In diesem Jahr sind in Baden-Württemberg bereits acht Menschen nach Polizeischüssen gestorben. Das hat das Innenministerium am Dienstag auf SWR-Anfrage mitgeteilt. Das sind deutlich mehr als in den vergangenen Jahren, in denen jeweils nie mehr als drei Menschen durch solche Schüsse getötet wurden.
- Um welche Fälle geht es?
- Was sagen die Zahlen?
- Was sagt die Forschung?
- Was sagen die Gewerkschaften?
- Was sagt das Innenministerium?
Um welche Fälle geht es?
Gerade im Raum Stuttgart gab es in den vergangenen Tagen eine extreme Häufung: Binnen vier Wochen sind drei Personen nach Polizeischüssen gestorben. Am Samstag hat das SEK in Leonberg (Kreis Böblingen) einen Mann erschossen. Dieser soll zuvor selbst das Feuer auf Passanten und die Polizei eröffnet haben. Der mutmaßliche Täter starb noch vor Ort. Mit welcher Waffe er schoss, ist unter anderem Teil der Ermittlungen.
Stuttgart-Ost vor drei Wochen: Die Polizei rückte zu einem blutigen Streit an. Bei dem Einsatz fiel ein Schuss, ein 29-Jähriger starb vor Ort. Ob der Beamte aus Notwehr handelte, wird noch ermittelt. Wie die Staatsanwaltschaft dem SWR am Mittwoch mitteilte, ergab die Obduktion, dass der Einschuss an der linken Vorderseite des Brustkorbs erfolgt sei. Damit widerspricht die Staatsanwaltschaft Vermutungen, auf den Mann sei von hinten geschossen worden. "Das Projektil blieb ausweislich des Obduktionsberichts dann im rechten Schulterbereich stecken", so die Ermittlungsbehörde.
Stuttgarter Beamter erschießt Mann Kretschmann nimmt BW-Polizei in Schutz: Waffen sitzen nicht lockerer
Im Stuttgarter Osten hat die Polizei einen Mann erschossen. Die Beamten waren in der Nacht alarmiert worden. Auch Ministerpräsident Kretschmann äußerte sich nun dazu.
Fünf Tage zuvor, in Wangen im Kreis Göppingen, wollte die Polizei einen Mann wegen eines Deliktes abholen. Der 27-Jährige griff die Einsatzkräfte jedoch mit einem Messer an, er wurde erschossen und starb noch vor Ort.
Ende März gab es einen weiteren Fall im Raum Stuttgart. Ein 36-Jähriger soll seine 39-jährige Freundin getötet haben und fügte sich schwere Verletzungen im Brustbereich zu. Auf seiner Flucht schoss die Polizei ihm ins Bein - später starb er im Krankenhaus. Auch diesen Fall zählt das Innenministerium zu den acht tödlichen Fällen von Polizeischüssen in diesem Jahr.
Die vier weiteren Fälle waren in Bruchsal (Kreis Karlsruhe), Eichstetten (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald), Hilzingen (Kreis Konstanz) und Schramberg (Kreis Rottweil).
Gewalt Tödliche Polizeieinsätze bei psychischen Ausnahmesituationen
Die Mehrzahl der tödlichen Opfer von Polizeieinsätzen hat sich in einer psychischen Ausnahmesituation befunden. Die Polizei scheint für solche Situationen ungenügend vorbereitet.
Was sagen die Zahlen?
Aus den Zahlen des Innenministeriums geht hervor, dass die acht tödlichen Schüsse 2025 deutlich mehr sind als in den Vorjahren. So gab es etwa 2020 und 2017 jeweils drei tödliche Schüsse, ansonsten waren es zwei oder weniger. Zudem sind auch die Schüsse an sich "tödlicher": Denn in den Zahlen seit 2013 gab es immer mehr verletzte als getötete Personen. In diesem Jahr allerdings waren von zehn Schusswaffeneinsätzen insgesamt acht tödlich.
Auf SWR-Anfrage teilte das Innenministerium auch mit, wie sich zugleich die Gewalt gegen Polizeibeamtinnen und -beamte entwickelt hat. Seit 2021 hat sie jährlich zugenommen. Im Jahr 2024 erreichte sie einen Höchstwert: 6.362 Fälle von Gewalt gegen Polizeibeamtinnen und -beamte, dabei wurden 2.784 verletzt. Für das laufende Jahr gibt es noch keine Zahlen.
Dass die polizeiliche Kriminalstatik kein exaktes Spiegelbild der Kriminalitätswirklichkeit liefert, ordnet das Bundesinnenministerium allerdings selbst so ein.
Was sagt die Forschung?
In allen Fällen, in denen in diesem Jahr bereits Polizeiwaffen zum Einsatz kamen, laufen die Ermittlungen des Landeskriminalamts (LKA) noch. Die Fälle stellen sich laut LKA sehr unterschiedlich dar. Die Behörde teilt mit, es sei kein Muster zu erkennen. Auch die Forschung tut sich bei dem Thema schwer.
Laura Schmitz, Juristin und Forscherin am Institut für Kriminalwissenschaft der Universität Münster, sieht zwar, dass es eine Häufung gibt. Aus diesen Zahlen lasse sich allerdings noch kein Trend ablesen, ob die Polizei grundsätzlich häufiger schießt. Das liege auch an der dünnen Datenlage, die die Behörden zur Verfügung stellen, bemängelt sie.
Wir sehen in der Statistik lediglich eine DIN-A4-Seite, die einzelne Merkmale hervorhebt.
In anderen Ländern wie etwa Großbritannien gebe es Berichte mit Fallbeschreibungen, berichtet die Forscherin. Zudem gebe es dort weitere Merkmale der Einsatzsituation. Diese zeigten etwa, was vor dem Schuss passierte. Zudem zeige ein solcher Bericht, warum ein Schuss als rechtmäßig oder rechtswidrig eingestuft worden sei.
Die Wissenschaftlerin übt aber auch Medienkritik und arbeitet gerade an einer Medienanalyse. Erste Ergebnisse zeigten, dass oft über Erstmeldungen berichtet werde, dann womöglich noch über die Obduktionsergebnisse. Doch wie der polizeiliche Schusswaffengebrauch dann letztendlich bewertet wird, werde häufig nicht mehr thematisiert, kritisiert sie.
Was sagen die Gewerkschaften?
Die zwei Gewerkschaften im Land, die Gewerkschaft der Polizei (GdP) und die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG), weisen zunächst darauf hin, dass ein polizeilicher Schusswaffengebrauch bei allen Beteiligten tiefe Spuren hinterlasse. Er sei die "Ultima Ratio", das letzte Mittel, das nur in absoluten Ausnahmesituationen zur Anwendung komme.
Wer allerdings in einer angespannten Lage eine Waffe auf Polizistinnen oder Polizisten richte, müsse damit rechnen, dass er verletzt oder getötet werden kann, sagt Thomas Moor, Vize-Landesvorsitzender der GdP.
Für eine bessere Aufklärung der Fälle, in denen ein Polizist von seiner Waffe Gebrauch macht, fordern beide Gewerkschaften eine Verbesserung in Sachen Bodycams. Der Landesvorsitzende der DPolG, Ralf Kusterer, verweist auf neue Techniken, die etwa ermöglichen, dass sich die Kamera automatisch einschaltet, wenn der Beamte die Waffe zieht. So könne man im Ermittlungsverfahren konkrete Sachverhalte aufzeigen.
Allerdings müssen Bodycams dafür erst einmal getragen werden - das war weder in Wangen im Kreis Göppingen noch in Stuttgart-Ost der Fall. Beim Fall in Leonberg am Samstag sei noch unklar, ob Bodycams getragen wurden, sagte das LKA dem SWR.
Was sagt das Innenministerium?
Innenminister Thomas Strobl (CDU) wollte sich auf SWR-Anfrage nicht noch einmal zu dem Thema äußern. Er verweist auf eine Aussage von ihm Anfang Juli.
Es wird öfter zum Messer gegriffen und die Polizei wehrt sich dagegen mit allem, was sie hat, [...] selbstverständlich auch mit der Schusswaffe.
Bei jedem Schusswaffeneinsatz gegen eine Person gebe es eine sehr gründliche und akribische Aufarbeitung, nicht durch dieselbe Polizeidienststelle, sondern immer durch das Landeskriminalamt, so Strobl.
Die Frage, wie sich das Innenministerium die Häufung erklärt, blieb unbeantwortet. Eine Sprecherin verweist darauf, dass fundiertes, regelmäßiges Training die Beamtinnen und Beamten befähigt, Einsätze angemessen zu bewältigen. Dabei sei das oberste Ziel stets, dass das Einschreiten der Polizei zur Konfliktbewältigung möglichst gewaltfrei verlaufe. Auf die Frage, ob man jetzt etwas an der Ausbildung oder der Einsatztaktik verändern wolle, gab es keine konkreten Antworten.