphysikerin Krause selbst dazu beitragen, den Klimawandel nicht weiter anzuheizen: Klimaschutz und Klimaanpassung müssten "Hand in Hand gehen und beim Planen und Bauen auch immer gemeinsam gedacht werden und umgesetzt werden."

Umdenken im Bausektor

Innenarchitekt Holl hofft nach vielen Jahren in der Baubranche vor allem auf Veränderungen in den Köpfen: "Die größte Herausforderung wird sein, dass die Leute zum Umdenken kommen, dass sie lernen, mit anderen Materialien umzugehen, die Ressourcen sparen und wenn der Lebenszyklus vom Haus abgelaufen ist, diese auch wieder in den Kreislauf zurückführen können."

Sein Haus in Eberbach baut er gleich so, dass dessen Bestandteile am Ende wieder recycelt werden können.

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Margareta Holzreiter

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