John Müller (26), gebürtig aus dem Allgäu, seit etlichen Jahren aber in Stuttgart, war schon immer ein Sport-Freak. Und dabei liebt er die Extreme: Höhe, Weite, unbekanntes Terrain. Müller bezeichnet sich selbst als "Extrem-Abenteurer". Mit 22 Jahren erhielt er plötzlich die Diagnose, dass er an einer seltenen Krebs-Art erkrankt ist, am Ewing-Sarkom. Ein harter Kampf begann - zehn Monate war Müller im Klinikum Stuttgart in Behandlung. Seit zweieinhalb Jahren ist er krebsfrei und wieder aktiv. Am Freitag startete er eine Spendentour: mit dem Fahrrad von Berlin nach Indien zum Taj Mahal. 8.000 Kilometer in 80 Tagen.
SWR Aktuell: Wir sprechen, während du schon unterwegs bist nach Berlin, und von da geht es dann los zum Taj Mahal in Indien. Warum gerade diese Strecke, und warum eine Tour mit dem Fahrrad?
John Müller: Ich bin vor zehn Jahren als Jugendlicher schon einmal durch Spanien gelaufen. Meine Mama hatte das Buch "Ich bin dann mal weg" von Hape Kerkeling gelesen und mir total begeistert davon erzählt. Ich wusste dann: Das will ich unbedingt machen, mal durch Spanien laufen. Aber da war ich gerade mal 16 Jahre, also total unrealistisch. Ich habe dann aber einen Freund gefunden, der schon 18 war, und so sind wir dann zusammen gelaufen. Und da habe ich gemerkt: mit dem Fahrrad kommt man viel weiter in so einem Monat. Deswegen stand für mich fest: Ich möchte irgendwann mal eine große Fahrradreise machen. Und als ich dann 18 war und ein Jahr in Ecuador gelebt habe, hatte ich einen Zettel in meinem Zimmer hängen, auf dem stand das Vorhaben: mit dem Rad zum Taj Mahal fahren. Denn - ich komme ja aus dem Allgäu, das war für mich das Weiteste, was ich mir vorstellen konnte. Und jetzt mache ich das eben, aber mit einem anderen Purpose.
SWR Aktuell: Genau, das ist ja jetzt ein anderes Szenario als damals mit Spanien, weil du diese Reise nicht für dich alleine beziehungsweise nicht nur für dich alleine machst.
Müller: Ich mache die Tour um zu zeigen, dass Krebs nicht das Ende bedeuten muss und dass man seine Träume trotzdem in die Hand nehmen kann. Deswegen haben wir einen Notfallfonds aufgesetzt und sammeln jetzt Spenden für patientennahe Projekte. Ich möchte meine Geschichte in die Welt tragen, um möglichst vielen Krebs-Patienten oder Menschen, die gerade nicht Fahrrad fahren können, Hoffnung zu geben.
SWR Aktuell: Was hat sich seit dem Krankenhausaufenthalt verändert für dich? Blickst du noch mal anders aufs Leben?
Müller: Ja, schon. Ein Punkt ist auf jeden Fall dieses 'Don't take yourself for granted', also die Gesundheit nicht für selbstverständlich zu erachten. Vor allem als junger Mensch ist selbstverständlich, dass einem nichts weh tut. Nach zehn Monaten Krankenhausaufenthalt hat es danach noch mal gedauert, bis mir nichts mehr weh tat. Ich war einfach nur glücklich, wenn ich aufstehen konnte und keine Schmerzen hatte und dann schrittweise weniger Medikamente gebraucht habe.
Man sollte seine Träume nicht auf die lange Bank schieben. Ich höre so oft: Ich habe eine große Reise vor oder ich habe irgendetwas Bestimmtes geplant und das mache ich dann irgendwann irgendwie. Aber es kann einfach sein, dass sich von jetzt auf gleich das Leben um 180 Grad dreht. Deswegen kann ich nur ermutigen, seine Träume direkt in die Hand zu nehmen. Und deswegen habe ich vor zwei Monaten auch meinen Job gekündigt. Ich mache das Spendenprojekt jetzt Vollzeit und widme mich mit ganzem Herzen dem Thema, damit ich möglichst vielen Menschen helfen kann. Das fühlt sich jetzt schon toll an. Wir konnten schon vor dem Start 25.000 Euro an Spenden sammeln.
SWR Aktuell: Du warst ja immer schon ein richtiger Sportfreak und Abenteurer. Und in dieser Hinsicht bist du jetzt auch Botschafter dafür, dass Sport bei Krebs helfen kann, vertrittst damit auch die Krebstherapie am Klinikum Stuttgart. Kann man das so sagen?
Müller: Ja. Sport ist definitiv ein Gamechanger. Deswegen hat das Klinikum Stuttgart die Gamechanger-Kampagne ins Leben gerufen. Und auch bei mir hat es total geholfen. Das sagt ja auch die neue Studienlage: Man sollte möglichst aktiv sein und sich bewegen, und sei es nur eine kleine Runde im Park.
Nach der Chemotherapie bin ich vorübergehend nach Mexiko gezogen, habe zehn bis zwölf Mal die Woche Sport gemacht, habe fast wieder meinen ehemaligen sportlichen Zustand erreicht. Nach einem Jahr war ich auf dem höchsten Berg Nordamerikas. Das hätte ich mir niemals erträumt, weil ich während der Chemotherapie solche Probleme hatte, überhaupt in den zweiten Stock zu meiner Wohnung zu kommen. Ich bin immer noch sehr, sehr dankbar, dass es mir wieder so gut geht.
SWR Aktuell: Du hast sicherlich nicht die komplette Reisezeit durchgeplant, also dass du für jeden Stopp auch eine Unterkunft hast, oder?
Müller: Stimmt! Für den Anfang ist das klar. Aber das ist Teil der Tour: Wer mich unterstützen will, kann nicht nur spenden. Sondern ich freue mich, wenn Krebs-Patientinnen oder-Patienten oder Freunde und Angehörige von Krebs-Patienten sich über die Website oder den gleichnamigen Instagram-Kanal melden und mir einen Schlafplatz anbieten oder vermitteln können. Oder einfach nur Begegnungen. Denn darum geht es auch: Ich will den Kontakt mit anderen Betroffenen, den Austausch, ich will dafür eine Öffentlichkeit und dass das Thema auf der Tour Raum bekommt. Auch damit anderen Mut machen. Ich will Krebs enttabuisieren.
Am 16. Mai - wie auch schon am 8. Mai in Berlin - will John Müller als Teil seiner Tour in München unter dem Motto "Riding for those who can't" zusammen mit anderen fahren. Wer dabei sein will, kann sich über seine Website anmelden. An diesen beiden Freitagen werden alle Spenden verdoppelt.