Die Ukrainerin Nataliia Shkola und ihre fünfköpfige Familie wohnen seit eineinhalb Jahren in einem kleinen Reihenhaus in Stuttgart-Weilimdorf. Im ersten Stock haben ihre schwer kranke Mutter und ihr Sohn Serhii ihre Zimmer. Der 18-Jährige ist spastisch gelähmt und benötigt viel Unterstützung. Die 47-jährige Ukrainerin motiviert Serhii unermüdlich, sich zu bewegen und zu trainieren. Er leidet an einer Cerebralparese, verursacht durch eine frühkindliche Hirnschädigung. Da sich seine Muskeln schnell versteifen, ist Training für seine Mobilität entscheidend. Über Serhiis Schreibtisch hängen Sport-Urkunden und Fotos von seinem großen Bruder Danylo. Danylo ist vier Jahre älter als Serhii. Er macht Kampfsport und lebt eine Etage höher, im ausgebauten Dachgeschoss. Er möchte bald seine Deutschprüfung ablegen und sucht derzeit Arbeit.
Die Flucht aus der Ukraine hat tiefe Spuren hinterlassen
Vor vier Jahren, kurz nach Ausbruch des Krieges, flüchtete Nataliia mit ihren Söhnen und ihrer damals an Krebs erkrankten Mutter aus dem bombardierten Cherson nach Deutschland. "Es war ein Albtraum", erinnert sie sich: "Serhii kann nicht so lange sitzen und hatte Muskelkrämpfe und meine Mutter war schon damals schwer krank und hatte Schmerzen." Ihr Ehemann blieb in der Ukraine. Damals glaubte Nataliia noch, dass sie in wenigen Monaten wieder nach Cherson und zu ihrem Ehemann zurückkehren könnte. Sie irrte.
Uns haben viele Deutsche geholfen, ein Zuhause und eine Arbeit zu finden
In den ersten zwei Jahren fanden sie im "VeronikaBerg" ein Zuhause, das von dem Ukrainer Oleksandr Ivanytskyi und dem Team der Hilfsorganisation Kinderberg International betreut wird. Das Projekt wurde für alleinstehende ukrainische Frauen und Kinder mit besonderen medizinischen und psychosozialen Bedürfnissen eingerichtet.
Nach einem Jahr war Nataliia fast krank vor Angst um das Leben ihres Ehemannes, der in der Ukraine arbeitete und sich um ihr Haus kümmerte. "Ich weinte fast jeden Tag", erzählt sie, "auch weil ich die Sorgen um ihn und meine Kinder nicht mehr alleine tragen konnte". Sie musste sich in der Fremde zurechtfinden, das deutsche System verstehen und Deutsch lernen. Ein Jahr später gab ihr Ehemann dem Drängen nach und folgte seiner Familie nach Stuttgart.
Arbeit als starker Integrationsmotor
Heute haben beide eine Arbeit gefunden und können ihre Familie versorgen. Serhii Shkola hat zwei Hochschulabschlüsse, war in der Ukraine Bankmanager und leitete 53 Filialen. In Baden-Württemberg montiert der 47-Jährige Wärmepumpen und hat seit Kurzem einen unbefristeten Arbeitsvertrag.
In der Ukraine war ich Bankmanager, hier bin ich ein angelernter Wärmepumpenmonteur
Nataliia war in der Ukraine Bankkauffrau und arbeitet in Stuttgart als Reinigungskraft in Teilzeit und im Schichtdienst an zwei verschiedenen Arbeitsplätzen. "Jeden Montag, Donnerstag und Freitag arbeite ich in einem Familienhotel und im Robert-Bosch-Krankenhaus", sagt Nataliia. "Nach so einem Verlust wieder ein neues Leben aufzubauen ist echt beeindruckend", sagt Oleksandr Ivanytskyi, der die Familie seit vier Jahren in Stuttgart betreut. "Sie haben beide einen Job, leben selbstständig und integrieren sich. Das ist wirklich super."
Wie Nataliia haben drei von vier ukrainischen Frauen einen Berufs- oder Hochschulabschluss. Die meisten haben Kinder und arbeiten unter ihrem Qualifikationsniveau. Mangelnde Kinderbetreuung, langwierige Prozesse bei der Berufsanerkennung und fehlende Sprachkenntnisse sind die größten Hindernisse für sie. Viele würden kellnern, räumen Regale einräumen oder putzen, erklärt Nataliia auf Ukrainisch. Auch ihr fällt die deutsche Sprache noch sehr schwer.
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Ein Neuanfang verlangt Ausdauer, Willen und Geduld
Das Leben in Deutschland sei sehr teuer, sagt Serhii Shkola, allein Miete und Nebenkosten betrügen 2.250 Euro. Er blättert in einem Ordner und zeigt seine Deutsch-Zertifikate. In kurzer Zeit hat er das Sprachniveau B1 erreicht, das entscheidend ist für einen Beruf oder eine spätere Einbürgerung. Als angelernter Monteur verdient er rund 2.000 Euro, dazu kommt eine Prämie bei überdurchschnittlicher Leistung. In der Ukraine war er noch Spitzenverdiener, die Familie wohlhabend. Sie hatten ein Haus und zwölf Hektar fruchtbares Land mit Seen voller Fische. Wehmütig zeigt das Paar Fotos von ihren Schafen, Ziegen, Hunden und Katzen in der Ukraine.
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Das Zuhause in der Ukraine ist zerstört
Vielen sei es in der Ukraine gut gegangen. Doch im Krieg hätten sie alles verloren, erzählt Serhii Shkola. Auch in ihrem Wohngebiet sei eine 3000 Kilogramm schwere Bombe eingeschlagen. Nachbarhäuser seien komplett oder teilweise zerstört worden - auch Serhiis und Nataliias Zuhause. Ihr Land jenseits des Flusses Dnipro sei von Russen besetzt, ihre Tiere seien im Krieg getötet worden. Ein Trauma. Heute - nach vier Jahren Krieg - leben in der ehemals etwa 300.000 Einwohner starken Stadt nur noch rund 60.000. Angehörige, Freunde oder Nachbarn wurden getötet oder sind aus der südukrainischen Hafenstadt Cherson geflüchtet. Geblieben seien meist alte Menschen, Frauen, Kinder oder Kranke.
Familie Shkola sieht ihre Zukunft in Baden-Württemberg
Nach vier Jahren Krieg glauben Serhii und Nataliia nicht mehr an eine Rückkehr in die Ukraine. Nur Serhii, der jüngste Sohn, will nicht wahrhaben, dass in der Heimat nichts mehr so ist, wie es war, erzählt Nataliia. Ihre Mutter hat den Krebs überlebt, nimmt Medikamente und möchte in Deutschland bleiben. Nataliia träumt davon, in Stuttgart einen Friseursalon zu eröffnen, ihr Ehemann Serhii möchte sich selbstständig machen. Sie nehmen ihr Schicksal in die Hand und wollen sich in Deutschland integrieren und weiterentwickeln. Aber vor allem ist die Familie froh, vereint zu sein und in Frieden leben zu können.
Es ist nie zu spät. Ich bin bald 48 Jahre alt und möchte noch eine Ausbildung machen. Warum auch nicht? Geht vorwärts!