In Stuttgart haben am Mittwoch Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten gegen die Honorarkürzungen demonstrieren. Auf dem Schlossplatz kamen rund 300 Teilnehmende zusammen. Auch in zehn anderen Städten wie Berlin, Düsseldorf, München und Hamburg hatte das deutsche Psychotherapeuten Netzwerk zum Protest aufgerufen.
4,5 Prozent weniger Geld für Psychotherapeuten
Seit dem 1. April bekommen Psychotherapeutinnen und -therapeuten 4,5 Prozent weniger Geld. Sie sind empört über die Kürzungen. Denn Psychotherapieplätze werden dringend gebraucht, sagt Johanna Kienzle. Das Kürzen der Honorare werde zu einer massiven Steigerung der Folgekosten führen, da sei sie sich sicher. "Das halte ich für hochgefährlich."
Sinkende Vergütung und steigende Nachfrage Weniger Geld für Psychotherapie: Wie angespannt ist die Versorgungslage in BW?
Die Wartezeiten für einen Psychotherapieplatz zur Behandlung von Depression oder anderer psychischer Erkrankungen sind in BW oft sehr lang. Nun könnte sich die Lage verschärfen.
Aus Sicht von Claudia Bäumer, die die Demonstration mitorganisiert hat, liegt das Problem unter anderem bei den Fixkosten: Obwohl die Ausgaben gleich blieben, bekomme man jetzt weniger Geld für seine Arbeit. Vor allem junge Therapeutinnen und Therapeuten überlegten sich jetzt doppelt, ob sie sich noch um einen Kassensitz bemühten. Für Kassenpatienten könnte sich deshalb die Versorgungslage verschlechtern.
Psychische Erkrankungen fordern Gesellschaft heraus
Die deutsche Psychotherapeuten Vereinigung bezeichnet die Honorarkürzungen als "fatales Signal" für die Versorgung psychisch erkrankter Patientinnen und Patienten. Jede oder jeder zweite Deutsche leidet mindestens einmal im Leben an einer psychischen Erkrankung, so die Vereinigung. Schon jetzt warten Betroffene oft monatelang auf einen Therapieplatz.
Das Aktionsbündnis Psychotherapie beschreibt psychische Erkrankungen als eine der häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung. Gerade deshalb sei eine starke ambulante psychotherapeutische Versorgung entscheidend für die Stabilität des Gesundheitssystems und der Gesellschaft.
Krankenkassen verteidigen Kürzungen
Für die Honorarhöhe zuständig sind unter anderem die Krankenkassen. Die Kürzungen, die seit 1. April gelten, sind sehr kurzfristig umgesetzt worden. Die Krankenkassen argumentieren, dass die Honorare in der Psychotherapie im Vergleich zu denen anderer Fachärzte in den letzten Jahren überproportional gestiegen seien. Deshalb sei die Kürzung jetzt gerechtfertigt.
Demonstranten fordern Stärkung der Psychotherapie
Die Demonstrationen am Mittwoch waren nicht die ersten Protestaktionen. Seit die Honorarkürzungen beschlossen wurden, haben immer wieder Demonstrationen in verschiedenen Städten stattgefunden. Die Psychotherapeuten wünschen sich, dass die Honorarkürzungen zurückgenommen werden.
Claudia Bäumer wünscht sich viel mehr eine Stärkung der Psychotherapie: "Wir erhoffen uns, dass wir von der Gesundheitspolitik gehört werden. Wir wünschen uns, dass die Wichtigkeit der Psychotherapie wahrgenommen wird und nachhaltig gestärkt wird."