Frauen als besonders schutzwürdig eingestuft

Nach EuGH-Urteil: So geht es afghanischen Frauen in Heidelberg

Frauen in Afghanistan leiden besonders unter der Taliban-Herrschaft. Der Europäische Gerichtshof stufte sie als besonders schutzwürdig ein. Das ist auch in Heidelberg zu spüren.

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Von Autor/in Anna Mohl

Frauen aus Afghanistan werden verfolgt, allein weil sie Frauen sind, und haben deshalb Anspruch auf Schutz - das entschied der europäische Gerichtshof Ende 2024. Für geflüchtete Frauen bedeutet dieses Urteil eine neue Chance, anerkannt zu werden - ohne weitere Fluchtgründe anführen zu müssen.

Hila kommt aus Afghanistan und ist 17 Jahre alt. Schon seit sechs Jahren lebt sie mit ihrer Familie in Heidelberg, hat einen Realschulabschluss gemacht und eine Ausbildung begonnen. Dieses Leben wünscht sie sich auch für ihre Schwester Halima, die erst vor kurzem nachgekommen ist. Hila hofft auf Asyl für Halima.

Hilfe vom Arbeitskreis Asyl

eine junge afghanische Frau läuft auf den Betrachter zu, sie trägt eine Kopfbedeckung und eine Maske.
Hila selbst ist in Heidelberg gut angekommen; nun wünscht sie sich das Gleiche für ihre Schwester Halima. (Namen von der Redaktion geändert)

Der Arbeitskreis Asyl Heidelberg möchte sie bei ihrem Anliegen unterstützen. Die Ehrenamtliche Mia Lindemann kennt das Schicksal, das Halima drohen würde, die Anglistik studiert hat, sollte sie als alleinstehende Frau zurückgeschickt werden: Zwangsheirat und Berufsverbot.

Mia Lindemann begrüßt das Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH). "Es herrscht in Afghanistan quasi Genderapartheid", sagt sie. Die Frauen hätten keine Möglichkeit, berufstätig zu werden. Sie dürften, wenn überhaupt, nur sechs Jahre in die Schule, nicht ohne Mann auf die Straße, nicht ihre Stimme erheben.

Das ist unfassbar für uns, und unterdrückt die Frauen in einem Maße, dass es aus unserer Perspektive gerechtfertigt ist, zu sagen: Diese Frauen sind als soziale Gruppe verfolgt.

Bundesweit sind die Folgeanträge auf Asyl sprunghaft angestiegen

Seit das Urteil gefallen ist, steigt vor allem die Zahl der Folgeanträge bundesweit. Folgeanträge sind Anträge, die zum zweiten Mal gestellt werden, wenn der erste abgelehnt wurde. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) meldet einen stetigen Anstieg seit Beginn des Jahres - von Juni auf Juli stieg die Anzahl an Folgeanträgen um 110 Prozent.

Dieser Anstieg ist laut BAMF vor allem auf Frauen aus Afghanistan zurückzuführen. Denn viele Hilfsorganisationen raten Frauen, die bisher einen eher unsicheren Aufenthaltstitel hatten, wie etwa ein reines Abschiebeverbot, nochmal einen Folgeantrag zu stellen.

Im Juli 2025 stellten 3.104 afghanische Frauen in Deutschland einen Asylantrag. Davon waren 2.393 Folgeanträge.

Eine Geflüchtete wird von drei Sicherheitsbeamten durch die Tür der Ankunftshalle geleitet.
Im Ankunftszentrum in Heidelberg ist die Zahl der Geflüchteten zwar insgesamt rückläufig - unter den afghanischen Geflüchteten sind inzwischen aber mehr Frauen als vor dem Urteil.

Mehr afghanische Frauen kommen in Heidelberg an

Im Ankunftszentrum im Patrick-Henry-Village (PHV) in Heidelberg ist ebenfalls eine Entwicklung zu beobachten, wenn auch verhalten. Insgesamt verzeichnet das Ankunftszentrum weniger Geflüchtete in den vergangenen zwei Jahren - auch weniger Menschen aus Afghanistan, berichtet Matthias Seeger, Leiter des Ankunftszentrums. Allerdings seien unter den Afghanen seit dem Urteil im Oktober 2024 mehr Frauen. "Tatsächlich können wir bestätigen, dass anteilig mehr Frauen im Zugang von Personen aus Afghanistan im Ankunftszentrum wohnen und ankommen", sagt er.

Das Urteil schafft eine klare Grundlage für Beratungen von Geflüchteten

Das Urteil verändert auch die Situation für die Flüchtlingsberatung, erzählt Kirstin Tounkara von der Sozial- und Verfahrensberatung im PHV. Es brauche weniger Fragen zu den Fluchtgründen, die enorm belastend sein können.

Das Urteil biete auch eine klare Grundlage für eine Entscheidung im Asylverfahren. "Dadurch kann man den Frauen in der Beratung ein Stück weit die Ängste nehmen." Sie weist jedoch auch darauf hin, dass Geflüchtete jahrelang unterwegs sind, bis sie hier ankommen. Es sei vermutlich noch zu früh, um die Auswirkungen des Urteils jetzt schon spüren zu können.  

Sprecherin Flüchtlingsrat BW: Das Urteil darf nicht nur Symbol bleiben

Auch die Sprecherin des Flüchtlingsrats Baden-Württemberg, Ommolbanin Mirzaie, begrüßt das Urteil. Es sei ein starkes Signal und verhelfe Frauen, die hier sind, zu mehr Schutz.

Sie bremst aber auch den Optimismus. Man müsse sich bewusst sein, dass den Frauen in Afghanistan damit nicht geholfen sei. Täglich bekommt sie, die selbst vor 14 Jahren aus Afghanistan flüchtete, über Nachrichten das Leid der Mädchen und Frauen in ihrem Heimatland mit. Die aktuelle Situation sei untragbar: "Das Urteil darf nicht nur Symbol bleiben".

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Anna Mohl
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