Depression treibt Alexander zum Suizid
Mit Mitte 20 stürzte Alexander sich von einem Hochhaus. Getrieben wurde er von einer Depression, die durch Medikamente ausgelöst worden war. Dass er überlebt hat, empfindet der praktizierende Buddhist als Glück. Seit Jahrzehnten begleitet der heute 56-Jährige für den "AK Leben" Menschen in Lebenskrisen und ist überzeugt:
Jedes Leben ist einzigartig und super kostbar. Das soll man echt schätzen. Eigentlich will ja niemand sterben. Sie wollen nur anders leben, als sie es in dem Moment empfinden.
Das Gefühl, nicht mehr leben zu wollen
Im September 1995 war für Alexander alles Schöne in seinem Leben verschwunden. Alexander ist da Mitte 20 und kifft schon seit Jahren. Zum zweiten Mal rutscht er – ausgelöst durch die Droge – in eine schwere Psychose. In der Psychiatrie versucht man, ihn zu stabilisieren.
[Da] gab es halt Medikamente, die notwendig sind. [...] Dann kam ich durch den Neustart in die Depression, wo nur schwarz da war: Da war kein Hoffnungsschimmer. Nirgends. Und dann war für mich nur noch der ersehnte Weg, mich aus dem Leben zu katapultieren. Dahin, wo es warm und geborgen ist.
Wie Ihr Suizidgedanken bei anderen erkennen und ihnen helfen könnt
Am 24. September 1995 überlebt Alexander den Sturz aus dem 13. Stockwerk eines Hochhauses. Es muss wohl später Vormittag gewesen sein, so genau weiß er das gar nicht mehr. Alexander spricht sehr offen über das, was er erlebt und überlebt hat.
Unglaublicher Zufall rettet Alexander das Leben
Auf dem Parkplatz vor dem Hochhaus stand ein Auto, dessen Dach den Aufprall von Alexander abfederte. Nur deshalb hat er überlebt. Schwer verletzt, aber: überlebt. Lächelnd erzählt Alexander, dass er der Besitzerin des Autos später Blumen geschenkt hat.
Alexander hatte offenbar gekonnt seine Depression überspielt. Die Medikamente, die ihn aus der Psychose geholt hatten, hatten sie ausgelöst. Er konnte die Klinik ganz normal verlassen, erzählt er. Es wusste ja keiner, was ihn ihm vorgeht.
Wenn Du nicht mitteilst, was in deinem Inneren abgeht, dann kann auch keiner helfen.
Das Gefühl, den eigenen Suizidversuch zu überleben
Alexanders erste Erinnerung: ein tiefes Glücksgefühl. Ein Zucken am ganzen Körper – vor Freude, dass er noch da war, so schildert er es. Die Schmerzen und die Tatsache, dass es lange dauern wird, bis alle seine Verletzungen verheilt sind? Nebensächlich in diesen ersten Momenten seines neuen, geschenkten Lebens.
Vielleicht hat Alexander damals schon gespürt, was ihn seit vielen Jahren schon als tiefe Überzeugung trägt.
Nichts im Leben ist für immer. Auch nicht das, was weh tut. Alles Gute, aber auch alles Schlechte, ist nur für den Moment. Und diesen Moment musst Du leben und lernen, ihn auszuhalten.
So wurde Buddhismus zum Fundament von Alexanders Leben
Zarte Glöckchen aus Metall klingeln, als Alexander uns zum Interview die Tür öffnet. Im Türrahmen hängt ein gelbgolden glänzendes Stofftuch. In seinem Wohnzimmer schwebt eine Girlande aus Fähnchen in Rot, Grün, Weiß und Gelb. Alexander ist Buddhist. Er zeigt auf Fotos an den Wänden: Buddhafiguren und Männer mit einem sehr, sehr ruhigen Gesichtsausdruck. Das seien seine spirituellen Lehrer.
Es liegt an einem selber, ob man an sich arbeitet. Und es dann auch schafft, sich zu verwirklichen. Verantwortung abgeben ist im Buddhismus nicht. Da muss man und darf man durch alles durchgehen, was kommt.
So kämpft Alexander gegen das Tabuthema Suizid
Die Verantwortung für seinen Suizidversuch hat Alexander nie woanders gesucht. Sie sei bei immer bei ihm gelegen – in jedem Moment, voll und ganz. Es ist ihm wichtig, das Thema Suizid heraus zu holen aus der Tabuzone. Er sagt: Nur so wird man Menschen in Krisen besser erreichen.
Suizid Prävention – wie lassen sich Selbsttötungen verhindern?
Das Entscheidende für ihn sei, den "point of no return" nicht zu verpassen. Und beständig im Austausch zu bleiben. Er hat es ja selbst erlebt: Dieses fokussiert sein auf das Eine, dieser Tunnelblick, der einen in die Alternativlosigkeit treibt.
Tunnelblick und Alternativlosigkeit: Zuhören rettet Leben
Der alleinige Fokus darauf, dass nur der Suizid eine Lösung sein kann, begegnet Alexander immer wieder. Seit mehr als 25 Jahren begleitet er Menschen in tiefen Krisen. Er engagiert sich ehrenamtlich beim Karlsruher Arbeitskreis Leben – kurz AKL.
Du findest dort Hilfe, wenn Du keinen Ausweg mehr siehst. Wenn Du in der Endlosschleife steckst und an Suizid denkst. Offenheit, also Mut beim Nachfragen und Ausdauer beim Zuhören – das ist es, was Leben retten kann.
30 Suizide jeden Tag – so kann jede:r helfen
Alle 56 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben, sagt das statistische Bundesamt. Das sind fast 30 Suizide jeden Tag – und sie nehmen zu.
Wie können wir helfen? Genau zuhören, keinen Bogen machen um das Thema Suizid, sondern mutig nachfragen. Und dann auch ausharren, da bleiben bei demjenigen, der nicht mehr leben möchte. Das kannst Du tun, sagt Alexander.
Ich kann jedem nur anraten: Sobald man das Gefühl hat, irgendwie ist was im Busch – ansprechen, selbst wenn es nicht stimmt. Man macht dadurch nichts falsch!