Fahrgäste müssen seit Monaten viel Geduld und Kraft aufbringen, wenn sie im Großraum Stuttgart mit S-, Regionalbahn oder dem ICE unterwegs sind. Baustellen, Zugausfälle, Ersatzverkehre mit Bussen - und das wird auch noch für die nächsten knapp zwei Jahre so bleiben. Dennoch geht es laut Bahn voran auf der Baustelle von Stuttgart 21. Davon überzeugte sich am Donnerstag auch der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Er besuchte nicht nur den neuen unterirdischen Tiefbahnhof am Flughafen, sondern fuhr mit einem Testzug über die neue Strecke von Wendlingen auf die Fildern.
Mit dem Dieselzug über die ICE-Strecke zum S21-Flughafenbahnhof
Noch kein ICE, sondern ein älterer Dieseltriebwagen bog bei Wendlingen am Donnerstagmittag auf die Neubaustrecke ein. Das Fahrzeug: voller modernster Technik. Das Kernstück: Das neue Zugsicherungssystem ETCS (European Train Control System). Wo der Dieselzug noch mit gemütlichen 20 Stundenkilometern zum Flughafen rollt, sollen schon bald ICE-Züge mit 250 Stundenkilometern fahren. Die Strecke wirkt auf den ersten Blick weitestgehend fertig. "Jetzt kommen die Test- und Abnahmefahrten", erklärt Olaf Drescher von der Bahn. Bis zur Eröffnung des Stuttgart-21-Tiefbahnhofs soll nicht nur die digitale Technik, sondern auch der Zugverkehr und die Abläufe erprobt werden.
Bahnsteigkacheln im Flughafen-Bahnhof werden verlegt
In den neuen Flughafenbahnhof fährt der Testzug dann aber doch noch nicht. Zu Fuß geht es auf den Fildern hinunter in den - ebenfalls unterirdischen - Bahnhof. Hier sollen zukünftig Züge, die zwischen Stuttgart, Ulm, Tübingen und Singen verkehren, halten. Der Bahnhof trägt die Bezeichnung "Flughafen Fernbahnhof", doch nach aktuellem Stand sind für diesen Bahnhof bisher vor allem Nahverkehrszüge vorgesehen. Auch hier ist der Baufortschritt zu sehen: Ein Bahnsteig wurde bereits gefliest und ist weitestgehend fertig. Hinweistafeln, Oberleitungen und ein Teil der Gleise fehlen aber noch, auch der zweite Bahnsteig muss noch gefliest werden. Die Bahn hofft, dass im kommenden Jahr der reguläre Testbetrieb starten kann.
Viele Fragen bleiben offen S21: Politik und Bahn feiern Richtfest am Flughafenbahnhof
In acht Minuten soll man von Stuttgart aus künftig am Flughafenbahnhof sein. Zwar wird dort am Freitag Richtfest gefeiert, doch gerade am Flughafen gibt es noch offene Baustellen.
Hier am Flughafenbahnhof soll auch der neue Pfaffensteigtunnel nach Böblingen beginnen und gebaut werden. Durch den Tunnel sollen Züge aus Singen und Zürich künftig über den Flughafenbahnhof in den neuen S21-Tiefbahnhof fahren können. Der Tunnel ist noch nicht final beschlossen und finanziert, aber im Haushaltsentwurf der Bundesregierung haben die verantwortlichen Politiker in Berlin knapp 1,7 Milliarden Euro für den Bau eingeplant. Nach den Plänen der Bahn soll kommendes Jahr mit den Arbeiten dafür begonnen werden, 2032 soll der Tunnel dann fertig sein.
Oberleitungsmasten per Hubschrauber
Bereits am Mittwochvormittag hatte ein spezieller Lastenhubschrauber neue Oberleitungsmasten zum Bahnhof in Stuttgart Bad Cannstatt gebracht. 19 Oberleitungsmasten aus Stahl, die jeweils bis zu zwei Tonnen wiegen, wurden von der neuen Neckarbrücke zum Gleisbett des nahegelegenen Bahnhofs transportiert. Dort wurden sie auf die Betonfundamente montiert. Die Montage aus der Luft soll die Arbeiten rund um Stuttgart 21 beschleunigen, um die Behinderungen für den Personennahverkehr so gering wie möglich zu halten.
S21: Teileröffnung für 2026 geplant
Ab Dezember 2026 sollen ICE-Züge planmäßig durch den neuen Tiefbahnhof in der Stuttgarter Innenstadt fahren. Wie die Bahn im Sommer mitgeteilt hat, bleibt der Kopfbahnhof aber vorerst weiter in Betrieb. Der alte Stuttgarter Kopfbahnhof wird auch 2027 noch von Zügen angefahren werden. Der gesamte Fernverkehr - mit Ausnahme der Gäubahnzüge - und etwa die Hälfte des Nahverkehrs sollen dann durch den Durchgangsbahnhof fahren können. Für die restlichen Züge sowie für den S-Bahn-Verkehr wird es noch länger dauern, bis komplett auf die neue Infrastruktur umgestellt werden kann. Bis Ende 2027 sollen dann weitestgehend alle Teile von Stuttgart 21 in Betrieb sein. Eigentlich hätte Stuttgart 21 bereits 2019 in Betrieb genommen werden sollen. Inzwischen ziehen sich die Bauarbeiten bis weit in das Jahr 2027, was für die nächsten zwei Jahre für Fahrgäste nahezu durchgängig Einschränkungen, Ausfälle und Ersatzverkehre bedeutet.
Projektpartner wollen zeitweise Kombibetrieb Stuttgart 21 wird vorerst nur in Teilen in Betrieb genommen
Ab Dezember 2026 sollen ICE-Züge planmäßig durch den neuen Tiefbahnhof fahren. Der Kopfbahnhof bleibt vorerst weiter in Betrieb. S-Bahn-Fahrgäste müssen mit Einschränkungen rechnen.