75 Studierende in Baden-Württemberg starten in diesen Tagen ihr Medizinstudium, das sie dem Programm "Landarztquote" zu verdanken haben. Denn sie haben keinen Abiturschnitt von 1,0. Dennoch dürfen sie das Studium antreten. Denn dafür verpflichten sie sich, nach dem Studium in einer medizinisch unterversorgten Region zu praktizieren. Eine von ihnen ist Lisa Schäfer aus Beuren (Kreis Esslingen).
Doch noch Medizin studieren: "The Ländarzt" half Lisa aus Beuren
Lisa liebt das Leben auf dem Land. Die 23-Jährige ist in Beuren mit Tieren aufgewachsen. Sie kennt das Leben in der Landwirtschaft, und sie ist ein Familienmensch. Das Einzige, was ihr bislang zum Glück fehlte, war ein Medizin-Studienplatz. Das hat nun geklappt - über das Programm Landarztquote, auch "The Ländarzt" genannt, vom baden-württembergischen Gesundheitsministerium.
Zwei Stunden pendeln am Tag: Kein Problem für Lisa
Für Lisa geht es nun täglich nach Tübingen an die Universität. Eine Stunde Fahrt pro Richtung kann das schon einmal dauern. Es ist nicht die erste Hürde, die sie für ihren Traum auf sich nimmt. Sie hat bereits ein Freiwilliges Soziales Jahr im Krankenhaus gemacht, ihren Rettungssanitäter gemacht, im Krankentransport und im ärztlichen Bereitschaftsdienst gearbeitet. Zudem hat sie vier Semester "Physician Assistant" studiert, also Arztassistent.
Jetzt studiert sie also nicht mehr Assistenz, sondern endlich Humanmedizin. Es ist ihr Lebenstraum. Lisa sagt, das Wichtigste für sie sei, Leuten zu helfen. Außerdem wolle sie die Komplexität des Körpers verstehen.
Ich will Leuten helfen, und ich will die Komplexität des Körpers verstehen.
Im Tübinger Hörsaal sitzt am ersten Tag eine gemischte Truppe. Manche kommen direkt vom Abitur, manche haben schon zehn Jahre gearbeitet. Und inzwischen kommen manche wie Lisa über die Landarztquote. Sie freut sich jetzt erst mal darauf, alle kennenzulernen, Freundinnen und Freunde zu finden und Lerngruppen zu bilden.
Knapp 400 Bewerbungen für 75 Plätze Bewerberboom bei "The Ländarzt": Medizin studieren dank Landarztquote
Mit dem Programm "The Ländarzt" sollen mehr Ärztinnen und Ärzte für ländlichen Raum gewonnen werden. Die Studienplätze sind begehrt. Eine Freiburger Studentin erzählt, warum.
Ärztemangel: In Beuren plant man schon mit den Studierenden
In ihrer Heimatstadt Beuren ist die Freude über das Programm groß. Eine Praxis gibt es hier - ohne Aufzug. Darin einen Arzt und eine Ärztin. Wenn es nach dem Bürgermeister Daniel Gluiber (parteilos) ginge, dürften es mehr sein. Er bereitet sich schon auf die ersten Absolventinnen und Absolventen vor, die über "The Ländarzt" nach Beuren kommen könnten. Er denkt schon daran, eine neue Praxis zu bauen. "Denn in sechs bis sieben Jahren", rechnet er vor, "sind die Medizinstudierenden fertig." Und der Bau einer Praxis dauere auch mindestens fünf Jahre.
Medizinstudium: Für Patienten ist ein Einser-Abitur nicht wichtig
Auch die restliche Bevölkerung wartet sehnlichst auf den Nachwuchs. Bei einer SWR-Umfrage meint etwa Gerda Pomper etwa, sie habe dann die Garantie, dass es Hilfe in der Nähe gebe. Frank Hihn etwa ist überzeugt, ein Einser-Abitur müsse gar nicht sein. Viel wichtiger sei es, empathisch zu sein und zu verstehen, was wirklich wichtig sei. Monika Prechsl weist darauf hin, dass ein Hausarzt oft die ganze Familie und die Strukturen kenne und so zum Beispiel mit der Psyche besser umgehen könne.
Ärztliche Versorgung in BW: Großes Gefälle zwischen Stadt und Land
Die ärztliche Versorgung in Baden-Württemberg sieht sehr unterschiedlich aus. Der Blick auf die Karte zeigt. In Freiburg etwa herrscht laut Gesundheitsministerium ein Versorgungsgrad von 125,6. Ein Wert von 100 wäre ideal, beziehungsweise würde eine ausreichende Versorgung bedeuten. In Vaihingen an der Enz (Kreis Ludwigsburg) liegt der Wert allerdings nur bei 63,1, in Rottweil sind es 73,0. In Beuren, also in Lisa Schäfers Heimat, ist der Versorgungsgrad 87,2 - niedrig versorgt, wie das Ministerium das bezeichnet.
Landarztquote: Keine Garantie für die gewünschte Region
Lisa ist zuversichtlich, dass sie das Studium meistern wird. Ob das Programm sie danach direkt nach Beuren bringen wird, ist völlig unklar. Das Regierungspräsidium versucht, Wünsche zu berücksichtigen, heißt es. Es gebe aber keinen Anspruch, am Wunschort zu landen. Lisa würde gern nach Beuren kommen. Hier war sie in der Mädchen-Jungschar, war auf den Dorffesten - Beuren ist ihre Heimat.
Ein Stück unterversorgte Heimat - womöglich kann sie dank des "Ländarzt"-Programms diese Lücke bald schließen.