Die Corona-Herbstwelle hat begonnen, die Zahl der Infektionen ist in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen. Allerdings müssen sich die allermeisten Menschen deswegen wohl keine Sorgen machen. Denn bislang geht von den Viren keine größere Gefahr aus als in den vergangenen Jahren, sagt der Chef der Virologie am Heidelberger Uniklinikum, Professor Hans-Georg Kräusslich, im Interview mit dem SWR.
SWR Aktuell: Herr Prof. Kräusslich, gefühlt ist ja die halbe Welt erkältet, und ganz viele, so hat man zumindest den Eindruck, haben auch tatsächlich wieder Corona. Täuscht der Eindruck oder haben wir ein erhöhtes Infektionsgeschehen im Moment?
Hans-Georg Kräusslich: Wir haben ein jahreszeitlich erhöhtes Infektionsgeschehen. Das ist typisch. Die geringsten Zahlen an Atemwegsinfektionen hat man so im Juni, Juli bis in den August hinein. Und ab September, Ende der Schulferien, steigt es dann in den Herbst hinein an. Das sehen wir jedes Jahr. Das kann man auch sehr schön mit den Zahlen, die gemeldet werden, überprüfen. Und wir liegen im langjährigen Durchschnitt. Das Jahr ist nicht besonders für den Oktober, soweit wir es bis jetzt beurteilen können, weder besonders hoch noch besonders niedrig. Das gilt sowohl für die üblichen Atemwegserreger als auch für Corona. Wir haben einen deutlichen Anstieg für Corona im Herbst. Den hatten wir auch im Vorjahr. Den werden wir auch in den nächsten Jahren wieder sehen. Der Erreger hat sich bei uns etabliert.
SWR Aktuell: In der Statistik tauchen ja im Grunde nur die Personen auf, die sich auch krankschreiben lassen, was jetzt Corona angeht - alle anderen wahrscheinlich nicht, und vermutlich wird auch gar nicht mehr so viel getestet. Heißt das, wir haben möglicherweise eine sehr hohe Dunkelziffer?
Kräusslich: Also wir haben ganz sicher eine Dunkelziffer, weil auch keine Notwendigkeit mehr besteht. Es gibt ja auch keine besonderen Maßnahmen für Corona-Infektionen im Vergleich zu anderen Atemwegsinfektionen - "Bleib zu Hause, solange du ansteckend bist, und komm nicht in die Gemeinschaft in dieser Zeit". Aber wir haben schon eine ganz gute Überwachung, auch was die Dunkelziffer betrifft, und das geht über das sogenannte Abwassermonitoring.
Das bedeutet, dass jede Woche in Kläranlagen in verschiedenen Städten und Bundesländern - ich habe hier die Zahlen von Heidelberg vorliegen - Wasserproben aus der Kläranlage gezogen werden und geschaut wird, welche Erbsubstanz welcher Erreger kann man in welcher Menge darin finden. Nun geht da schon auch was kaputt, aber man kann das immer noch ganz gut auswerten und vor allem von Fall zu Fall ansehen.
Virologe Kräusslich: Keine höhere Belastung durch Coronaviren
Und wenn ich mir jetzt Heidelberg, aber auch den Bundestrend anschaue, dann sieht es so aus, wie ich es Ihnen eben beschrieben habe: Ab September steigt es an, und jetzt Anfang, Mitte Oktober haben wir so etwa ein Plateau momentan erreicht. Also in den letzten zwei Wochen ist es etwa gleich geblieben und fällt leicht ab. Im Unterschied zu dem, was wir eben besprochen haben, wo eben tatsächlich nur die, die zum Arzt gehen oder in die Klinik kommen, untersucht werden, ist im Abwasser alles drinnen, weil jeder von uns die Toilette benutzt. Insofern ist dort die Dunkelziffer mit enthalten. Aber auch hier sehen wir nicht, dass es deutlich höher als in den Vorjahren wäre, eher geringer als im letzten Jahr.
SWR Aktuell: Wie gefährlich sind die aktuellen Corona-Erreger?
Kräusslich: Das ist kein Unterschied zu dem, was wir in den letzten Jahren gesehen haben. Das ist immer noch Omikron. Da kommt immer wieder eine neue Variante, jetzt wieder eine, die im letzten Winter im Januar erstmals weltweit aufgetreten ist und die sich jetzt über den Sommer überall durchgesetzt hat, in Europa, in den USA, in allen Regionen der Welt.
Wir sehen keinen Anstieg in den schweren Fällen.
Die machen gewisse kleinere Unterschiede in der Infektiosität. Deswegen setzen sie sich durch. Sie müssen im Immunsystem etwas besser zurechtkommen, sonst würde man sie nicht sehen. Aber im Krankheitsbild gibt es keinen wesentlichen Unterschied. Und wichtig: Wir sehen keinen Anstieg, weder für Corona noch für Atemwegsinfektionen überhaupt auf die Saison bezogen in den stationären Aufnahmen, in den schweren Fällen, in den Kliniken. Wenn man also die schweren, akuten Atemwegserkrankungen, die stationär aufgenommen sind, bundesweit anschaut und den Oktober dieses Jahr mit den Vorjahren vergleicht, ist es eher etwas niedriger als in den Vorjahren. Das gilt für Corona, aber natürlich auch für die anderen schweren Atemwegsinfektionen.
Das heißt aber nicht, um es deutlich zu sagen, dass es keine schweren Fälle mehr gibt. Es ist nur eine Situation, die wir de facto jedes Jahr in der Form etwas mehr, etwas weniger, dieses Jahr vielleicht eher etwas weniger sehen.
Corona oder Grippe - was ist schlimmer?
SWR Aktuell: Kann man sagen - aus Sicht des Patienten - was derzeit schlimmer wäre, sich mit Corona oder mit der Grippe zu infizieren?
Kräusslich: Die Wahrscheinlichkeit, sich mit Corona zu infizieren, ist um diese Jahreszeit deutlich höher, weil wir fast noch keine Grippe sehen. Die Influenza kommt typischerweise zum Jahresende hoch und hat ihren Höhepunkt im Februar. Corona kommt früher. Das sehen wir schon im September, Oktober, November. Und je nachdem fällt es dann über den Winter ab oder bleibt gleich. Ich glaube, das Risiko besteht im Wesentlichen in beiden Fällen für ältere Patienten, also über 80-Jährige, sowie für Patienten mit Grunderkrankungen, Tumorerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Atemwegserkrankungen und für immunsupprimierte Patienten. Und dem entsprechen ja auch die Impfempfehlungen.
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Ich kann also immer wieder nur betonen, dass diese Altersgruppe und diese Risikopersonen sinnvollerweise sich jetzt zu Beginn der Saison, und das ist immer noch rechtzeitig dafür, sowohl gegen Corona als auch gegen Grippe impfen lassen, weil beide ein gewisses Risiko haben. Ob das jetzt im individuellen Fall etwas höher oder niedriger ist, kann man nicht sagen. Aber wenn ich geimpft bin, habe ich zumindest einen gewissen erheblichen Schutz gegen die schwere Erkrankung, nicht gegen die Infektion notwendigerweise. Ich kann mich immer noch infizieren, aber ich komme damit mit einer guten Wahrscheinlichkeit nicht ins Krankenhaus.
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SWR Aktuell: Und die Corona-Impfungen von vor ein paar Jahren, schützen die immer noch?
Kräusslich: Wahrscheinlich gibt es in allen Menschen, die eine Impfung, mehrere Impfungen und mehrere Infektionen durchgemacht haben, einen länger dauernden Schutz. Aber wir können uns das natürlich nur von Jahr zu Jahr anschauen. Man sagt, drei Kontakte mit dem Erreger oder mehr sind für den gesunden Erwachsenen ausreichend, um zumindest über eine gewisse Zeit - wie lange das ist, kann ich Ihnen im Moment nicht ganz sicher beantworten - einen Schutz zu haben.
Das Immunsystem des älteren, des immungeschwächten Patienten, des Patienten mit schweren Grunderkrankungen ist aber weniger stabil. Das heißt, die Antwort geht schneller zurück. Deswegen die Empfehlung, in diesen Gruppen jährlich sich impfen zu lassen. Ich bin 67, ich lasse mich sowohl gegen Grippe als auch gegen Corona impfen.