Ist das die letzte Saison?

Trotz Sparmaßnahmen: "Rentner-Gang" will ihr Freibad retten

Die Stadt Stuttgart kürzt die Zuschüsse für einige vereinseigene Freibäder ab 2027 um 50 Prozent. Dem Freibad des ASV Botnang droht die Schließung. Rentner setzen sich dennoch ein.

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Stand

Von Autor/in Hendrik Huber

"Hier liegt sie, die Leiche", sagt der ehemalige Kriminalpolizist Richard Zenzs. Gemeinsam mit dem gelernten Feinmechaniker Kurt Schill hebt er ein großes weißes Tuch an. Darunter kommt eine Wasserpumpe zum Vorschein. Beide lachen. "Ohne Kurt würde hier gar nichts laufen, er kann wirklich alles reparieren", sagt der 70-jährige Zenzs. Gemeinsam mit dem 81-jährigen Schill repariert er im Technikraum des Freibads vom Athletik-Sport-Verein (ASV) im Stuttgarter Stadtbezirk Botnang alles, was nur geht. Denn Reparieren ist günstiger als Kaufen. Die Stadt Stuttgart will nämlich die Zuschüsse für das Freibad voraussichtlich um die Hälfte für die Saison 2027 kürzen. Die Zukunft des Freibads ist dadurch noch ungewiss.

Von Pumpentechnik bis zu Basteleien aller Art: Die zwei Renter Kurt Schill (l.) und Richard Zenzs (r.) reparieren alles im Freibad. Hier bauen sie Sonnenschirme auf.
Von Pumpentechnik bis zu Basteleien aller Art: Die zwei Renter Kurt Schill (links) und Richard Zenzs (rechts) reparieren alles im Freibad. Hier bauen sie Sonnenschirme auf. Bild in Detailansicht öffnen
Der 81-jährige Kurt Schill ist seit rund 20 Jahren in Rente und seitdem ehrenamtlicher Technik-Chef des ASV-Freibads.
Der 81-jährige Kurt Schill ist seit rund 20 Jahren in Rente und seitdem ehrenamtlicher Technik-Chef des ASV-Freibads. Bild in Detailansicht öffnen
Richard Zenzs war Kriminalpolizist. Heute engagiert er sich ehrenamtlich im Freibad und kümmert sich darum, dass die Wasserumwälzpumpe läuft.
Richard Zenzs war Kriminalpolizist. Heute engagiert er sich ehrenamtlich im Freibad und kümmert sich darum, dass die Wasserumwälzpumpe läuft. Bild in Detailansicht öffnen

Die Rentner-Gang: Ehrenamtlicher Einsatz fürs Freibad

Seit Donnerstag hat das Freibad wieder geöffnet. "Ohne meine Rentner-Gang könnten wir das Bad überhaupt nicht betreiben," weiß der ehrenamtliche Freibadverwalter Andreas Gölz. Zenzs und Schill sind zwei der zehn Ehrenamtlichen, die das Freibad am Leben halten. Allerdings wird die Rentner-Gang nicht jünger und Nachwuchs fehlt. "Ich weiß nicht, wie lange die Gesundheit noch geht. Ich bin jetzt 81 und mache das seit 2007. Da bin ich in Rente gegangen und seitdem bin ich hier", sagt Kurt Schill. Er hat an der Universität Stuttgart jahrelang eine Zentralwerkstatt als Feinmechaniker geleitet - jetzt ist er der Technikchef des Freibads.

Ich möchte der Gesellschaft mit meinem Engagement was zurückgeben. Weil eine Gesellschaft nur funktioniert, wenn sich die Einzelnen auch in irgendeiner Form einbringen.

Andreas Gölz (rechts) arbeitet als IT-Berater. Ehrenamtlich engagiert sich der 63-Jährige als Freibadverwalter beim ASV Botnang. Dafür wurde er als Stuttgarter des Jahres 2026 geehrt.
Andreas Gölz (rechts) arbeitet als IT-Berater. Ehrenamtlich engagiert sich der 63-Jährige als Freibadverwalter beim ASV Botnang. Dafür wurde er als "Stuttgarter des Jahres" 2026 geehrt.

"Herr Gölz ist allen ein Vorbild mit seinem Ehrenamt. Echt bärenstark", sagt Badegast Angela Eichele, als sie kurz am Beckenrand innehält. Sie kommt jedes Wochenende ins Schwimmbad. Deshalb hat sie Gölz für den den Preis "Stuttgarter des Jahres" vorgeschlagen. Im März hat er den 2. Preis und damit 3.000 Euro gewonnen. "Das Geld konnten wir gut brauchen. Ich habe damit einen neuen Schirm fürs Kinderbecken gekauft", sagt der 63-Jährige. "Ich möchte der Gesellschaft mit meinem Engagement was zurückgeben. Weil eine Gesellschaft nur funktioniert, wenn sich die Einzelnen auch in irgendeiner Form einbringen."

Freibad-Schließung droht: 2027 nur noch halb so viel Geld

Doch bei allem Ehrenamt entstehen auch Personalkosten für die Minijobber bei der Badeaufsicht und Energiekosten, um das Becken zu heizen und für die Wasseraufbereitung. Die Eintrittspreise und Saisonkarten decken davon nur einen Bruchteil. Bisher hat die Stadt Stuttgart von den Defizitkosten 80 Prozent bezuschusst, 20 Prozent hat der Sportverein über seine Mitglieder getragen. Von den knapp 90.000 Euro Zuschuss für das ASV-Freibad Botnang soll es 2027 jedoch nur noch die Hälfte geben.

Das Freibad wird es 2027 nicht mehr geben, wenn wir 50 Prozent weniger Bezuschussung von der Stadt bekommen.

Ursprünglich haben die vier Schwimmbäder ASV Botnang, MTV Stuttgart, SSV Zuffenhausen und SV Cannstatt rund 730.000 Euro pro Jahr bekommen. Aufgrund von steigenden Betriebskosten der Schwimmbäder und Energiekrisen hat die Stadt Stuttgart in den vergangenen Jahren Sonderzuschüsse vergeben, die 2026 voraussichtlich mit 1,4 Millionen Euro ihren Höchststand erreichen werden.

Weil die Stadt Stuttgart jedoch weniger Gewerbesteuereinnahmen hat, muss sie sparen. Die Folge: Es wird 2027 nur noch die ursprünglichen 730.000 Euro pro Jahr geben. Auch wenn die Betriebskosten für die Schwimmbäder annähernd hoch bleiben wie bisher: nämlich rund 1,4 Millionen Euro. Die finale Entscheidung über die Gelder für die Schwimmbäder werden die Stadträte am 28. Juli im Sportausschuss fällen.

Partystimmung zum Saisonauftakt

Für die Eröffnung der Badesaison an Christi Himmelfahrt lassen sich die Stammkunden die gute Laune nicht nehmen. Kuchen und Brot haben die Rentnerinnen und Rentner gebacken, Fingerhäppchen zubereitet und den Sekt kalt gestellt. "Ich habe meine Bademütze mitgebracht. Freibaderöffnung mit echter Bademütze aus Pelz", ruft ein Stammgast lachend. Er hat eine Pelzmütze auf dem Kopf und eine Winterjacke an. Das braucht es auch an diesem kalten ersten Tag - 10 Grad hat es nur. Doch die ersten Badegäste sind bereits im Wasser und das Team stößt an auf die neue Saison.

Stammgäste und Ehrenamtliche feiern den Saisonauftakt mit Sekt und Kuchen. Von Mai bis September ist das Freibad geöffnet.
Stammgäste und Ehrenamtliche feiern den Saisonauftakt mit Sekt und Kuchen. Von Mai bis September ist das Freibad geöffnet.

Schwimmbad als Erholungsort: Frisches Quellwasser und Schwimmen lernen

An der Freibadkasse werden die ersten Saisonkarten ausgegeben: Florian Weinheimer kauft zusammen mit seiner Tochter die dritte Saisonkarte in Folge. "Ich war schon hundert Mal hier. Es macht einfach Spaß herzukommen, weil es frisches Quellwasser hat und das Bad hier lokal vor Ort ist." Ein Leben ohne Freibad, "das wäre ein großer Einschnitt für mich", sagt Weinheimer.

Trotz 10 Grad Außentemperatur und 17 Grad Wassertemperatur - die ersten Badegäste sind schon im Wasser.
Trotz 10 Grad Außentemperatur und 17 Grad Wassertemperatur - die ersten Badegäste sind schon im Wasser.

1932 wurde das ASV-Freibad in Botnang eröffnet - ob es 2032 das 100-jährige Jubiläum zu feiern gibt, ist noch ungewiss. Dabei spielen Schwimmbäder für die Gesellschaft eine wichtige Rolle, so Freibadverwalter Gölz. Auch, weil Kinder in Deutschland immer weniger sicher schwimmen können. In Botnang haben auch die Kinder von Alessandra Nicoletti schwimmen gelernt: "Hier sind meine Kinder groß geworden, hier habe ich mir nach der Schwangerschaft die Pfunde abtrainiert."

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Autor/in
Hendrik Huber
SWR-Volontär Hendrik Huber

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