Zum CSD in Stuttgart

Schwul und Muslim: Warum Olcay Miyanyedi seine Homosexualität heilen wollte

Olcay Miyanyedi nimmt am Christopher Street Day in Stuttgart teil. Der türkischstämmige homosexuelle Böblinger setzt sich für queere Menschen ein - das war aber nicht immer so.

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Stand

Von Autor/in Daniela Diehl

Das Motto der CSD-Kulturwochen "Stuttgart PRIDE" lautet in diesem Jahr: "Nie wieder still! Laut für Freiheit, stark für Vielfalt." Schirmperson war im vergangenen Jahr Olcay Miyanyedi aus Böblingen. Der türkischstämmige homosexuelle Muslim ist auch diesmal an vielen Aktionen beteiligt. Er setzt sich, wo er kann, für queere Menschen ein. Früher war das anders: Mehr als ein Jahrzehnt lang hat er versucht, sein Schwulsein zu bekämpfen. Er lebte unter einer ständigen Anspannung, fühlte sich "tatsächlich bestraft".

"Was ich bin, ist fehlerhaft und das darf nicht sein", dachte Miyanyedi mit 13 Jahren, wie er erzählt. Aufgewachsen ist er in Deutschland. Weil er gerne mit Puppen spielte, wurde er schon früh angefeindet - zum Beispiel in der Schule. Als ihm klar wurde, dass er Männer liebt, sah er das als Strafe und Krankheit an. Für ihn sei früh klar gewesen, dass er es "irgendwie bekämpfen" werde und dass er es schaffen würde, "nicht schwul zu sein".

Durch beten wollte er sich von der Homosexualität heilen

Miyanyedi stürzte sich in extreme Religiosität - obwohl Religion für ihn bis dahin kaum eine Rolle gespielt hatte. Durch beten wollte er sich davon heilen, schwul zu sein, wie er erklärt.  

Alle sagen dir, Gott will das nicht. Ob sie atheistisch sind, christlich, muslimisch - ganz egal. Und da habe ich mir gedacht, okay, wenn Gott das nicht will, aber Gott mir diese Strafe irgendwie auferlegt hat, muss ja die Antwort auch bei Gott sein.

Weder seine Eltern noch seine Lehrer verstanden, warum er plötzlich so religiös war. Miyanyedi machte alles mit sich selbst aus - auch seine erste Liebe konnte er mit niemandem teilen. "Das war natürlich ein enormer Druck, den ich mir selber gemacht habe. Und ich habe wirklich mit niemandem darüber gesprochen in meinem Umfeld."

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Erkenntnis nach der Pilgerreise: Schwulsein oder Suizid?

Mit 21 pilgerte Miyanyedi nach Mekka. Sein Ziel: nicht mehr schwul zu sein. Er habe sich gedacht, "der heiligste Ort auf dieser Welt für muslimische Personen ist die Kaaba, also in Saudi-Arabien". Wenn er dort hingehe und bete, "dann werde ich geheilt". Er erzählt, dass er akribisch alle Rituale ausführte. Geändert hat das nichts. Der Druck wurde zu groß, Miyanyedi erinnert sich, dass er zwei Möglichkeiten sah: Schwulsein oder Suizid.

Aber ich wusste auch, dass Gott einem Selbstmord niemals verzeiht. Wenn du dir das Leben nimmst, was dir Gott gegeben hat, dann ist es die höchste Sünde. Das waren so Abwägungen. Okay, dann lebe ich lieber die Sünde. Vielleicht vergibt mir Gott dann die Sünde eher, als dass ich mir jetzt irgendwie das Leben nehme.

Als er sich outet ist sein Umfeld schockiert, es gibt viel Unverständnis. Auch bei seinen Eltern. Er muss ganz viel erklären - zum Teil noch heute. Aber er erzählt, dass es dann endlich Entspannung gab in seiner "kleinen Welt, bei Freunden, wo ich dann auch meinen Safer Space hatte". Ihm sei "ein Stein von den Schultern" gefallen. Doch innerhalb der Gesellschaft habe er auch heute noch keine Entspannung. Wenn er beispielsweise einen Urlaub mit seinem Partner buche, müsse er überlegen "kann ich in dieses Land, könnte da was passieren?". Auch wenn er "abends in Stuttgart auf der Straße Händchen haltend laufe", schaue er sich um, "ob da was kommen kann".

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Miyanyedi geht an Schulen und berät Männer

Doch der heute 40-Jährige will sich nicht mehr verstecken. Mittlerweile glaubt er an einen liebenden Gott. Denn der Koran und Gott hätten nichts gegen Schwule, sagt Miyanyedi, der auch islamische Religionswissenschaft studiert hat. Der Hass, der komme von den Menschen. Er geht an Schulen und berät andere Männer, damit alle wissen: Schwulsein ist keine Sünde, keine Krankheit. Es gehe darum, sagt er, den Generationen, die nach ihm kommen, den Weg zu ebnen. "Dass sie ein einfacheres und schöneres Leben haben und ihre Jugend vielleicht leben können." Er selbst habe seine Pubertät nicht richtig leben können.

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