Plädoyers der Nebenklage

Mordprozess nach Mannheimer Messerangriff: Emotionale Worte der Familie Laur

Im Prozess um den Messerangriff in Mannheim plädieren die Vertreter der Nebenklage für lebenslange Haft. Eine Schwester des getöteten Polizisten sprach ein emotionales Schlusswort.

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Von Autor/in Patrick Figaj

Im Prozess um den tödlichen Messerangriff auf dem Mannheimer Marktplatz im Mai 2024 haben am Dienstag am Oberlandesgericht in Stuttgart-Stammheim die Vertreterinnen und Vertreter der Nebenklage plädiert. Sie alle unterstrichen die besondere Schwere der Schuld des Angeklagten und forderten lebenslange Haft. Immer wieder wurde auch eine Sicherungsverwahrung für Sulaiman A. gefordert. Die Bundesanwaltschaft hatte davon letzte Woche noch abgesehen. Seit Mitte Februar läuft die Hauptverhandlung gegen Sulaiman A., dem Mord und fünffacher versuchter Mord vorgeworfen wird. Eine Schwester des getöteten Polizisten Rouven Laur erinnerte in einem emotionalen Schlusswort an ihren Bruder.

Emotionale Worte der Schwester von Rouven Laur

Bereits am Vormittag wurde es sehr still in Saal 1, als Eve Laur, eine der Schwestern des getöteten Polizisten Rouven Laur, das Wort erhielt. Nur ein paar Meter neben ihr saßen ihre Eltern, Petra und Ralf Laur. Der Vater war am Dienstag zum ersten Mal überhaupt im Prozess erschienen. Die beiden hielten sich die Hände, als ihre Tochter sprach.

Eve Laur, Schwester des getöteten Polizisten Rouven Laur, mit einem Blatt in der Hand im Gerichtssaal am Oberlandesgericht in Stuttgart-Stammheim.
Eve Laur, die Schwester des Polizisten Rouven Laur, der bei einem Messerangriff auf dem Mannheimer Marktplatz getötet wurde, mit ihrer Mutter Petra Laur im Saal des Oberlandesgerichts.

Eve Laur berichtete über die kaum zu ertragende Zeit nach der Tat. Wie die Familie das Video der Tat im Internet sah, wie die Mutter ihren Sohn darauf erkannte. Wie sie von ihrer älteren Schwester den Anruf über den Zustand ihres Brudes bekam. Mit zum Teil tränenerstickter Stimme beschrieb sie ihren Bruder, seine Bedeutung für sie. Ein Mittarbeiter der Bewegung Pax Europa, deren Infostand Ziel des Messerangriffs war, hatte das Tatgeschehen auf dem Marktplatz live ins Netz gestreamt.

Ich will, dass Rouvens Mörder weiß, wer er war.

Eve Laur zeichnete in ihrem Schlussvortrag das Bild einer schwer gezeichneten Familie und unterstrich gleichzeitig, wie prägend ihr Bruder für sie alle gewesen sei. Sie berichtete davon, wie schwer die Verarbeitung sei, die geballte mediale Aufmerksamkeit, die Brutalität der Tat. Sie sagte, sie werde nie verstehen, wie jemand, der selbst eine Familie hat, zu so einer Tat fähig sei. Ganz Deutschland habe zugesehen, wie ihr Bruder getötet wurde. Aber kein Urteil dieser Welt könne ihn zurückbringen. Unter den Prozessbeobachtern war an diesem Dienstag auch die Mannheimer Polizeipräsidentin Ulrike Schäfer. Sie selbst war bereits im Zeugenstand.

Anwalt der Familie Laur fordert Sicherungsverwahrung

Auch von Seiten des Anwalts der Familie Laur, Wolfram Schädler, gab es eine klare Forderung: Sie schloss sich der Bundesanwaltschaft an, ging aber einen Schritt weiter. Die Nebenklage sehe einen begründeten Anlass, dass Sulaiman A. auch weiterhin gefährlich sein kann. Schädler warf die Frage auf, ob der Angeklagte womöglich gezielt gegenüber dem psychiatrischen Gutachter aussagte. Man könne nicht davon ausgehen, dass Sulaiman A. in 20 Jahren ungefährlich sein werde. Deshalb forderte Schädler, der beide Schwestern von Rouven Laur vertritt, den Vorbehalt der Sicherungsverwahrung.

Darüber hinaus unterstrich der Anwalt den grundsätzlichen Wert des Verfahrens für einen Rechtsstaat: Zu Beginn des Prozesses sei sehr häufig über die Notwendigkeit eines solch langen Verfahrens gesprochen worden. Die detaillierte Beweisaufnahme habe aber gezeigt, mit welcher Sorgfalt der 5. Senat und der Vorsitzende Richter das Hauptverfahren durchgeführt hätten. Nur so hätten genaue Bilder gezeichnet werden können, nicht zuletzt des Polizisten und Familienmenschen Rouven Laur. Das Video sei ein Akt öffentlicher Gewalt gewesen. Und der Glaube an Ordnung und an das, was sie schützt, zerbrochen. Das habe man in Mannheim spüren können.

Michael Stürzenberger: "Täter kalt und gefühllos"

Der Anwalt von Michael Stürzenberger, dem der Angriff ursprünglich galt, unterstrich in seinem Plädoyer zunächst, dass die Bürgerbewegung Pax Europa (BPE) ein Verein auf dem Boden des Grundgesetzes sei. Ein Verein, der nicht aus der Anonymität heraus agiere, sondern Gesicht zeige. Der Angriff auf Stürzenberger, der als Gallionsfigur der BPE wahrgenommen werde, sei zweifelsfrei gezielt und geplant gewesen. Heute lebe sein Mandant ständig in Sorge vor der nächsten Tat. Dass jemand den Angriff von Sulaiman A. womöglich zu Ende bringen wolle. Und er betonte, dass der Angeklagte sehr wohl mit den späteren Auswirkungen durch das Video gerechnet habe.

Michael Stürzenberger selbst drückte zunächst direkt an Familie Laur sein "tief empfundenes Beileid" aus. Der Tod des Polizisten sei schrecklich und sinnlos gewesen, offenbar aber "nicht sinnlos für einen radikalen Islamisten."

Wenn ich nur ansatzweise geahnt hätte, dass so etwas kommen könnte, hätte ich niemals so eine Kundgebung in Mannheim veranstaltet.

Michael Stürzenberger sagte vor dem Oberlandesgericht, dass der Angriff für ihn "ein eiskalter Mordanschlag" gewesen sei. Er nutzte aber - unter Zurechtweisung des Vorsitzenden Richters, keine Bundestagsrede zu halten - seinen Schlussvortrag auch, um zu skizzieren, welche Probleme eines "politischen Islams" er sehe. Islamismus sei die gefährlichste Form des Extremismus. Und er sei überzeugt, dass der Angeklagte darin tief verwurzelt gewesen sei. Er "habe nicht das Gefühl gehabt, dass er bereut. Er ist kalt und gefühllos", so Stürzenberger weiter.

Nebenkläger erkennen keine Reue beim angeklagten Sulaiman A.

Die Nebenkläger-Vertreter der weiteren Verletzen des Messerangriffs, die am Prozess beteilgt sind, schilderten ihre jeweilige Sicht auf die Tat. Dazu gehörten auch die daraus entstanden körperlichen und seelischen Wunden. Sie alle eine, dass der Messerangriff auch tiefe psychische Wunden hinterlassen habe. Sie reichten von Arbeitsunfähigkeit bis hin zu schlaflosen Nächten und schweren Traumata. Zum Teil sei das Sicherheitsgefühl der Beteiligten nachhaltig beschädigt worden. Eine Nebenkläger-Anwältin wurde in Bezug auf Sulaiman A. auch deshalb sehr deutlich: Er habe "kein umfassend glaubwürdiges Bild in diesem Verfahren abgegeben und nur eingeräumt, was nicht zu leugnen war. Echte Reue ist nicht zu erkennen."

Rouven Laurs Mutter:  "Wenn wir entscheiden könnten: Lebenslänglich. Und keine Freiheit mehr"

Zum Abschluss den Prozesstages erhielt die Mutter von Rouven Laur das Wort. Lange und ausführlich beschrieb sie das Leben ihres Sohnes. Seine Ambitionen, seinen Stellenwert in der Familie. Auch sie unterstrich, dass Rouven Laur für ein Miteinander eingestanden habe. Beim Aufräumen seiner Wohnung habe noch immer das aufgeschlagene Arabisch-Buch auf dem Tisch gelegen. Deutlich wurde, wie schwer die Situation für Mutter und Vater nach wie vor ist. Der Prozess habe den ganzen Schmerz der Familie wieder aufgebrochen. Petra Laur schilderte, wie sie die letzte Nachricht an ihren Sohn schickte, aber nie eine Antwort bekam.

Sie beschrieb die Gedenkminute in Mannheim, die Trauerfeier im Rosengarten. Das alles habe sie "innerlich betäubt und ohne Tränen" erlebt. Die Dimension und das weltweite Echo seien nicht mehr zu begreifen. Das eigene Geschäft in Neckarbischofsheim musste die Familie aufgeben. Ralf Laur konnte seinen Beruf nicht mehr ausüben. Der seelische Schaden, den die Tat bei ihm hinterlassen hat, ist zu groß. Am Ende sprach Petra Laur von einem feigen, hinterlistigen Mord. Sie und ihr Mann nahmen sich nach der Verhandlung lange in den Arm.

Anwältin der Familie Laur: "Ideologische Grundlage" besteht weiterhin

Julia Mende, die Anwältin der Familie Laur, unterstrich in ihrem Vortrag die Forderung nach dem "härtesten Strafmaß, das das Gesetz vorsieht“: der Sicherungsverwahrung. Sulaiman A. habe sich nicht plötzlich radikalisiert. Das habe die Hauptverhandlung immer wieder gezeigt. Sie unterstrich die außergewöhnliche Brutalität der Tat, nannte seine Aussagen "Lippenbekenntnisse". Der Angeklagte sei ein narzisstisch orientierter Mensch. Er suche nur nach Anerkennung und versuche gezielt, das Gericht zu täuschen. Es war einer der wenigen Momente an diesem Prozesstag, an dem Sulaiman A. Kontakt zu seinen Verteidigern aufnimmt. Ansonsten nahm er in großen Teilen in sich zusammengesunken am Geschehen teil.

Am Donnerstag und Freitag haben nun die Verteidiger des Angeklagten Zeit für ihre Schlussvorträge. Das Urteil wird voraussichtlich am 16. September verkündet.

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Autor/in
Patrick Figaj
SWR Journalist Patrick Figaj
Onlinefassung
Ninja Degen
Bild Ninja Degen, SWR Studio Karlsruhe

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