Fünf wichtige Fragen zum Missbrauchsskandal um Jeffrey Epstein und den bisherigen Stand der Recherchen:
Gibt es noch Transparenz im Epstein-Skandal?
Welche Einsichten vermitteln die Epstein-Akten?
Triggert der Skandal Verschwörungstheorien?
Welche Folgen hat das für Kunst und Wissenschaft?
Wie stark ist Europa vom Skandal betroffen?
Gibt es noch Transparenz im Epstein-Skandal?
Vermutlich ja, auch wenn das US-Justizministerium weiterhin Unterlagen zurückhält. Allerdings könnte es eine Sache von Monaten und Jahren werden.
Weltweit arbeiten Recherche-Teams an der Sichtung der Files. Im Netz gibt es zahlreiche Aktivitäten zur Systematisierung, zum Beispiel in Subforen auf Reddit. Die Mails von Jeffrey Epstein gibt es bereits als KI-Sammlung.
Was bislang fehlt, sind konsequente Ermittlungen der US-Justizbehörden gegen neue Tatverdächtige. Vermutlich wird die Strafverfolgung aber erst in Gang kommen, wenn Donald Trump nicht mehr US-Präsident ist.
Welche Einsichten vermitteln die Epstein-Akten?
Vor allem ein detailliertes Bild des Missbrauchsrings. Sichtbar wird eine schwerkriminelle Elite der US-Gesellschaft: misogyne Männer mit Allmachtsfantasien.
Auch in den philanthropischen Kreisen von Jeffrey Epstein aus Kunst und Wissenschaft verkehrten einzig Männer. Einige von ihnen wie die Kunstmäzene Leslie Wexner und Leon Black wurden zu Missbrauchstätern.
Frauen waren allerdings auch Mittäterinnen. Neben Ghislaine Maxwell als Managerin beschäftigte Epstein etliche sogenannte „Assistentinnen“, häufig selbst frühere Missbrauchsopfer. Sie hatten die Aufgabe, dem Kreis immer neue Opfer zuzuführen, zum Beispiel über Model-Agenturen.
Triggert der Skandal Verschwörungstheorien?
Leider ja. Das US-Justizministerium befeuert den Verdacht, Reiche und Mächtige würden weiterhin geschützt. Symptomatisch: Der Sänger Xavier Naidoo, der im Februar faktenfrei behauptete, Epstein-Täter hätten Kinder nicht nur missbraucht, sondern gegessen.
Als sogenannter QAnon-Glaube werden solche irrsinnigen Anschuldigungen seit Jahren vor allem gegen Vertreter liberaler Eliten gerichtet. Da Epstein jüdisch war, verbreiten sich weltweit auch antisemitische Deutungen des Skandals, vor allem über Instagram.
Welche Folgen hat das für Kunst und Wissenschaft?
In den USA hat der Skandal das Vertrauen in Kunsthandel und Museen, Universitäten und Colleges erschüttert. Milliardäre und Kunstmäzene wie Leslie Wexner und Leon Black waren zentrale Geldgeber von Epstein.
Wissenschaftseinrichtungen akzeptierten hohe, zum Teil verschleierte Spenden von Epstein. In der Edge Foundation des Literatur-Agenten John Brockman scharten sich renommierte Wissenschaftler um Epstein, unter ihnen Noam Chomsky, Richard Dawkins, Marvin Minsky und Steven Pinker. Der Kreis diente Epstein vor allem als Beleg seiner philanthropischen Tätigkeit.
Wie stark ist Europa vom Skandal betroffen?
Zentrum des Epstein-Skandals sind die USA. Dennoch knüpfte Epstein auch in Europa viele Kontakte, vor allem von Paris aus. Er versuchte, Firmen mit europäischen Partnern zu gründen und Prominente in sein Netzwerk zu ziehen.
Beispiele dafür sind der ehemalige britische Prinz Andrew, mutmaßlich ebenfalls Missbrauchstäter, und die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit. In Deutschland steht die Deutsche Bank im Zwielicht, die bis 2019 mehr als 40 Konten von Epstein geführt hat. Auch mit dem Burda-Verlag hätte Epstein gerne Geschäfte gemacht. Dazu ist es allerdings nicht gekommen.
Anders als in den USA wird in Europa in relevanten Fällen ermittelt. Würden die US-Behörden den bekannten Verdachtsmomenten nachgehen, würde wohl auch ein anderes Bild über Ausmaß und Verteilung der Straftaten entstehen.
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Wie aber finden sich Profis in dem Datendschungel zurecht? Einer alleine könne das nicht bewältigen, sagt Investigativjournalistin Verena von Ondarza vom NDR im Gespräch mit SWR KULTUR: „Deswegen haben wir als Redaktion uns entschieden, die Daten komplett runterzuladen, um sie besser durchsuchbar zu machen“, um gezielt nach wirtschaftlichen Verbindungen zu recherchieren.
Besonders brisant ist der rekonstruierte Versuch Epsteins, 2009 über Mittelsmänner seiner damaligen Hausbank JPMorgan Chase die angeschlagene Privatbank Saal Oppenheim zu übernehmen. Zudem war Epstein ab 2013 Kunde der Deutsche Bank – obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits verurteilt war – eine Geschäftsbeziehung, die erst nach seiner erneuten Festnahme beendet wurde. Ein Fehler, wie die Deutsche Dank später bekannt gab.
Dass sich die Sexualverbrechen Epsteins von seinen Finanzgeschäften trennen lassen, scheint ausgeschlossen:
„Nein, also ich würde sagen, auf jeden Fall nicht“, sagt von Ondarza und verweist darauf, dass sein durch Kindesmissbrauch und Menschenhandel aufgebautes Netzwerk für Banken wie die Deutsche Bank offenbar als Türöffner in die Welt der Superreichen galt.
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Investigativreporterin; Prof. Dr. Michael Hartmann – Soziologe; Anne McElvoy –Chefredakteurin bei POLITICO