Welttag der Suizidprävention

Nach Suizid von Partner und Sohn: Wie eine Krisenbegleiterin Petra hilft

Wie lebt man weiter, nachdem ein geliebter Mensch Suizid begangen hat? Petra Feldinger aus Stuttgart kämpft sich nach dem Suizid ihres Sohnes zurück ins Leben.

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Stand

Von Autor/in Luisa Bleich

Am Donnerstag ist der Welttag der Suizidprävention. Ein wichtiger Tag für Petra Feldinger (Name von der Redaktion geändert). Vor 14 Jahren hat sie ihren Lebenspartner durch Suizid verloren, vor 2 Jahren dann ihren Sohn. "Es ist wie ein Albtraum", beschreibt Petra Feldinger die Zeit kurz nach dem Suizid ihres Sohnes. "Es ist so eine wahnsinnige Hilflosigkeit, so eine Leere."

Im ersten Moment habe sie auch große Schuldgefühle gehabt, "weil mich mein Sohn kurz zuvor noch angerufen hatte. Ich war in Eile und habe zu ihm gesagt: 'Ich rufe dich später an'. Aber es gab kein später mehr". Danach habe sich Petra Feldinger oft gefragt, was sie hätte anders tun können. "Aber vielleicht wäre es trotzdem passiert. Ich weiß es nicht."

Hilfe für Angehörige nach Suizid

Nach dem Suizid habe sie sich erstmal zurückgezogen und "funktioniert", wie sie sagt. Nach einiger Zeit habe sie dann darüber gesprochen und sich auch Hilfe gesucht - erst in einer Therapie, später dann auch beim Arbeitskreis Leben Stuttgart (AKL). Der Verein hilft Angehörigen nach einem Suizid.

Seit sechs Monaten trifft sich Petra Feldinger regelmäßig mit Jutta Gentsch vom AKL. Die Ruheständlerin engagiert sich seit zwei Jahren ehrenamtlich als Trauer- und Krisenbegleiterin. Die beiden gehen oft zusammen spazieren, meistens im Wald. Die Treffen geben Petra Feldinger Halt. In ihren Gesprächen steht dabei nicht nur die Trauer im Mittelpunkt. "Wir sprechen auch über andere Themen, nicht immer nur über das Leid und das Schlechte", erzählt sie.

Krisenbegleiterin Jutta Gentsch.
Jutta Gentsch engagiert sich seit zwei Jahren ehrenamtlich als Krisenbegleiterin. Luisa Bleich

Krisenbegleitung nach Suizid: Zuhören ist das Wichtigste

Jutta Gentsch hat selbst auch Erfahrung mit Suizid in der Familie. Trauerbegleitung sei damals aber kein Thema gewesen. "Als ich Kind war, gab es solche Institutionen nicht", erzählt die Krisenbegleiterin. "Dinge passierten und man ging weiter, aber es wurde nicht mehr darüber gesprochen." Deswegen ist es ihr heute umso wichtiger, Menschen in ihrer Trauer zu begleiten. Dabei gehe es ausdrücklich nicht darum, Lösungen für die Probleme ihrer Klienten zu finden. Die Krisenbegleitung könne auch keine Psychotherapie ersetzen. Als Begleiterin hört Jutta Gentsch den Menschen zu, stellt Fragen und bietet ihnen Perspektiven.

Wir sind dafür da, gute Zuhörer zu sein und auch ihre schwierigen Situationen auszuhalten.

Nach Suizid: So können Freunde und Familie helfen

"Ich konnte wirklich frei sprechen und habe mich verstanden gefühlt", erzählt Petra Feldinger von ihren Treffen mit der Trauerbegleiterin. Jemanden zu haben, der einfach zuhört, helfe ihr sehr. Rückhalt erfährt Petra Feldinger aber auch aus ihrem Umfeld. Obwohl die Situation für alle erstmal "eine Überforderung" gewesen sei, erinnert sie sich. Trotzdem habe sie viel Verständnis und Mitgefühl erfahren. "Wobei es mir gar nicht um das Mitgefühl ging. Es ging mir einfach darum, dass ich darüber reden konnte, dass ich nicht das alles für mich selbst behalten muss."

Es war einfach schwer, viel zu schwer.

Trauerbegleiterin Jutta Gentsch beobachtet häufig, dass es auch anders laufen kann und sich das Umfeld eher zurückzieht: "Die Menschen stehen oftmals, wenn sie in sehr komplexen Krisen sind, auch sehr allein da". Viele Menschen hätten Angst und wüssten schlicht nicht, wie sie mit den betroffenen Personen umgehen sollen. Gerade deswegen sei das Angebot der Krisenbegleitung so wichtig. Jutta Gentsch rät aber: "einfach ins Gespräch kommen". Man könne die Betroffenen fragen, was man für sie tun könne, was ihnen jetzt guttun würde. "Einfach Bereitschaft signalisieren. Ich sehe, was es bedeutet für dich und ich bin da." Freunde und Familie sollten nicht einfach wegschauen. "Es ist wichtig, das aus dem Tabu rauszuholen, dass man auch darüber sprechen kann, dass jemand nicht gemieden wird, dem so etwas passiert."

Tabuthema Suizid

Auch Petra Feldinger würde sich wünschen, dass das Thema Suizid nicht tabuisiert wird. "Wenn Menschen erfahren, wie viel Schmerz das Hinterbliebenen bereitet, vielleicht überlegt man es sich dann doch noch einmal und sucht sich Hilfe."

Der Schmerz bleibt den Lebenden.

Sie wünscht sich dahingehend auch ein besseres Präventionssystem, mit mehr niederschwelligen Angeboten bei Suizidgedanken.

Neue Lebensfreude nach einem Suizid

Wenn Petra Feldinger und Jutta Gentsch sich treffen, geht es oft um das Thema Selbstfürsorge. Denn "die Fähigkeit, für mich sorgen zu können, die kommt mir manchmal abhanden", erzählt Petra Feldinger. Für Jutta Gentsch ist genau das ein wichtiger Teil ihrer Arbeit. "Wir begleiten Menschen, die so feststecken in der Trauer, im Schmerz." Deswegen sei es wichtig zu vermitteln, dass da auch noch ein eigenes Leben zu leben sei, Perspektiven zu entwickeln und zu überlegen: Was tut mir denn gut? Das Ziel: Klienten wie Petra Feldinger sollen wieder eine Selbstfürsorge entwickeln, dass auch ihr Leben wertvoll ist. "Wir haben ja alle nur dieses eine Leben."

"Ich muss ja wieder zurück ins Leben finden", sagt auch Petra Feldinger. "Jetzt bin ich auf der Suche, was ich wieder mit mir machen kann, dass ich wieder Freude empfinden kann." Sie beschreibt ihre Trauer wie eine Achterbahnfahrt. "Manchmal geht es wieder runter, dann geht es wieder rauf und wichtig ist mir, dass ich immer neue Kraft schöpfen kann fürs Rauf, weil ich weiß, es gibt immer wieder ein Runter." Durch die Trauerbegleitung hat Petra Feldinger aber wieder mehr Lebensfreude gewonnen und rät auch anderen Angehörigen, sich nach einem Suizid Hilfe zu holen, statt sich abzukapseln und nur zu trauern. "Es geht weiter, das Leben, und das wäre mit Sicherheit auch nicht im Sinne des Verstorbenen."

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Luisa Bleich
SWR Reporterin Luisa Bleich

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