Für Familie Keskin in Böblingen ist klar, was an Ramadan ansteht: Tagsüber wird weder gegessen noch getrunken. Auch die 9-jährige Aliya und ihre 12-jährige Schwester Leyla dürfen an schulfreien Tagen mitfasten, weil sie dann ausschlafen und den Tag so verkürzen können. Leyla ist stolz drauf: "Ich kenn's von meinen Eltern und meine Freunde machen das auch. Und ich wollte es halt auch machen. Und ich mag allgemein so Herausforderungen. Und das ist auch so eine Challenge, ob ich es dann halt schaffe oder nicht."
Und doch zieht sich der Tag am Ende. "Ich hab' richtig Hunger", sagt Aliya. Vor allem, weil es in der Wohnung ihrer Großeltern schon wunderbar nach Essen duftet. Ihre Oma, Hayal Keskin, hat gefüllte Weinblätter, Köfte und verschiedene Salate vorbereitet, eine Linsensuppe steht auf dem Herd und im Backofen backt ein Blumenkohl unter einer Käseschicht.
Gemeinschaft ist wichtig
Fastenzeit ist bei Familie Keskin vor allem Familienzeit, betont Leylas Vater Muhammed. So gut wie jeden Abend besuche man die Familie, Nachbarn oder Freunde: "Ramadan hat diese soziale Komponente, dass man, wie jetzt hier bei meinen Eltern, zusammenkommt, zusammen isst. Dass man Empathie entwickelt, weil man ja über die Fastenzeit merkt: 'Okay, essen und trinken ist schon wesentlich für den Menschen.'"
Familienzeit, die stellen auch Familie Müller aus Freiburg in der Fastenzeit in den Mittelpunkt. Auch sie verzichten zwar auf Kleinigkeiten - die Kinder essen keine Süßigkeiten, die Eltern verzichten auf Alkohol und Fleisch. Aber sie nehmen sich vor allem bewusst gemeinsame Zeit. Dafür haben sie sich bei der Fastenaktion "7 Wochen Wert.voll" der katholischen Kirche angemeldet, über die sie jede Woche einen Brief mit Denkanstößen per Post bekommen. Der Auftrag dieses Mal: Nach Momenten suchen, die der Familie besonders wichtig sind. Im Brief heißen die "Edelsteinmomente".
Fokus auf das Wesentliche
Mit ihren vier Söhnen sitzen Verena und Jonas Müller um den Wohnzimmertisch herum und zeichnen, was ihnen besonders wichtig ist. Selbst Franz, mit zwei Jahren der jüngste, kritzelt mit. Simon, sieben, und Lorenz, neun, zeichnen ein Fußballstadion - "weil wir am Sonntag ins Stadion gehen", und Wünsche für weitere Unternehmungen als Familie: Eine Ritterburg auf einem Berg, ein Schwimmbad und ein Eis.
Fasten: Es geht nicht um Verzicht
Dann, um 17:57 Uhr, ist Sonnenuntergang und im Böblinger Wohnzimmer ruft der Muezzin aus einer elektrischen Uhr. Leyla betet: "Bitte nimm unser Fasten an und prüfe die Menschen nicht mit Durst oder Hunger." Jeder beißt in eine Dattel, trinkt ein paar Schlücke Wasser und löffelt die Linsensuppe. Im Ramadan werde zwar auf Essen und Trinken verzichtet, aber wichtig sei etwas ganz anderes, betont Muhammed Keskin. "Die spirituelle Ebene, dass man Gott näher kommt, indem man ja seinen Körper runterfährt, seine Organe sich ausruhen und dann sozusagen die Seele nur auf Gott richtet. Eigentlich ist das der Kern des Fastens."
Seine Mutter, Hayal Keskin, bringt unterdessen den zweiten Gang: Reis, Köfte, gefüllte Weinblätter. Bereits nach einem Tag des Verzichts wisse er das Essen noch mehr zu schätzen, sagt Muhammed Keskin. "Und wenn man zusammen isst, ist halt umso besser. Dann schmeckt es umso besser."
Konsequent sein muss nicht sein
Verena Müller aus Freiburg ist voller Bewunderung für Menschen wie die Keskins, die es durchhalten und den ganzen Tag über nicht essen. "Ich habe da größten Respekt, wenn man das schafft, ich würde das nicht schaffen", sagt sie. Aber auch der punktuelle Verzicht helfe ihr, sich bewusst zu machen, was wirklich wichtig sei. Ihre Kinder tun sich sogar schwer, während der Fastenzeit nicht doch Süßigkeiten zu naschen. "Weil sie so lecker sind", rechtfertigt sich Simon. Das sei auch nicht schlimm, ergänzt Vater Jonas Müller: "Wenn sie frei gewählt haben, darauf zu verzichten und merken, wie schwierig das ist - dann ist schon sehr, sehr viel passiert."