Vierter Jahrestag der russischen Invasion

Ukrainer in Rhein-Neckar: In Deutschland Sicherheit gefunden

Am Dienstag jährt sich der Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine zum vierten Mal. Wie zwei ukrainische Geflüchtete in der Rhein-Neckar-Region Fuß gefasst haben.

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Von Autor/in Wolfgang Kessel

Yurii Borzov sitzt in der Küche seiner Wohnung in Hirschberg-Leutershausen (Rhein-Neckar-Kreis), in der er mit seiner Frau und seinem zehnjährigen Sohn lebt. Der 50-Jährige hat Kaffee gekocht und Gebäck auf den Tisch gestellt. Vor vier Jahren flüchtete die Familie aus der Ukraine. Seine beiden erwachsenen Töchter haben am schnellsten in Deutschland Fuß gefasst, eine studiert Medizin in Frankfurt, die andere Architektur in Kaiserslautern. Yurii Borzov hat einen Job in einem Chemieunternehmen in Heidelberg bekommen, seine Frau ist beim Amt für Bodenmanagement in Südhessen angestellt.

Yurii Borzov in der Küche seiner Wohnung in Hirschberg-Leutershausen
Yurii Borzov in der Küche seiner Wohnung in Hirschberg-Leutershausen

Haus der Familie in Ukraine nach Drohnenangriff abgebrannt

Borzov ist sehr dankbar, "weil die Deutschen uns unterstützt und gefördert haben - und jetzt haben wir mehr, als wir erwartet haben". In der Ukraine lebten er und seine Familie in Saporischschja, die Frontlinie ist gerade mal rund 25 Kilometer von der Stadt entfernt. Sein Haus gibt es nach einem Drohnenangriff nicht mehr. Er spielt ein Video auf seinem Handy ab, das ihm eine Nachbarin geschickt hat. Das, was mal sein Zuhause war, ist nur noch eine verkohlte Ruine. Borzov entging einer zwangsweisen Rekrutierung für das Militär, weil er drei Kinder hat und zudem - ärztlich bestätigt - gesundheitlich eingeschränkt ist.

Ukrainer schicken Lebensmittel, Powerbanks und Ladekabel

An seine Verwandten und Freunde in der Heimat denkt er in diesen Tagen oft. "Viele Leute haben da gerade keinen Strom, keine Heizung, die Lage ist sehr kompliziert und schwierig." Er und weitere geflüchtete Ukrainer in der Region sammeln regelmäßig Lebensmittel, sowie Powerbanks und Ladekabel, die sie als Unterstützung in die Ukraine schicken.

Ukrainer will nicht nochmal "bei Null anfangen"

Den vierten Jahrestag des russischen Angriffskriegs auf sein Heimatland ordnet Yurii Borzov ganz nüchtern ein. Er sagt, er hoffe, dass der Krieg noch in diesem Jahr zu Ende geht. Aber er sei sich auch bewusst, "dass (Russlands Präsident) Putin die ganze Ukraine haben will". Dass er eines Tages, wenn Frieden herrscht, in die Ukraine zurückkehrt, hält Yurii Borzov für ausgeschlossen. "Ich habe eine Wohnung, ich habe Arbeit, ich verdiene Geld, ich kann meine Rechnungen bezahlen, und ich bin 50 Jahre alt. Nochmal bei Null anfangen? Das ist zu schwer, meine Kraft reicht dafür nicht mehr."

In Mannheim erinnert die ukrainische Community bei einer Kundgebung an die Situation ihrer Landsleute in der Heimat:

Ukrainerin in Heddesheim: Flucht direkt nach Beginn der russischer Invasion

Interviewtermin mit der Ukrainerin Kseniia Kondrashova in einem Café in der Ortsmitte von Heddesheim (Rhein-Neckar-Kreis). Die 37-Jährige wirkt entspannt, gut gelaunt und neugierig, vor ihr stehen eine Tasse heiße Schokolade und ein Schokomuffin. Seit Herbst 2022 lebt sie in der 12.000-Einwohner-Gemeinde mit ihren beiden Kindern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Die Tochter (7) geht zur Schule, der Sohn (3) in die örtliche Kita. Kseniia Kondrashova spricht gut deutsch, hat Sprachkurse absolviert und hofft darauf, hier bald in dem Beruf zu arbeiten, in dem sie schon in der Ukraine tätig war: in der Verwaltung und im Dokumentenwesen.

Die Flucht aus der Ukraine begann für sie und ihre Familie bereits am 3. März 2022, also kurz nach Beginn der russischen Invasion. Erste Station war zunächst Frankreich. Dann trennte sich Kseniia Kondrashova von ihrem Mann, anschließend fand sie mit den Kindern Schutz in Deutschland.

Kseniia Kondrashova (Foto: privat)
Kseniia Kondrashova lebt seit etwa drei-einhalb Jahren in Heddesheim (Foto: privat) Kseniia Kondrashova

Tochter fragt, "warum Russen Ukrainer totmachen wollen"

Seit Beginn des russischen Angriffs, erzählt Kseniia Kondrashova, frage ihre Tochter sie manchmal nach dem Krieg in der Heimat, warum "die Russen die Ukrainer totmachen wollen". Manchmal weint ihre Tochter deswegen. "Ich sage dann, es gibt schlechte Menschen, die die Ukraine einnehmen möchten. Aber unsere mutigen Soldaten kämpfen und beschützen unser Land." Ihr 73 Jahre alter Vater ist in der Ukraine geblieben, in der Stadt Dnipro. Er möchte dort bleiben, so Kondrashova, obwohl kürzlich ganz in der Nähe seines Hauses eine russische Bombe einschlug.

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Ukrainerin will in Deutschland bleiben

Kseniia Kondrashova gibt zu, dass sie "natürlich wegen des Kriegs traurig" sei, sie vermisse ihre Heimat. Aber sie macht auch deutlich, dass sie wohl nie wieder dorthin zurückkehren wird. Sie will hier bleiben: "Ich mag die Sicherheit und die Stabilität in Deutschland". Sie erzählt, wie sie es vermeidet, die "traurigen und schwierigen Nachrichten" zur Lage in der Ukraine zu verfolgen. Manchmal aber sieht sie doch Bilder vom Krieg, auch von toten oder schwer verletzten Kindern. "Dann muss ich weinen, denn ich habe auch Kinder."

Kaum Hoffnung auf baldigen Frieden in Ukraine

Ihre Hoffnung auf baldigen Frieden, vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs, ist klein. Und selbst wenn die Waffen irgendwann schweigen: Das Leben in der Ukraine "wird dann nicht besser, eher viel, viel schwieriger. Die Wirtschaft liegt komplett am Boden. Es wird viele Jahre dauern, bis alles besser wird".

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Autor/in
Wolfgang Kessel
Wolfgang Kessel, Redakteur beim SWR in Mannheim

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