Verliert Henry Jarecki seine Ehrensenatorwürde der Universität Heidelberg oder das Bundesverdienstkreuz? Kaum ein Tag, an dem nicht ein neuer Fall durch die Epstein-Akten ans Licht kommt. Seit mehr als einer Woche (19.2.2026) steht diese Frage im Raum. Ins Rollen gebracht haben die Diskussion die Jusos Heidelberg, die Jugendorganisation der SPD. In einem Beitrag auf Instagram schildern sie, welche Verbindungen zwischen Jarecki und Epstein nach Aktenlage bestanden haben könnten. Der Clip wurde hunderttausendfach abgerufen.
Unter anderem hat sich die Grünen Politikerin und Bundestagsabgeordnete für Heidelberg, Franziska Brantner, den Forderungen der Jusos angeschlossen. Die Stadt solle ihre Zusammenarbeit und die Beziehung zu Jarecki überprüfen. Auch das Bundespräsidialamt, die Bundesregierung sowie die Universität Heidelberg werden von ihr angesprochen: Sie sollen prüfen, ob Jarecki seine Auszeichnungen behalten könne. Doch ganz so einfach ist es nicht. In Baden-Württemberg steht die Landtagswahl an. Die juristische Bewertung steht noch einmal auf einem ganz anderen Blatt.
Jarecki und Epstein-Files: Bislang nur ein Vorwurf
Henry Jarecki ist kein Unbekannter in Heidelberg. Im Gegenteil: Der amerikanische Großinvestor und Psychiater investierte viele Millionen Euro in die Stadt. Damit hat der mittlerweile 92-jährige einen großen Teil zum Stadtentwicklungsprojekt Bahnstadt beigetragen.
Eckart Würzner (parteilos), Heidelberger Oberbürgermeister, nennt ihn bei einem Richtfest 2011 "unseren großen Freund". Wer sich mit den Epstein-Files beschäftigt weiß aber auch: Allein die Bekanntschaft zu Epstein war oder ist nicht strafbar. Auch Fotos, die eine Nähe Jareckis zu Epstein suggerieren, sind nicht mehr als ein Indiz für ein mögliches Vergehen. Eine schnelle Reaktion käme einer Vorverurteilung nahe.
Jarecki: 92 Jahre alt, fortgeschrittene Demenz
Von Seiten der Stadt Heidelberg hieß es in dieser Woche auf SWR-Anfrage: Man unterhalte Geschäftsbeziehungen mit der Max-Jarecki-Stiftung, nicht mit der Person Henry Jarecki. Man stehe in Kontakt. Und: Es sei jetzt Aufgabe der Ermittlungsbehörden, die Aktenlage zu bewerten.
Der SWR hat Jarecki über dessen Stiftung um Stellungnahme gegeben. Von Seiten eines Sprechers hieß es, Jarecki sei fast 93 Jahre alt und leide an fortgeschrittener Demenz. Er sei nicht ansprechbar. Detaillierte Fragen zu Mails von vor über zehn Jahren könne Jarecki deshalb nicht beantworten. In einem Statement der Jarecki-Stiftung heißt es weiter:
Hätte Dr. Jarecki die Informationen die nun öffentlich sind besessen, hätte er jegliche Verbindung zu Epstein unmissverständlich zurückgewiesen. Vor Ausbruch seiner Krankheit äußerte Dr. Jarecki im privaten Kreis tiefes Bedauern über jegliche Verbindung zu Epstein.
Gegenüber dem SWR hieß es von Seiten des Jarecki-Sprechers zudem, dass "politische Kandidaten ihren Wählern am besten dienen, wenn sie sich auf die drängenden lokalen Probleme ihrer Gemeinden konzentrieren. Das erneute Aufgreifen dieses Themas so kurz vor dem Wahltag erscheint eher politisch als inhaltlich motiviert."
Universität Heidelberg und Bundespräsidialamt äußern sich zurückhaltend
Der SWR hat auch die Universität Heidelberg sowie das Bundespräsidialamt um Antwort gebeten. Von Seiten der Universität heißt es am 27.2.: "Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der sogenannten Epstein-Akten ist auch die Person Henry G. Jarecki in den Fokus geraten. An die Universität Heidelberg wurde in diesem Kontext die Forderung herangetragen, eine Aberkennung der Ehrensenatorwürde zu prüfen und gegebenenfalls einzuleiten. Die Universität behält die weiteren Entwicklungen sorgfältig im Blick. Der Senat als zuständiges Gremium wird die Sachlage beraten, verfolgen, ob Ermittlungen eingeleitet werden, und auf rechtlicher Grundlage mögliche Konsequenzen prüfen."
Aus dem Bundespräsidialamt in Berlin heißt es, "im Hinblick auf den im Ordenswesen durchgängig geltenden Grundsatz der Vertraulichkeit und mit Blick auf das Persönlichkeitsrecht kann im individuellen Fall über die Einleitung bzw. den Stand einer Prüfung keine Auskunft gegeben werden." Grundsätzlich kann einem Ordensträger die Auszeichnung entzogen werden, wenn er sich durch sein Verhalten, insbesondere durch Begehen einer entehrenden Straftat, der verliehenen Auszeichnung unwürdig erwiesen hat.
Bei Henry Jarecki ist das bisher nicht der Fall. In einem zurückliegenden Verfahren in den USA zog im April 2025 ein ehemaliges Model ihre Klage gegen Jarecki zurück. Zivilrechtliche Klagen können auch in Deutschland zurückgenommen werden. Das entscheidet immer die private Person, die geklagt hat.
Moralisch verwerflich?
Konkret stehen mindestens drei Dokumente aus den öffentlich zugänglichen Epstein-Files in Bezug auf Jarecki im Fokus. Viele Seiten, die viele Vermutungen zulassen. Der SWR hat diese geprüft. Nachdem Epstein 2009 aus seiner zwölfmonatigen Haft entlassen wurde, schreibt ihm Henry Jarecki laut den öffentlich zugänglichen Doukmenten in einer Mail: "The King is restored" (Der König ist zurück). Dann, so lässt es sich in den öffentlich einsehbaren Dokumenten lesen, fragt Jarecki ihn, wann die nächste Party sei.
In einer Mail von 2011 mahnt der 2019 verstorbene Sexualstraftäter Epstein Jarecki an, er solle Mädchen, die bereit seien mit ihm in eine Liebesbeziehung zu gehen, "nicht foltern und schlecht behandeln".
2009 soll eine Mitarbeiterin Jareckis außerdem eine Mail an Jeffrey Epstein verfasst haben, in der behauptet wird, Jarecki würde ein Buch mit dem Namen "What if I get caught?" (Was, wenn ich erwischt werde?) schreiben. Jarecki habe ausrichten lassen, Epstein solle doch bitte Co-Autor sein.
Ob Jareckis Handeln, so wie es die öffentlich zugänglichen Dokumente zeigen, gegen das Gesetz verstoßen hat, müssen aktuell die zuständigen Behörden prüfen. Auch wenn aus dem Schriftverkehr die Option zumindest möglich erscheint, dass Henry Jarecki und Jeffrey Epstein mehr als nur Geschäftspartner waren: Bis das Gegenteil bewiesen ist, gilt auch hier die Unschuldsvermutung. Noch einmal: Von Jareckis Sprecher heißt es, er könne detaillierte Fragen zu Mails, die vor mehr als einem Jahrzehnt versandt wurden, nicht mehr beantworten.
Von Seiten der ARD-Rechtsredaktion ist die Einordnung klar:
Wenn die Staatsanwaltschaft in Deutschland konkrete Anhaltspunkte für ein Verhalten hat, das auch strafrechtlich relevant ist, dann muss sie die Ermittlungen aufnehmen und hat keinen Spielraum, das einfach sein zu lassen. Was am Ende rauskommen wird, muss dann das Ermittlungsverfahren zeigen.