Einbruch, Betrug, Gewalt

Stuttgart: In diesen Bezirken ermittelt die Polizei am häufigsten

Stuttgart gilt als eine der sichersten Großstädte Deutschlands. Doch auch hier wird eingebrochen, betrogen und geraubt. Exklusive Daten zeigen: In diesen Bezirken hat die Polizei am meisten zu tun.

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Von Autor/in David Wünschel, Jan Russezki, SWR Data Lab

Wie sicher ist es in Stuttgart und wie sicher fühlen sich die Menschen vor ihrer Haustür? Etwa jede vierte Person hat oft oder sehr oft nachts allein Angst, Opfer einer Straftat zu werden. Das ergab eine europaweite Städtebefragung zwischen 2021 und 2023. Wie es tatsächlich aussieht: Das SWR Data Lab hat die exklusiven Daten der Stuttgarter Polizei ausgewertet, um herauszufinden, wie stark einzelne Stadtteile von verschiedenen Delikten betroffen sind. Der Datensatz umfasst rund 54.000 Straftaten, bei denen die Polizei die Ermittlungen im Jahr 2024 abgeschlossen hat. Diese Zahl zeigt: Stuttgart gehört zu den sichersten Städten Deutschlands.

Stuttgart ist eine der sichersten Städte in Deutschland, das belegt auch die polizeiliche Kriminalstatistik.
Stuttgart ist eine der sichersten Städte in Deutschland, das belegt auch die polizeiliche Kriminalstatistik.

Statistik: Wie belastbar sind die Daten?

Das SWR Data Lab hat Behörden mehrerer Großstädte in Deutschland um die erfassten Straftaten in den Bezirken gebeten - und sie nur von der Polizei Stuttgart erhalten. Doch wie belastbar sind diese Daten? Die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) ist ein Bericht der Polizei über ihre eigene Arbeit. So auch in Stuttgart.

Dabei handelt es sich ausschließlich um das Hellfeld, also um von der Polizei registrierte Fälle. Das Dunkelfeld kann bei manchen Delikten deutlich größer sein und bleibt hier unberücksichtigt. Ob die Ermittlungen zu einem Urteil führten, zeigt diese Statistik nicht. Ein Ranking der gefährlichsten Bezirke in Stuttgart nach einzelnen Delikten hat also beschränkte Aussagekraft. Dieser Artikel zeigt außerdem nur eine Auswahl an Delikten.

Dennoch geben diese Daten einen Einblick, in welchen Stadtteilen die Polizei besonders viele Einbrüche, Gewalttaten, Drogendelikte und Internetbetrugsfälle erfasst hat.

Einbruch: Vor allem in Bezirken mit vielen Einfamilienhäusern

Einbruch in das eigene Zuhause - etwa ein Viertel der Befragten in Stuttgart hält das innerhalb eines Jahres für wahrscheinlich. Das ergab die Sicherheitsbefragung von 50.000 Stuttgarterinnen und Stuttgarter im Jahr 2023 im Auftrag der Stadt. Dabei wird in Stuttgart im Vergleich mit anderen Städten wenig eingebrochen. Der Umfrage zufolge würde etwas mehr als jeder zweite Stuttgarter einen Einbruch mit Diebstahl anzeigen, etwa um vor Einbrechern zu warnen oder aus Versicherungsgründen.

Laut Stuttgarter Polizeisprecher Tobias Kutter sei das Dunkelfeld hier vergleichsweise klein. 2024 registrierte die Stuttgarter Polizei etwa so viele Einbruchsversuche (179) wie vollendete Taten (207). Die meisten Anzeigen wurden in Bad Cannstatt (50) aufgenommen, während Birkach keinen einzigen Einbruch meldete.

Will man die Kriminalitätsraten der Bezirke vergleichen, müssen die Fallzahlen allerdings in Beziehung zur Bevölkerung gesetzt werden. Dann liegen die Einfamilienhaus-Bezirke Hedelfingen mit 1,4 Einbrüchen sowie Stuttgart-Nord mit 1,1 Einbrüchen pro 1.000 Einwohnerinnen und Einwohnern an der Spitze. Bad Cannstatt, wo vor allem Mehrfamilienhäuser stehen, liegt mit 0,7 Einbrüchen dann nur noch im städtischen Durchschnitt.

Dieses Bild ist nach Angaben des Polizeisprechers Kutter jedoch nicht konstant. "Es gibt Zeiten, in denen eingereiste Tätergruppierungen über einen Zeitraum lediglich in bestimmten Wohngebieten tätig sind. Dort begehen sie serienmäßig Einbrüche, was die Fallzahlen an diesen Orten entsprechend steigen lässt", so Kutter. Tätergruppen wechseln immer wieder das Gebiet, wegen erhöhter Polizeipräsenz oder zunehmender Sensibilität der Anwohnenden. Das schlage sich dann auch auf die Fallzahlen nieder.

Gewalt: Schwerpunkte Wasen und City

Wird über Sicherheit in Deutschland gesprochen, dann meist auch über schwere Körperverletzungen und Raubüberfälle in der Öffentlichkeit. Gewaltkriminalität gilt jedoch als besonders schwer zu erfassen - viele Taten etwa im Bereich der häuslichen Gewalt bleiben im Dunkelfeld. Laut der Stuttgarter Sicherheitsbefragung würde nur rund jedes zehnte Opfer einen körperlichen Angriff oder eine Bedrohung auch anzeigen.

Die offiziellen Zahlen spiegeln die tatsächliche Lage also nur teilweise wider. Trotzdem geht aus den Daten deutlich hervor: In Stuttgart-Mitte werden mit Abstand die meisten Fälle von Gewalt im öffentlichen Raum festgehalten. 

Im Jahr 2024 registrierte die Stuttgarter Polizei knapp 1.200 öffentliche Gewalttaten. Fast die Hälfte aller Fälle (561) entfiel auf Stuttgart-Mitte und rund ein Fünftel (229) auf Bad Cannstatt. In den übrigen Bezirken waren es weniger als 50 Anzeigen, in Stammheim gerade einmal 2.

Die hohen Fallzahlen sind nicht zwangsläufig auf die Anwohnenden zurückzuführen. Polizeisprecher Kutter zufolge ziehen die Clubs, Bars und Restaurants in Stuttgart-Mitte Menschen aus Stadt und Umland an. "Verbunden mit dem Konsum von Alkohol oder anderen berauschenden Mitteln lässt sich die Gewaltkriminalität im öffentlichen Raum mitunter darauf zurückführen." In Bad Cannstatt würden viele Fälle beim Frühlingsfest, Volksfest und im Umfeld von Heimspielen des VfB Stuttgart erfasst.

Drogen: Umschlagplatz in Stuttgart-Mitte?

Jeder dritte Stuttgarter über 14 Jahren hat schon einmal illegale Drogen genommen, heißt es in der Umfrage, sechs Prozent davon vor kurzem erst. Während Drogen in Stuttgart vor allem in Mitte und den angrenzenden Bezirken konsumiert werden, erfasste die Polizei mit Abstand die meisten Drogendelikte in Stuttgart-Mitte selbst. Dort wurde mehr als die Hälfte der 3.140 Fälle festgestellt. In Bad Cannstatt, Stuttgart-Ost, Stuttgart-Süd und Zuffenhausen registrierte die Polizei jeweils mehr als 100 Fälle, in Birkach keinen einzigen.

Ist Stuttgart Mitte also ein Umschlagplatz für Drogen? Bei Rauschgiftdelikten handelt es sich um klassische Kontrolldelikte. Sie werden also vor allem dort festgestellt, wo die Polizei gezielt kontrolliert. Opfer, die sich an die Polizei wenden, sind selten. Das Dunkelfeld ist somit groß und lässt kaum Aussagen über Bezirke zu, die nicht im Fokus der Polizei stehen.

Cannabis: Häufigster Ermittlungsgrund

Seit der Teillegalisierung von Cannabis im April 2024 ist es zwar legal, als Erwachsener in der Öffentlichkeit bis zu 25 Gramm bei sich zu tragen. Trotzdem steht der Großteil der registrierten Verstöße mit Cannabis in Zusammenhang. Zum Vergleich: Die Polizei verzeichnete rund 1.800 Straftaten, bei denen Cannabis eine Rolle spielte. Bei Kokain waren es 539, bei Amphetaminen 457 Fälle. Das sei eine typische Verteilung. Jörg Kinzig, Kriminologe an der Universität Tübingen, erklärt: "Cannabis ist mit Abstand die am häufigsten konsumierte Droge."

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Der Großteil der 3.140 erfassten Fälle sind dabei allgemeine Verstöße gegen das Betäubungsmittel- oder das Cannabiskonsumgesetz. Nur 421 Fälle wurden explizit als illegaler Handel angezeigt. Etwa die Hälfte davon in Stuttgart-Mitte.

Es gibt in Stuttgart keine große Drogenszene.

Diese Verteilung wundert Bernd Klenk von der Drogenhilfe Release Stuttgart nicht. Stuttgart-Mitte sei für viele aus der Region ein Ort zum Entspannen und Feiern. "Deshalb ist auch der Freizeit-Drogenkonsum häufiger verbreitet. Der Konsum findet nicht nur in Clubs, sondern auch im Stadtpark und bei Events wie Stadtfesten statt", erklärt Klenk. Ähnlich sei das auch im Stadion und auf den Wasen in Bad Cannstatt.

Polizeisprecher Kutter erklärt außerdem: "Unabhängig davon sind in Stuttgart an altbekannten Örtlichkeiten verstärkt Personen aus dem Drogenmilieu anzutreffen, etwa in der Altstadt rund um die Leonhardskirche, am Rupert-Mayer-Platz und im gesamten Bahnhofsumfeld." Klenk erklärt dagegen: "Es gibt in Stuttgart keine große Drogenszene. Aber natürlich halten sich auch Suchtkranke tagsüber oft in den belebten Innenstädten auf."

Cyberkriminalität: Große Angst vor dem Tatort Internet

Gestohlene Kreditkartendaten, gehackte Konten, Identitätsklau: Keine andere Deliktart löste in den vergangenen Jahren so große Sorgen aus wie die Internetkriminalität. Etwa jeder fünfte Mensch in Baden-Württemberg befürchtete 2023, im Netz Opfer einer Straftat zu werden, so eine landesweite Studie. Viele Befragte berichteten vom Missbrauch ihrer persönlichen Daten und von Betrug im Internet.

Die Anzeigebereitschaft solcher Internetverbrechen ist allerdings niedrig. Nur ein Bruchteil wird gemeldet. Das Dunkelfeld ist somit groß, weswegen die Daten der Polizei nur wenig aussagekräftig sind. Insgesamt registrierte die Stuttgarter Polizei aber dennoch 1.218 Straftaten. Mehrheitlich ging es dabei um Computerbetrug – auch im Kontext von Zahlungsmitteln und Vermögen.

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Auch hier lag die höchste Kriminalitätsrate je 1.000 Einwohnenden in Stuttgart-Mitte. Fast gleichauf lag Birkach – dort ermittelte die Polizei in 82 Fällen. In Feuerbach verzeichnete die Polizei ebenfalls überdurchschnittlich viele Fälle. Polizeisprecher Kutter zufolge werden die Wohnorte der Geschädigten als Tatort erfasst. "Die Häufung in Birkach lässt sich auf eine Serie zurückführen, die nach Täterermittlung abriss. In Feuerbach schlagen sich auch einzelne Verfahren mit einer Vielzahl an Fällen stark in der Statistik nieder."

Sicherheitsgefühl: Gibt es No-Go-Areas in Stuttgart?

Manche Orte in Stuttgart sind für ihre Probleme bekannt. Der Obere Schlossgarten etwa ist ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche und junge Männer. Sie werden von Teilen der Befragten als respektlos wahrgenommen, was besonders Frauen ängstigt. Das ergab die Stuttgarter Umfrage. Mehr als drei Viertel der Befragten fürchten sich auch vor Straftaten durch Wohnungslose und Drogenkonsumierende in der Arnulf-Klett-Passage, dem Leonhardsviertel und auf dem Bahnhofsvorplatz in Bad Cannstatt.

Solche Orte werden in vielen deutschen Städten als Problem wahrgenommen. Aber werden dort auch mehr Verbrechen begangen? War es früher in Deutschland wirklich sicherer? Psychologinnen und Psychologen zufolge zeigen Befragungen, dass die meisten Menschen der Meinung sind, dass die Kriminalität zunimmt - unabhängig davon, was die Statistik zeigt. Tatsächlich erfasste die Polizei in den vergangenen Jahren aber weniger Straftaten als noch vor 20 Jahren.

Stuttgart: Eine der sichersten Städte

Die Auswertung zeigt: Kriminalität ist in Stuttgart je nach Delikt ungleich verteilt. Viele Taten wie etwa häusliche oder sexualisierte Gewalt werden unzureichend erfasst und bleiben somit im Dunkelfeld.

Über alle Delikte hinweg ist aber klar: In Großstädten ist die Kriminalitätsrate deutlich höher als in ländlichen Regionen. Das liegt auch daran, dass dort mehr Menschen auf engem Raum leben. Die Bevölkerung ist im Schnitt jünger, die Anonymität höher. Der soziale Druck ist damit schwächer, sich an Gesetze zu halten. Zudem werden Straftaten in Städten häufiger erfasst - nicht nur, weil mehr passiert, sondern auch, weil mehr Polizei auf den Straßen unterwegs ist.

Stuttgart gilt jedoch im Vergleich mit ähnlich großen Städten als überdurchschnittlich sicher. 2023 wurden in Stuttgart weniger Straftaten angezeigt als beispielsweise in Leipzig oder Essen. Eine SWR-Analyse der PKS-Daten von 2015 bis 2023 zeigt außerdem, dass die Zahl der erfassten Straftaten in Stuttgart in den vergangenen Jahren gesunken ist. Das scheint in der Stadt spürbar: Laut der Sicherheitsbefragung 2023 fühlt sich in Stuttgart nur etwa jede siebte Person unsicher.

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