Wochenrückblick Stuttgart

Mobilfunk zwischen Litfaßsäule, Laternen und Löchern

Wer mobil telefoniert oder surft, flucht über mauen Mobilfunk. Die Anbieter aber bauen das Netz in der Region Stuttgart aus - mit kreativen Mitteln. Manche freut's, andere warnen.

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Von Autor/in Fabian Ziehe

- - - Hallo! Haaallo? Fa - - - Fabian Ziehe hier - - Was? Nee! Sorry, Funklo - - - ! Aber jetzt sollte - - - ja?! Was ha - - - grade noch verstanden? - - -

Ach, egal: Hallo, am Apparat ist jedenfalls Fabian Ziehe, Redakteur im SWR Studio Stuttgart. Und ich könnte ja manchmal die eigenen vier Wände hochgehen, wenn ich eben dort mal wieder mit dem Handy telefonieren oder nur diese eine winzige WhatsApp abschicken möchte und doch im verfluchten Funkloch hocke. "The Länd" kann alles, außer Mobilfunknetz, möchte man meinen. Und für "The Rägion" Stuttgart gilt selbiges. Wobei: Es tut sich was. Nein, nicht im Sinne von "Tut-Tut-Tut". Es geht wirklich voran! Und das will ich mir mit euch diese Woche mal anschauen.

Außen Werbung, innen schnelles Internet

Manche Ideen zünden immer wieder nochmal nach - wie die von Ernst Litfaß. 1854 ließ der "König der Reklame" in Berlin die erste "Anschlagsäule" errichten, um dem wilden Plakatieren Einhalt zu gebieten - und um ein paar Groschen zu verdienen. Als was wurden die Zylinder am Rande des Gehsteigs seither nicht alles zusätzlich genutzt - als Telefonzelle, als Notausstieg, als öffentliche Toilette. Und seit 2021 stattet der Mobilfunkanbieter Vodafone in Düsseldorf Litfaßsäulen mit Mobilfunksendern aus. Und die Deutsche Telekom folgte in Berlin auf dem Fuße.

Seit diesem Donnerstag also gibt es in Stuttgart auch so einen Zwitter aus Werbetrommel und Mobilfunkantenne. Die Landeshauptstadt ist nach Düsseldorf der zweite Standort für die 5G-Litfaßsäulen. Sozusagen ein Fingerzeig für Baden-Württemberg: Immerhin plant Vodafone rund hundert weitere funkende Werbefässer. Aber auch, weil die Kessellage von Stuttgart und die Topografie von "The Länd" insgesamt einer guten Mobilfunk-Versorgung entgegenwirken. Und weil die Baden-Württemberger den funkenden Dingern über ihren Köpfen im Bundesvergleich wohl mit vergleichsweise viel Argwohn begegnen - aber dazu später mehr.

Stuttgart

Vodafone: Weniger Funklöcher, mehr Bandbreite Mobilfunk: Erste Litfaßsäule mit 5G-Sender in Baden-Württemberg

Gerade in Ballungsräumen wie Stuttgart wollen Mobilfunk-Anbieter ein gutes Netz bieten. Vodafone setzt dafür nun auch in Baden-Württemberg auf Litfaßsäulen als G5-Sender-Standort.

Mobiles Internet: Telekom beklagt unmobile Verwaltung

Standorte für Sender zu finden ist schwer - zumal derzeit ja der Ausbau mit dem neuen Mobilfunk-Standard 5G läuft und man dafür noch mehr Funkmasten (Basisstationen) als bisher braucht. Die Deutsche Telekom sucht seit Mai per Plakat nach Stellflächen in Stuttgart. Und in der Pressemitteilung der Magenta-Mobilfunker schwingt erstaunlich unverhohlen mit, dass man sich mehr Unterstützung seitens Politik und Verwaltung wünschen würde: "Veraltete Bauvorschriften" würden den Mobilfunkausbau "hemmen", ja, der Konzern übt sogar offen Kritik am Stuttgarter Rathaus.

Die Telekom hat mehrfach den Dialog mit der Stadtverwaltung gesucht, um diese Beschlüsse zu aktualisieren und mobilfunkfreundliche Rahmenbedingungen zu etablieren. Bedauerlicherweise konnte bislang nicht der gewünschte Fortschritt erzielt werden.

Tatsache ist: Baden-Württemberg, das ansonsten gerne nach der Rolle des Klassenprimus übernimmt, trägt in puncto Mobilfunk zusammen mit Rheinland-Pfalz die rote Laterne. Klar, das betrifft vor allem den ländlichen Raum - wobei es auch in der Metropolregion Stuttgart Löcher gibt. Schaut man auf die Mobilfunk-Monitoring Karte der Bundesnetzagentur, sieht man etwa im Schurwald, im Heckengäu oder im Schwäbischen Wald Flecken, wo maximal 2G-Netz (GSM) verfügbar ist - im Handy lacht einen also das böse "E" im Display an. Noch schlimmer: Mitten im Schönbuch, irgendwo zwischen Herrenberg und Böblingen also, geht nix, nix, gar nix.

145 Millionen neue Messpunkte Mobilfunk: Im Südwesten gibt es die meisten Funklöcher

In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gibt es im Vergleich zu anderen Bundesländern mehr regionale Probleme mit dem Handyempfang. Das ist das Ergebnis einer Messung von Ende Mai.

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WLAN in der S-Bahn Stuttgart profitiert vom Mobilfunk-Ausbau

Zugegeben: Eine Litfaß-Säule dort im schönen Mischwald aufzustellen, wäre nun auch nicht der richtige Weg. Auch, weil diese ein Glasfaserkabel als Anschluss braucht, das fehlt ja auch. Aber vielleicht könnte man ja mal was auf der Bahnstrecke zwischen Waiblingen und Stuttgart-Bad Cannstatt ändern. Ich kann dort in der S-Bahn wie auch im MEX-Zug mit schöner Regelmäßigkeit mitverfolgen, wie kurz nach dem Verlassen des Bahnhofs der Dauertelefonierer ein paar Sitze weiter in Hektik verfällt. Kein Netz. (Zugegeben: Solange ich nicht selber telefoniere, finde ich das gar nicht sooo schlimm.)

Allerdings funktioniert in Zügen auch das WLAN, das die Betreiber mittlerweile anbieten, nun mal auch über Mobilfunk: Sogenannte "Multiprovider-Technik" bündelt im besten Fall die Funksignale aller drei deutschen Mobilfunk-Anbieter (Telekom, Vodafone, O2 Telefónica) und ermöglicht so das Surfen im Abteil. Daher kommt von der Telekom für Stuttgart auch eine gute Nachricht für Stuttgart - wenn's denn wahr ist: Durch ihren aktuellen Fortschritt beim Mobilfunk-Ausbau habe man auch die "Bahnstrecken Baden-Württemberg-Nord, Knoten Stuttgart und Stuttgart-Singen" besser versorgt. Über den Umweg Zug-WLAN müsste das allen zugutekommen.

Warum Mobilfunknutzern auf dem Wasen ein Licht aufgeht

Nun ist das mit den Standorten für Mobilfunk-Anlagen so eine Sache - deswegen auch die schon erwähnten Litfaßsäulen: Es braucht eine baulich solide Basis, Strom und einen Glasfaseranschluss - und das Wohlwollen der Person, die den Standort vermietet. Und viele Gebäudebesitzer verzichten lieber auf die Miteinnahmen für die Sendeanlage, um die Mieter nicht zu verärgern.

Klicken und verschicken: Das Foto vom Volksfest mit dem im Freefall-Tower hinabstürzenden Nachwuchs lässt sich auf dem Wasen besser verschicken als anderswo als Vodafone-Nutzer: Dort dienen sieben Laternen als Sendemasten.
Klicken und verschicken: Das Foto vom Volksfest mit dem im Freefall-Tower hinabstürzenden Nachwuchs lässt sich auf dem Wasen besser verschicken als anderswo als Vodafone-Nutzer: Dort dienen sieben Laternen als Sendemasten.

Darum die alternativen Ideen für Standorte. O2 Telefónica etwa setzt aktuell auf den bundesweiten Ausbau von 5G-Straßenleuchten. Einer Mitteilung vom Mai zufolge sind die Laternen-Sender für die 25 größten deutschen Städte geplant, darunter auch Stuttgart. Neben Litfaßsäulen läuft bei den Mobilfunk-Anbietern nun also auch der Run auf Laternen. Wobei Vodafone schon im Renne ist: Sieben funkende Leuchten gibt es in Stuttgart schon - alle stehen auf dem Cannstatter Wasen. Nicht nur wegen Volks- und Frühlingsfest wohl eine gute Idee: Auch bei den Open-Air-Konzerten wie kommendes Wochenende mit Iron Maiden müssen abertausende verwackelten Handy-Aufnahmen ja in den globalen Äther gelangen.

5G: Und wie steht's mit dem "Elektrosmog"?

Was die Mobilfunk-Fans freut, erfüllt die Skeptiker mit Argwohn: Die Sorge vor Gesundheitsschäden - Stichwort "Elektrosmog" - bekommt durch den Ausbau des 5G-Netzes neue Nahrung. Denn die Technik erfordert ein noch engeres Netz an Basisstationen, also Sendemasten. Die Umwelt- und Verbraucherorganisation "diagnose:funk" mit Sitz in Stuttgart listet in einer aktuellen Mitteilung vier Studien auf, die mögliche "bedenkliche nicht-thermische Gesundheitsschäden" durch 5G-Mobilfunk zeigen würden. Sie kritisieren unter anderem die offiziellen Grenzwerte und die Bewertung möglicher gesundheitlichen Beeinträchtigungen vor allem durch Mobilfunk- und WLAN-Strahlung.

Die Debatte um Mobilfunk-Sendemasten geht also weiter. Wobei die Macht des Faktischen hier wohl die Kritiker ins Hintertreffen geraten lässt - schließlich nutzt heute so ziemlich jeder Smartphone und Tablet. Trotzdem klingt eine Überlegung von diagnose:funk ganz nachvollziehbar: Sie fordern - wenn schon der G5-Ausbau nicht zu stoppen ist - zumindest ein "Nationales Roaming" - "Roaming" meint das Nutzen anderer Netze, wenn das eigene Netz nicht verfügbar ist - vor allem bisher im Ausland.

Liegt die Zukunft im Zusammen-Funken?

Die Idee dahinter: Statt des marktwirtschaftlichen Rennens der drei Mobilfunkanbieter in Deutschland um das beste und schnellste Netz, um möglichst maximale Netzabdeckung überall, könne man so Versorgungsengpässe und Lücken schließen. Der Trick: Die Nutzer können immer alle drei Netze nutzen. Ein Netz für alle - bei Erdgas, Strom oder auch Bahntrassen ist das ja auch möglich. Übrigens: Auch der Landkreistag BW fordert die Möglichkeit für Roaming innerhalb von Deutschland.

Funklöcher vor allem auf dem Land Lücken im Mobilfunknetz: Landkreise fordern Roaming auch in Deutschland

Vor allem im ländlichen Raum gibt es immer noch Flecken, an denen Handynutzer keinen Empfang haben. Der Landkreistag sieht eine Lösung, die man bisher nur von Auslandsreisen kennt.

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Und tatsächlich: Telekom, Vodafone und O2 Telefónica machen das an 2.000 Standorten im ländlichen Raum längst. Denn da lohnt wohl der Wettbewerb eh nicht, es sind zu wenig Kunden. Aber warum nicht auch etwa in Stuttgart, Ludwigsburg, Böblingen und Esslingen zusammen funken? Wenn dort alle Sendemasten, Litfaßsäulen und Straßenlaternen für alle verfügbar sind, gibt es für die einen ein verlässlicheres und schnelleres Netz - und für die anderen weniger "Elektrosmog". Was denkt ihr dazu?

Ein Netz für alle: Sollte man beim Mobilfunknetz nicht generell umdenken?

Vergangenes Mal haben wir euch gefragt, ob ihr auch gerne mal etwas kaputt machen und Dampf ablassen würdet? Die meisten Stimmen bekam mit 55,8 Prozent die Aussage: "So wütend und frustriert bin ich gar nie."

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Fabian Ziehe
Fabian Ziehe