Rituale, Gesänge und Verbeugungen

Sozialer Buddhismus: Mantren und Meditation für mehr Erfolg im Alltag?

Mehr als nur Einkehr und Versenkung: Der "soziale Buddhismus" will Orientierung für den Alltag geben. Die Teilnehmenden sind bunt gemischt - von der Künstlerin bis zur IT-Expertin.

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Stand

Von Autor/in Markus Pfalzgraf

Laut und kraftvoll schlägt sie das bauchige Holzinstrument, erst kurz, dann öfter und auslaufend: "Tok, tok, tok, tok, toktoktoktoktok". Dina Maier gibt mit dem Moktak - einem traditionellen hölzernen Perkussionsinstrument - den Takt vor, nachdem sie Kerzen und Räucherstäbchen angezündet hat. Als Äbtissin leitet sie die Morgenpraxis der "Yun-Hwa"- Gemeinschaft in der Nähe von Stuttgart an. Es folgen Verbeugungen, ein ständig wiederholtes Mantra und andere Gesänge. Die zehn Teilnehmenden tragen überwiegend helle Roben. Fast wie Ordensleute sehen sie aus. Zuvor war es eher sportliche Kleidung bei den "Ki-Sung"-Übungen, die an andere ostasiatische Praktiken wie Qi Gong oder auch Yoga erinnern.

Die Teilnehmenden tragen bei der Morgenpraxis der "Yun-Hwa"- Gemeinschaft in der Nähe von Stuttgart graue Roben
Die Morgenpraxis im Altar-Raum der "Yun-Hwa"- Gemeinschaft

Mischung aus Spiritualität und Körperlichkeit

Es ist diese Mischung aus Spiritualität und Körperlichkeit, die so anziehend wirkt, dass sich vielbeschäftigte Menschen mitten in der Woche um sechs Uhr am Morgen in einem Altarraum einfinden, der mit dunkelrotem Teppich und einem Schrein mit einer riesigen Buddha-Statue ausgestattet ist.

Es ist ein einzigartiger Einblick in eine Welt, die manchen schwer zugänglich oder weit weg erscheinen mag. Doch den Mitgliedern der Gemeinschaft ist es wichtig, dass im Prinzip alle mitmachen können - und dass die Praxis nicht nur im Verborgenen stattfindet, sondern sich in den Alltag integrieren lässt.

Nach schwerem Unfall: Buddhismus half bei Sinnsuche

Angefangen hat hier alles vor rund drei Jahrzehnten. Dinas Mann Dieter Maier hatte schwere gesundheitliche Probleme: Nach einem Reitunfall war er kurz vor der Querschnittslähmung, wie er erzählt. Nach mehreren Stationen in verschiedenen Krankenhäusern kam er endlich zu einem Spezialisten, der ihm helfen konnte. Da begann Dieter Maier, die Sinnfrage zu stellen. Und sein Arzt riet ihm, sich einmal mit Dae Poep Sa Nim zu beschäftigen.

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Hinter dem koreanischen Namen verbirgt sich die Leiterin einer inzwischen internationalen Gemeinschaft. In den 1980er und 90er Jahren ging Dae Poep Sa Nim nach Europa, um ihre Variante der buddhistischen Lehre zu verbreiten. Dina und Dieter Maier gingen zu einem Seminar. War es bei ihm noch die Sinnfrage, kam bei ihr Neugier dazu. Sie setzten sich mit den Bräuchen auseinander, reisten später nach Hawaii, wo inzwischen das weltweite Zentrum der Bewegung angesiedelt ist, ließen sich von Dae Poep Sa Nim ausbilden und gründeten das buddhistische Zentrum in der Region Stuttgart. Die Begeisterung hält bis heute an.

Vom Manager zur Künstlerin: Buntes Teilnehmerfeld

Vielleicht ist es auch Verehrung, dieser Eindruck kann schnell entstehen. Doch vielen Teilnehmenden geht es nicht so sehr um die Schriften der Matriarchin oder eine möglichst umfassende Lehre. Die Leiterin der Gemeinschaft schickt aus ihrem Kloster auf Hawaii tägliche Impulse an ihre Schülerinnen und Schüler, die sich aber auch mit Fragen direkt an sie wenden können. Auch sonst wollen sie die Rituale in ihr Leben mit sozialem Umfeld, Familie oder Beruf einbinden. Und sei es dadurch, dass sie auf dem Weg zur Arbeit immer wieder für sich die Mantren singen.

In diesem Zentrum des "sozialen Buddhismus" fällt auf, dass Menschen mit vielen unterschiedlichen Berufen dabei sind: Von der freischaffenden Künstlerin über die IT-Expertin bis zum Manager bei einem Automobilkonzern. Dina und Dieter Maier kochen: Er leitet die Kantine eines großen Unternehmens, sie ein spezialisiertes Catering-Unternehmen. Auch Studentinnen oder Angestellte sind Mitglieder der Gemeinschaft. Oft sind es Leute, die viel und lange arbeiten. Deshalb finden die Rituale meist früh morgens oder am Abend statt. Und oft eingebettet in ein herzliches Gemeinschaftserlebnis. Viele hier kennen sich schon lange, wirken aber sehr offen für neue Teilnehmende.

Meditation und Mantren geben Ausgleich im Alltag

Bei all der Entspannung und Achtsamkeit - ärgern sich Buddhistinnen oder Buddhisten denn wirklich nie? Aber selbstverständlich! "Ich bin doch kein Buddha!", ruft ein Teilnehmer und lacht. Doch die Meditation und die Mantren helfen: "Das gibt einem Zentrierung und Fokus und Ausrichtung", sagt eine andere Teilnehmerin. Dina Maier erklärt: "Wir leben ja ein soziales Leben, und natürlich kann es schon einmal vorkommen, dass man sich über irgendwas ärgert, dass einen irgendwas aufregt. Also die Sinneswahrnehmungen, die kommen einfach dann mal so ganz spontan in einem hoch, aber durch die Praxis kann ich eben diesen Ärger ausgleichen." Ruhig bleiben will also gelernt sein.

Tägliche Zeremonien für den Weltfrieden

Draußen ist es wieder dunkel geworden. Drinnen, auf dem roten Teppich vor dem Schrein, der neben der Buddha-Statue und Bildern von Dae Poep Sa Nim mit Blumen geschmückt ist, knien die Praktizierenden nieder. Diesmal leitet Dieter Maier als Abt die Zeremonie an. Er schlägt eine große, schwere Glocke, und dazu ertönt der Gesang der Ordensleiterin von einer Aufnahme. Auch hier wieder: Verbeugungen, Gesänge, und diesmal viel stille Meditation. Im Anschluss spricht die Gruppe auch über die Gedanken, die Dae Poep Sa Nim schickt. Für Dieter Maier ist dieser tägliche Impuls wichtig, weil er darüber in die Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen kommt: "Wie kann ich den Weltfrieden machen, wie kann ich gut im Geschäft sein, wie kann ich ordentlich zu meinen Mitmenschen sein? Das ist eigentlich für mich persönlich oder für uns eines der wichtigsten Dinge, dass wir ein harmonisches Leben haben."

Das Ziel ist also nicht weniger als Weltfrieden. Zumindest im Kleinen und bei sich selbst wollen sie anfangen.

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Autor/in
Markus Pfalzgraf
SWR-Reporter Markus Pfalzgraf, Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft
Onlinefassung
Alban Löffler
Alban Löffler

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