Der Skandal um versehentlich unbesetzte Lehrerstellen in BW weitet sich aus. Die grün-schwarze Landesregierung hat versucht, mit Hilfe einer Arbeitsgruppe die Hintergründe aufzuklären. Dabei kam heraus, dass 2015 sogar 2.478 Stellen als fälschlich besetzt galten.
Im Sommer hatte es geheißen, dass wegen Programmierfehlernim Personal- und Stellenprogramm der Kultusverwaltung seit 20 Jahren hunderte Stellen nicht besetzt wurden. Erst durch ein Update des Programms Dipsy war aufgefallen, dass zuletzt 1.440 Lehrerstellen fehlten.
2023 noch rund 2.000 Stellen frei
Laut den neuen Erkenntnissen ist die Zahl der unbesetzten Lehrerstellen seit 2015 gesunken. 2023 waren nur noch 1.883 Stellen unabsichtlich frei. Am stärksten betroffen waren im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre Berufsschulen und Gymnasien mit jeweils etwa 30 Prozent. Bei den Grund-, Haupt- und Werkrealschulen waren es knapp 22 Prozent. Am wenigsten betroffen waren Realschulen und Förderschulen (SBBZ) mit jeweils 8 Prozent.
IT-Umstellung vor 20 Jahren wohl Ursache
Wie es hieß, konnte die Arbeitsgruppe den eigentlichen Grund für die Panne im Jahr 2005 nicht identifizieren. Das liegt daran, dass Daten nur zehn Jahre gespeichert werden. Die Vermutung: Eine IT-Umstellung im Schuljahr 2005-2006 beim Landesamt für Besoldung und Versorgung könnte die Hauptursache gewesen sein. Die Analyse habe gezeigt, dass im Laufe der Jahre mehrere Fehlerquellen bei Dipsy aufgetreten sein könnten, die mit der händischen Eingabe von Daten der Lehrkräfte zusammenhängen dürften. Dipsy steht für Dialogisiertes, personalisiertes Personalverwaltungssystem, dort werden zehntausende Daten über die gut 95.000 Lehrkräfte in BW bearbeitet, zum Beispiel Teilzeitanträge oder Beurlaubungen.
Immerhin: Die Personalprogramme liefen mittlerweile fehlerfrei, hieß es aus Finanz- und Kultusministerium. Und: "Es wurden keine Gehälter an nicht existierende Personen ausgezahlt." Die Arbeitsgruppe wolle nun Empfehlungen vorlegen, wie Kontrollen und Transparenz verbessert werden können.
Gewerkschaft GEW fordert Konsequenzen
Die Bildungsgewerkschaft GEW forderte Konsequenzen: "Verschwundene Stellen klingen harmlos. Viele Millionen Euro wurden auf Kosten der Kinder und Jugendlichen sowie der überlasteten Lehrkräfte gespart", sagte Monika Stein, Landesvorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft. Man erwarte eine "transparente Aufarbeitung" und dass "jeder Cent, der auf dem Rücken" von 1,5 Millionen Schülerinnen und Schüler gespart worden sei, in den nächsten Jahren durch Investitionen in gute Bildung zurückgegeben werde.
FDP-Landeschef Hans-Ulrich Rülke nannte die Ergebnisse der Arbeitsgruppe eine "Bankrotterklärung der Regierung Kretschmann und ein Schlag ins Gesicht für all jene, die sich echte Aufklärung erhofft hatten". Er kritisierte: "Die zentralen Fragen, wann, warum und wie das Problem entstanden ist, bleiben unbeantwortet."
Offizielle Ergebnisse am Montag
Zuletzt hatte das Kultusministerium reagiert und die 1.440 fehlenden Stellen nachbesetzt. Vor allem die Schulen für Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf (SBBZ) profitierten mit zusätzlich 485 Stellen. Die Grundschulen erhielten 350 Stellen, die Real- und Werkrealschulen bekamen 200 zugewiesen, die Gemeinschafts- und Berufsschulen jeweils 100, die Gymnasien für bestimmte Mangelfächer 50. Außerdem wurde die Krankheitsreserve für Lehrkräfte um 155 Stellen aufgestockt. Im Zuge der Nachbesetzung kamen auch einige Jung-Lehrkräfte zum Zug, die keine Stelle am Gymnasium bekommen hatten.
Offiziell vorgelegt werden sollen die Ergebnisse der Arbeitsgruppe einem Sprecher des Finanzministeriums zufolge am Montag. Noch liege der Bericht nicht final vor. Dann werde die Arbeitsgruppe auch Empfehlungen vorlegen, wie die IT-Verfahren, Kontrollen und Transparenz künftig verbessert werden könnten.