Bürger diskutieren mit Stadt über das Heizen

Wie weit ist Stuttgart bei der Wärmewende?

Zum Abschluss des SWR PopUp Studios in Stuttgart-Vaihingen haben Vertreter von Politik, Umwelthilfe und Haus & Grund über die Wärmewende diskutiert. Weiter geht es mit dem Studio in Vaihingen/Enz.

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Von Autor/in Andy Dangel

Zum Abschluss des SWR PopUp Studios in Stuttgart-Vaihingen haben am Mittwochabend Vertreter aus der Politik mit der Deutschen Umwelthilfe sowie Haus & Grund Stuttgart bei einer Podiumsdiskussion über die Wärmewende in Stuttgart diskutiert.

Großes Interesse an Wärmewende in Stuttgart

Der Saal in der Stadtteilbibliothek in Stuttgart-Vaihingen war fast voll besetzt. Viele interessierte Bürgerinnen und Bürger wollten sich die Podiumsdiskussion zur Wärmewende in Stuttgart anhören. Sie bildete den Abschluss des SWR PopUp Studios, das sich in den Tagen zuvor mit diesem Thema beschäftigt hat.

Die beiden Moderatoren Aita Koha (SWR Studio Stuttgart) und Luca Künßberg (CORRECTIV) diskutierten neunzig Minuten mit Jürgen Resch, Chef der Deutschen Umwelthilfe (DUH), Stuttgarts Bau- und Umweltbürgermeister Peter Pätzold (Grüne), Alexander Kotz, CDU-Fraktionsvorsitzender im Stuttgarter Gemeinderat, und Ulrich Wecker, Geschäftsführer von Haus & Grund Stuttgart.

"Bürgern die Angst vor der Wärmewende nehmen"

Dass die Wärmewende in Stuttgart weiter vorangetrieben werden müsse und es oft noch zu langsam gehe, darin sind sich die Teilnehmden der Podiumsdiskussion schnell einig. Was sich ändern und verbessern muss? Da haben sie teils unterschiedliche Ansätze.

"Man muss den Bürgern die Angst vor der Wärmewende nehmen", sagte Bürgermeister Peter Pätzold. An vielen Stellen sei die Wärmewende in Stuttgart schon in vollem Gange. Er zählte einige Projekte auf. Große Herausforderungen sehe er,  wie auch andere Teilnehmer, bei der Komplettsanierung von alten Mehrfamilienhäusern, die in privater Hand seien. Vor allem bei meehreren Eigentümern zusammen herrsche oft Uneinigkeit, wie die Wärmewende umgesetzt werden soll, so Pätzold. Gerne möchte er die Förderungen auf den Prüfstand stellen: Was muss nicht mehr und was stattdessen gefördert werden?

Wir kriegen das hin, aber wir müssen günstiger werden!

Wärmewende: Andere Länder sind schon weiter bei der Umsetzung

Laut DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch sollte man mehr in die Nachbarländer schauen. Die seien bereits deutlich weiter und günstiger unterwegs. Das müsse auch das Ziel in Deutschland sein, sagte er. Vor allem eine bessere Informationspolitik sorge in anderen Ländern für größere Umsetzungsquoten bei der Wärmewende.

Die gleiche Wärmepumpe liegt mit Einbau preislich teilweise bei Faktor 2.

Ulrich Wecker, Geschäftsführer von Haus & Grund in Stuttgart, störte sich ebenfalls an den hohen Kosten für Eigentümer und Mieter. Er schlug vor, den Strompreis für Luft-Wärmepumpen-Nutzerinnen und -Nutzer zumindest für einige Zeit künstlich zu senken.  Das würde mehr Anreiz für die Wärmewende geben. Die unterschiedlichen Preise bei lokalen Handwerkern kann er sich nicht erklären. Teilweise koste ein und dasselbe Produkt mit Installation den doppelten Preis.

Angebote seien schon immer unterschiedlich gewesen, so CDU-Fraktionschef Alexander Kotz. "Das ist soziale Marktwirtschaft und Wettbewerb." Auch er wünsche sich aber günstigere Preise bei der Wärmewende. Durch Masse könnten die Herstellungskosten gesenkt werden. Außerdem sollte es weniger Bürokratie bei Antragsstellung geben. Durch Wirtschaftskrise und Stellenabbau sei weniger Geld in den Kassen von Kommunen, auch der Stadt Stuttgart, und bei Privatpersonen. Die Bekämpfung dieses Problems sieht Kotz als besonders wichtig an: "Das zahlt am meisten auf die Wärmewende ein", so Kotz.

Realistisch ist es nicht mehr wirklich, aber wir halten an dem Ziel fest!

Klimaneutralität bis 2035 in Stuttgart wohl nicht zu erreichen

Im Sommer 2022 hatte der Gemeinderat das Ziel ausgerufen, Stuttgart solle 2035 klimaneutral sein. Das sei kaum umsetzbar, sagten die Teilnehmer der Podiumsdiskussion. "Realistisch ist es nicht mehr wirklich, aber wir halten an dem Ziel fest!", so Umweltbürgermeister Peter Pätzold (Grüne). Als einen "tollen Ansatz, dem aber die Zeit davonlaufe“, bezeichnete Resch das Ziel.

Alexander Kotz hält die Klimaneutralität 2035 für zu ambitioniert, möchte aber vor allem dabei die Liegenschaften der Stadt weiter vorantreiben. Dazu sieen auch Privatpersonen in die Pflicht zu nehmen, damit sie bei der Wärmewende mitmachen. Wärmepumpen und Photovoltaik-Anlagen müssten in Zukunft als "schick und hip" gelten. Diese Haltung brauche es, damit die Wärmewende in Stuttgart gelinge, sagte er.

Kritik aus dem Publikum sorgt für Zwischenapplaus

Am Ende der Podiumsdiskussion hatte das Publikum die Möglichkeit sich zu äußern. Auf die Frage nach der Möglichkeit, über den Neckar Wärme zu beziehen ("Flusswärme"), verweist Bürgermeister Pätzold auf den Termin des Ausschusses für Klima und Umwelt am Freitag (24. Oktober). Dort soll bereits vorgestellt werden, wie das Potential der Flusswärme über den Neckar für die Wärmewende genutzt werden kann.

Als ein Ehepaar die seiner Meinung nach unlogischen Entscheidungen und das Antragschaos beim Baurechtamt kritisierte, klatschten einige Zuschauerinnen und Zuschauer. Pätzold verwies auf bestehende Gesetze und Richtlinien, bei der die Landespolitik gefordert sei, diese gegebenenfalls anzupassen. Er biete aber seine Hilfe bei der Lösungsfindung an und notierte sich am Ende der Veranstaltung die Adresse des Ehepaars.

Fazit der Schlussrunde bei Podiumsdiskussion in Vaihingen

Nach neunzig Minuten Austausch ging es in die Schlussrunde. Was brauchen wir für eine erfolgreiche Wärmewende? Jürgen Resch erneuerte seine Forderung, sich an Nachbarländern zu orientieren und forderte eine "Schwabengeschwindigkeit“ bei der Wärmewende.

Ulrich Wecker von Haus & Grund möchte die Bürger überzeugen und nicht mit Zwang drohen. Die privaten Immobilieneigentümer wollen ernst genommen werden, ergänzte er. Eine erfolgreiche Wärmewende wolle er "zeitnah“ erreichen.

Der CDU-Fraktionsvorsitzende im Stuttgarter Gemeinderat Alexander Kotz forderte die erwähnte "neue Haltung von der schicken und hippen Wärmepumpe". Bürgermeister Peter Pätzold blickte in seinem Schluss-Statement zuversichtlich nach vorne und forderte "lieber 80 Prozent schnell umsetzen als 100 Prozent, die wir fünf Jahre lang planen".

Der Eingang des gemeinsamen PopUp Studio von SWR und CORRECTIV in Stuttgart-Vaihingen.
Im gemeinsamen PopUp Studio von SWR und CORRECTIV in Stuttgart-Vaihingen ging es über eine Woche um die Wärmewende.

So war's im PopUp Studio Stuttgart-Vaihingen

"Druck im Kessel - wie trifft mich die Wärmewende?" - Zu diesem Thema kamen an insgesamt acht Tagen zahlreiche Besucherinnen und Besucher in das temporäre SWR PopUp Studio am Vaihinger Markt in Stuttgart-Vaihingen. Tagsüber konnten sich die Besucherinnen und Besucher mit dem SWR und CORRECTIV zur Wärmewende austauschen. Bei den abendlichen Veranstaltungen nutzten die Gäste das Angebot, sich von Energieexperten, der Verbraucherzentrale oder Vertretern des Handwerks beraten zu lassen. Am Mittwoch ging damit das Stuttgarter SWR PopUp Studio zu Ende.

Weitere PopUp Studios in Vaihingen/Enz und Lörrach

Weiter geht es ab kommendem Dienstag (28. Oktober) in Vaihingen an der Enz (Kreis Ludwigsburg). Neben Austausch werrden auch hier zahlreiche Veranstaltungen rund um die Wärmewende angeboten. In der darauffolgenden Woche (4. bis 8. November) zieht das PopUp Studio von SWR und CORRECTIV dann nach Lörrach. Alle Informationen, Adressen und Veranstaltungen gibt es hier auf einer Üersichtsseite.

Fast 2000 Geschichten und Erfahrungen ums Heizen

Ein Ziel des PoUp Studios war es, Erfahrungen der Menschen in Baden-Württemberg zum Thema "Wärmewende" zu sammeln. Im sogenannten CrowdNewsroom beteiligten sich knapp 2.000 Menschen vor Ort oder füllten den Fragebogen online aus. Das ist nach wie vor hier möglich. Sie alle haben ihre persönliche Geschichte zur Wärmewende erzählt, Fragen beantwortet oder auf Probleme aufmerksam gemacht. Die Ergebnisse des CrowdNewsroom werden Grundlage für weitere Recherchen und Berichte sein.

Es ist toll, wenn man mit den Menschen direkt im Austausch sein kann und hört, was sie bewegt.

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Andy Dangel

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