Mit seiner Vorliebe für fermentiertes Essen soll US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. in den USA einen Hype um deutsches Sauerkraut ausgelöst haben. Davon berichtete der "Spiegel". Der Politiker ist für seine umstrittenen, oft wissenschaftlich nicht fundierten Aussagen zu gesundheitlichen Themen bekannt. In diesem Fall hat wohl eine besondere Essgewohnheit für Aufsehen gesorgt: Angeblich schwört der Gesundheitsminister auf Sauerkraut und Steak zum Frühstück. Auch die deutsche Sauerkraut-Produktion profitiert davon offenbar.
Einer der Nutznießer ist nach eigenen Angaben das Esslinger Unternehmen Hengstenberg. "Wir haben in den vergangenen zwei Wochen zehn direkte Anfragen aus den USA bekommen", sagte der Geschäftsführer des Unternehmens, Aymeric de La Fouchardière, dem SWR. "Das hat uns überrascht, weil die Aufträge sonst über unseren Importeur laufen."
Sauerkraut: Knapp 44.000 Tonnen Weißkohl in BW produziert
Doch das Esslinger Unternehmen ist nicht der einzige Hersteller aus Baden-Württemberg, der den fermentierten Weißkohl produziert: Knapp 44.000 Tonnen Weißkohl wurden laut Statistischem Landesamt (StaLa) in Baden-Württemberg 2025 geerntet, darunter das Filderkraut. Ins Ausland wurden laut StaLa vergangenes Jahr rund 2.773 Tonnen Sauerkraut exportiert, rund sieben Prozent davon in die USA.
Hengstenberg exportiert nach eigenen Angaben etwa 13 Prozent seiner Produktionsmenge in die Vereinigten Staaten. In den nächsten Jahren soll diese Zahl steigen: Laut dem Unternehmen wächst der globale Sauerkrautmarkt zwischen 2025 und 2030 jährlich um rund 5 bis 5,5 Prozent, von rund 12,9 auf rund 16,7 Milliarden US-Dollar.
Was merken regionale Anbieter vom Sauerkraut-Hype in den USA?
Doch im Gegensatz zu Hengstenberg bemerken andere regionale Anbieter wenig vom Sauerkraut-Hype in den USA. "Wir beliefern von der Mainlinie bis zum Bodensee. Für mich ist die regionale Kundschaft wichtiger", sagt Armin Schlecht, Inhaber der Sauerkonservenfabrik Fritz Schlecht aus Filderstadt (Kreis Esslingen). Weil man vor allem Gastronomie und Großhandel beliefere, sei es zudem schwer zu sagen, wie sich die Verkaufszahlen genau entwickelten.
Ähnlich geht es Jörg Kimmich vom Feinkost-Hersteller Kimmichs Sauerkonserven aus Aichtal (Kreis Esslingen). "Wir kriegen das vor allem aus den Medien mit", sagt er. Dennoch freut er sich über den Boom. "Ich finde es charmant, dass ein so bodenständiges Lebensmittel wie das Sauerkraut aus seiner Nische geholt wird."
Darum sind Sauerkraut, Kefir und Kimchi beliebt
Tatsächlich boomt das Fermentieren nicht erst seit dem Hype in den USA. Spätestens seit der Corona-Pandemie, als viele Menschen das Backen von Sauerteigbrot für sich entdeckt haben, ist der Trend in Deutschland angekommen. In den sozialen Medien preisen Gesundheitsinfluencer fermentierte Produkte wie Kefir, Kimchi und Kombucha an.
Auch Hengstenberg hat das in seine Marketingstrategie integriert. Seit anderthalb Jahren bietet das Unternehmen ebenfalls Kimchi an - ein koreanisches Gericht, das meist aus fermentiertem Chinakohl besteht. Der Markt in Deutschland dazu habe sich allein im vergangenen Jahr verdoppelt - Tendenz steigend. Mit der Produktion wolle man auch eine jüngere Zielgruppe ansprechen, sagt Aymeric de La Fouchardière.
Was ist dran am Hype ums Fermentieren?
Doch was ist eigentlich dran am Hype um fermentiertes Essen? Der Ernährungswissenschaftler Florian Fricke von der Universität Hohenheim steht dem Trend zwiegespalten gegenüber. "Fermentierte Lebensmittel kommen in jeder menschlichen Kultur vor: Egal, welchen Erdteil man betrachtet, und egal, wie weit man historisch zurückgeht, gibt es Anzeichen dafür, dass Menschen fermentiert haben. Das haben sie aus einem guten Grund gemacht", sagt Fricke.
Gleichzeitig bezweifelt er, dass die Lebensmittelindustrie die Eigenschaften langfristig erhalten wird, die traditionell fermentierte Lebensmittel kennzeichnen. Schon jetzt warnt der Ernährungsforscher davor, zu viel von den Lebensmitteln zu erwarten - besonders, wenn sie pasteurisiert wurden. Denn die Mikroorganismen, die dem Darm bei der Verdauung helfen sollen, würden durch das Erhitzen des Produkts abgetötet.
Andere Vorteile wie etwa eine leichtere Verfügbarkeit von Vitaminen und anderen Inhaltsstoffen blieben zwar unter Umständen erhalten. "Aber der direkte Einfluss durch das Mikrobiom der fermentierten Lebensmittel, den einige Studien nahelegen, fällt weg", sagt Fricke. Sein Rat ist deshalb: "Ich würde keinen überzogenen Heilsversprechen glauben, sondern die Lebensmittel eher als Teil einer ausgewogenen Ernährung betrachten."
Mehr Sauerkraut ab 2026
Bis es auch in den USA mehr Hengstenberg-Sauerkraut zu kaufen gibt, wird es laut dem Unternehmen übrigens noch einige Monate dauern: "Wir produzieren von September bis Ende Januar", sagt Geschäftsführer de La Fouchardière. "Dann werden wir unser Angebot anpassen." Und das Wort "fermentiert" wird groß darauf zu lesen sein.