Offensive der israelischen Armee im Gazastreifen

Interview: Deutsch-Israelische Gesellschaft in Mannheim zu wachsender Kritik an Israel

Das Vorgehen der israelischen Armee im Gazastreifen hat international Kritik an Israel ausgelöst. Ein brisantes Thema auch in Mannheim, bei der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

Teilen

Stand

Die internationale Kritik am Vorgehen der israelischen Armee im Gazastreifen im Kampf gegen die Terrororganisation Hamas wächst. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas sagte, der "unverhältnismäßige Einsatz von Gewalt und der Tod von Zivilisten" könne nicht toleriert werden. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) bezeichnete die israelischen Angriffe als "abscheulich". Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte zuvor argumentiert, das Vorgehen der israelischen Armee lasse sich "nicht mehr mit einem Kampf gegen den Terrorismus der Hamas begründen".

Im SWR-Interview äußert sich dazu Chris Rihm, von der Mannheimer Arbeitsgemeinschaft der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG).

Chris Rihm, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Rhein-NeckarMannheim
Chris Rihm, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Rhein-Neckar/Mannheim Chris Rihm

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) teilt im Internet mit, sie wolle "die menschlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Deutschen und Israelis festigen und weiterentwickeln. Dabei agieren wir überparteilich und in steter Solidarität mit dem Staat Israel und seiner Bevölkerung".

SWR Aktuell: Aus der jüdischen Gemeinde Mannheim hören wir, man sei aktuell sehr zwiegespalten - die einen sind pro Israel und pro Ministerpräsident Netanjahu, die anderen gegen ihn. Wie nehmen Sie die Stimmung der Jüdinnen und Juden in Ihrem Umfeld und in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft wahr?

Chris Rihm: Wir nehmen das auch bei uns zwiegespalten wahr. Wobei man unterscheiden muss zwischen dem militärischen Vorgehen und der Person Netanjahu. Das darf man nicht miteinander vermischen. Wir können festhalten, der Krieg hätte schon längst beendet werden können, wenn die Hamas die Waffen niedergelegt und die Geiseln freigelassen hätte. Punkt zwei: In dem Krieg gibt es leider - und das sehen wir auch im Gazastreifen - unzählige Zivilopfer, darunter auch Kinder. Das ist eine Tragödie. Auf der anderen Seite greifen sowohl die Hamas als auch die Huthis und davor auch die Hisbollah Israel an. Ich kenne auch viele Menschen, die in Israel leben, die ständig in Bunkern sind. Und gegen die Terrorangriffe muss man sich auch zur Wehr setzen.

SWR Aktuell: Wir wissen, wie dieser Konflikt begonnen hat, mit dem Überfall am 7. Oktober 2023 der Hamas auf Unschuldige mit Toten, Verletzten und Geiselnahmen. Aber wie geht es Ihnen persönlich, wenn Sie Tag für Tag die Bilder aus dem Gazastreifen sehen, mit etlichen toten oder schwer verletzten Zivilisten, Frauen und Kindern, dazu zerbombte Krankenhäuser... Ist das nicht doch ziemlich maßlos, wie die israelische Armee da vorgeht?

Rihm: Das kann man von hier aus nicht zu hundert Prozent bewerten, ob das maßlos ist. Ich versuche, mir beide Seiten anzuschauen. Das eine ist, dass die Hamas eben auch aus Krankenhäusern und aus zivilen Gegenden angreift. Das ist schon seit fast zwei Jahren so. Das ist perfide. Dass Menschen sterben, Kinder, Frauen, das ist eine Tragödie. Ich weiß aber auch nicht, wie man es anders lösen soll. Und das kommt mir auch in der Diskussion zu kurz. Also, dass alle sagen: "Israel, hör auf!". Aber ich nehme nicht wahr, dass man sich auch an die Hamas oder an die Huthi wendet. Da ist es eher still.

SWR Aktuell: Bundeskanzler Merz hat kürzlich gesagt, was die israelische Armee da aktuell im Gazastreifen tue, das verstehe er nicht und sei mit dem Kampf gegen die Hamas nicht zu begründen. Ausführlich hat er gesagt, die Zivilbevölkerung derart in Mitleidenschaft zu nehmen, lasse sich nicht mehr mit einem Kampf gegen den Terrorismus der Hamas begründen. Können Sie diese Äußerungen des Bundeskanzlers nachvollziehen?

Rihm: Nur bedingt kann das nachvollziehen. Ich glaube, es lohnt sich tatsächlich, vor Ort zu fahren und sich die Lage tatsächlich anzuschauen. Wir wissen auch, dass die Hamas die ganze Zeit Hilfslieferungen beschlagnahmt hat, um damit Geld zu verdienen. Jetzt wissen wir seit zwei Tagen, dass es auch anders gehen kann, das Hilfslieferungen die Menschen erreichen können. Dass die Hamas besiegt werden muss, ist für mich zumindest klar. Ansonsten wird es wieder einen 7. Oktober geben. Ja, ich glaube, man braucht tatsächlich das militärische Eingreifen. Das ist zumindest meine Meinung.

SWR Aktuell: Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat Verständnis für die Aussagen von Merz geäußert. Natürlich hat er auch zugleich vor israelbezogenem Hass in Deutschland gewarnt. Aber er könne es verstehen, wenn der Bundeskanzler sich in der aktuellen Situation zur Lage in Gaza äußert und auch kritische Töne sendet. Ich gebe Ihnen noch ein Zitat von ihm: "Der Kampf gegen die Hamas ist existenziell für Israel und ohne Alternative. Aber zivile Opfer müssen so gering wie möglich gehalten werden. Humanitäre Hilfe für die Zivilbevölkerung in Gaza ist notwendig". Gerade jetzt, was die humanitäre Hilfe angeht, ist das nicht alles viel zu wenig, was da passiert?

Rihm: Auch hier glaube ich, dass eine Bewertung schwierig ist, wenn man es einfach nur von außen betrachtet. Und vor allen Dingen, wenn ich mir die vielen KI-Bilder auch anschaue, die insbesondere in den sozialen Netzwerken im Moment kursieren. Ich nehme wahr, dass Israel jetzt seit zwei Tagen die Hilfslieferungen anders organisiert. Dass Hilfe tatsächlich auch ankommt. Und ich nehme wahr, dass viele Hilfslieferungen in den vergangenen Monaten von der Hamas konfisziert worden sind und für andere Zwecke missbraucht worden sind. Und insofern hoffe ich, dass die humanitäre Hilfe mit der neuen Ordnung zur Bevölkerung kommt, dass der Bevölkerung effektiver geholfen wird, als es bisher der Fall war. Es war bisher desaströs, das ist klar. Die Frage ist nur, wer trägt die Verantwortung? Ist es allein Israel? Oder ist es vielleicht doch eher die Hamas? Da bin ich eher vorsichtig in den Äußerungen. Ich verfolge auch die sozialen Netzwerke und internationale Nachrichten. Das ist vor einer Woche sehr einseitig gegen Israel gekippt.

SWR Aktuell: Es gab ja mehrere Hilfsorganisationen, die zitiert wurden, die das ähnlich sehen, dass es viel zu wenig humanitäre Hilfe gibt.

Rihm: Wie gesagt, ich war auch nicht im Gazastreifen, insofern kann ich es auch nicht aus erster Hand bewerten. Ich nehme da sehr unterschiedliche Töne wahr, je nachdem mit wem man spricht und welche Medien man konsumiert. Insofern hoffe ich, dass der Zivilbevölkerung jetzt effektiver geholfen wird und ich glaube auch, dass es mit dem neuen System wesentlich besser funktioniert. Auch das Thema über die UNRWA war tatsächlich ein Fiasko. Das hat auch nicht geklappt.

SWR Aktuell: Die Sicherheit Israels ist deutsche Staatsräson, hieß es bisher. Ändert sich das gerade? Was haben Sie für ein Gefühl?

Rihm: In meinem Gefühl ändert sich das gerade tatsächlich. Es gibt ja entsprechende Initiativen von mehreren Abgeordneten, parteiübergreifend. Auch die Mannheimer Abgeordnete Cademartori ist da vorne mit dabei. Ich finde die Diskussion tatsächlich ein bisschen schräg, weil die Waffen, die bisher geliefert worden sind, wenn man sich mal Deutschland anschaut, sind Verteidigungswaffen. Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, ein Volk von Jüdinnen und Juden schutzlos zu hinterlassen. Man muss ja auch da immer differenzieren. Welche Waffen haben wir bisher geliefert? Deutschland liefert keine Angriffswaffen. Und jetzt die Forderung aufzustellen, auch keine Verteidigungswaffen mehr zu stellen, macht aus meiner Sicht keinen Sinn und ist zu kurz gedacht.