Eigentlich müsste er sich freuen, seine Kneipe mitten in der Heidelberger Altstadt ist brechend voll. Doch Michael Markert, Wirt und Inhaber der Heidelberger Spelunke "Betreutes Trinken", ist sauer. Markert, langes, weißes Haar, 54 Jahre Erfahrung als Kneipier in der Unteren Straße, schenkt ein Bier ein und schüttelt den Kopf. Er ruft: "völlige Idiotie", kommt dabei kaum gegen den Kneipenlärm an. Er lebe in einer Stadt, da habe jetzt die Universitätsbibliothek teilweise länger auf als die Kneipen.
Es ist ein besonderer Freitagabend in der Heidelberger Altstadt. Die Uhr zeigt inzwischen 23:30, eine Zeit, zu der viele Kneipengänger erst warm werden. Die Stimmung in den engen Gassen ist ausgelassen. Doch an diesem Samstag werden die Wirte ihre Gäste zum ersten Mal schon um 1 Uhr vor die Tür setzen. Es ist der vorläufige Höhepunkt eines jahrelangen Streits zwischen feiernden Menschen, Altstadt-Anwohnern und der Stadt.
Stadt Heidelberg beugt sich Urteil des Verwaltungsgerichtshofs
Die Heidelberger Kernaltstadt hat nun eine der landesweit restriktivsten Sperrzeitenregelungen: Dort müssen die Kneipen in den Nächten auf Donnerstag und Freitag jeweils um 0 Uhr und in den Nächten auf Samstag und Sonntag sowie zu gesetzlichen Feiertagen um 1 Uhr schließen. Grundlage ist ein Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg (VGH). Der VGH hatte entschieden, dass der Lärm der Kneipenbesucher die Gesundheit der Anwohner gefährde.
Kürzere Kneipen-Öffnungszeiten Neue Sperrzeiten in der Heidelberger Altstadt: Was gilt wann, wo und warum?
Seit Jahren gibt es Streit um den Lärmpegel in der Heidelberger Altstadt. Ab Freitag gelten deshalb deutlich strengere Sperrzeiten. Alles Wissenswerte dazu als FAQ.
Am 16. April war es dann so weit: Der Heidelberger Gemeinderat musste die kürzeren Kneipen-Öffnungszeiten beschließen, jahrelang hatte er sich dagegen gewehrt. Viele Stadträte nutzten in der Sitzung noch einmal die Chance, ihren Unmut über die ausweglose Situation zu äußern - bis hin zur Aussage, dass manche Anwohner sich schämen sollten, den Streit so weit getrieben zu haben. "Wir erleben eine traurige Zäsur", sagte Kulturbürgermeisterin Martina Pfister (Bündnis 90/Die Grünen). Viele Jahre habe man es nicht geschafft, einen Interessensausgleich zu finden, so Pfister.
Anwohner fühlten sich im Stich gelassen
Für viele Anwohner kommt der Schritt zu spät. "Weder Stadt noch Gemeinderat haben irgendetwas für die Anwohner getan", sagt Sybille Wempe kurz nach dem Gemeinderatsbeschluss. Die Anwohnerin steht der Bürgerinitiative "LindA" (Leben in der Altstadt) nahe, die die Kläger finanziell und ideell unterstützt hatte. "Da ist der ununterbrochene Lärm, die Kotze vor der Haustür und die völlige Rücksichtslosigkeit, dass man uns überhaupt nicht ernstgenommen hat."
Viele Altstädter fühlen sich allein gelassen von der Stadt, sehen sich ihres Schlafes beraubt und ihre Gesundheit gefährdet. Das sei nicht irgendein "dubioses Ziel", sagt ein anderer Anwohner. Die ganze Diskussion sei peinlich.
Unverständnis bei Partyvolk und Gastronomen
Peinlich finden viele junge Leute allerdings die neuen Sperrzeiten in der Nacht von Freitag auf Samstag in der Heidelberger Altstadt. Inzwischen ist es halb eins. Manche Besucher haben gar nichts von den früheren Sperrzeiten mitbekommen. Ein junger Mann ist gerade aus Mannheim mit dem Taxi gekommen - und muss in einer halben Stunde schon wieder heim. "Ich verstehe einfach nicht", sagt er, "wieso man in die Altstadt zieht, wenn man weiß, dass es hier so viele Kneipen gibt." Solche Sperrzeiten gehörten sich nicht für eine Stadt mit 40.000 Studierenden, hört man immer wieder.
Einige Gastronomen in der Altstadt fürchten jetzt um ihre Existenz. "Bei mir können sie jetzt ein Drittel des Umsatzes streichen", sagt Wirt Michael Markert. Einige seiner Kollegen, die nur am Wochenende geöffnet haben, würden wohl schließen müssen.
Pünktlich ist Schluss
Um eins ist dann Schluss: Pünktlich schmeißen die Wirte ihre Gäste raus. Kurz heizt sich die Stimmung noch einmal auf: Eine Gruppe Jugendlicher skandiert: "Keine Sperrzeit". Daneben lehnt Wirt Michael Markert resigniert an der Hauswand und raucht. Die Polizei patrouilliert durch die Untere Straße und schickt die Leute heim. Vor dem "Cave54" bildet sich langsam eine Schlange. Es ist einer von insgesamt zwei Clubs mit Ausnahmegenehmigungen. Hier geht die Party noch bis 5 Uhr. Nach und nach passieren die Gäste die Tür des Kellerclubs. Und dann wird es langsam still in den Gassen der Heidelberger Altstadt.