Zum Christopher Street Day am kommenden Samstag in Stuttgart werden Hunderttausende Menschen in der Innenstadt erwartet. Falls es zu Anfeindungen, Beleidigungen oder gar Angriffen kommen sollte, rät die Stuttgarter Polizei, bei einer mobilen Polizeiwache im Bereich des Schillerplatzes Anzeige zu erstatten. "Die Kollegen vor Ort sind immer ansprechbar", sagte Kara Starke von der Stuttgarter Polizei dem SWR. "Wir raten dazu, aufmerksam zu sein und aufeinander acht zu geben."
Lars Lindauer vom Orga-Team der Stuttgarter Pride rät queeren Menschen, nicht alleine, sondern besser in Gruppen den Heimweg anzutreten. "Heimwege und öffentliche Verkehrsmittel sind für queer gelesene Menschen oft ein Problem. Wir wollen, dass die Leute sicher nach Hause kommen." Die Organisatoren sind mit einem Awareness-Team beim CSD unterwegs. "Man erkennt uns an den schwarzen Team-Shirts und Leute können uns jederzeit ansprechen, wenn es ein Problem gibt oder sich jemand bedroht fühlt", so Lindauer.
Das Wichtigste im Überblick CSD Stuttgart 2025: Das ist diesen Samstag in der Innenstadt geplant
Eine Demo mit 160 Gruppen - das wäre ein Rekord für den Stuttgarter CSD. Zum ersten Mal seit zehn Jahren ist die CDU diesmal nicht dabei.
Queerfeindliche Gewalt steigt
Hintergrund dieser Maßnahmen ist die zunehmenden Queerfeindlichkeit. Queere Menschen sind in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr wegen ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer geschlechtlichen Identität häufiger Opfer von Hasskriminalität geworden als noch ein Jahr zuvor. Die Zahl der Delikte erhöhte sich um knapp 30 Prozent von 165 im Jahr 2023 auf 212 im Jahr 2024. Das geht aus einer Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage der SPD-Landtagsfraktion hervor.
Seit letztem Jahr stören Rechtsextreme vermehrt CSD-Paraden und versuchen Teilnehmende einzuschüchtern – teilweise gewalttätig, zuletzt Anfang Juli beim CSD in Falkensee bei Berlin. Auch beim CSD in Pforzheim Mitte Juni hatte eine rechtsextreme Gruppe zu einer Kundgebung aufgerufen, am Ende folgten dem Aufruf jedoch nur rund 80 Menschen. Für den CSD am Samstag in Stuttgart sind bisher laut Verfassungsschutz keine Gegenkundgebungen angemeldet. "Es ist aber nicht auszuschließen, dass es einzelne Störungen gibt", sagte die Präsidentin des Landesamts für Verfassungsschutz Beate Bube dem SWR.
Rund ein Drittel mehr Taten Hass im Netz, Hass auf der Straße: Queerfeindliche Gewalt in BW nimmt zu
Einschüchterung und Gewalt gegen homosexuelle oder transgeschlechtliche Personen und Gruppen in Baden-Württemberg nehmen stark zu. Neonazis mischen dabei kräftig mit.
Verfassungsschutzpräsidentin: "Liebe Leute, schaut hin"
Bube macht deutlich, dass in der aktuellen Situation alle Menschen gefragt seien, nicht nur die Sicherheitsbehörden. "Queerfeindlichkeit hat sich in den letzten Jahren zu einem ganz zentralen Thema für die rechte Szene entwickelt", sagte Bube dem SWR. "Liebe Leute, schaut hin, was sich da gerade entwickelt. Die Sicherheitsbehörden allein können die Demokratie nicht schützen, dafür braucht es uns alle."
Bube und ihre Mitarbeitenden beobachten, dass in jüngster Zeit besonders viele junge Leute rechtsextrem werden. Im letzten Jahr haben sich laut Bube in Baden-Württemberg einige rechtsextreme Gruppierungen neu gebildet, die überwiegend aus jungen Menschen, teils auch aus Jugendlichen, bestehen - zum Beispiel die Gruppierung "Unitas Germanica" oder Gruppierungen wie "Revolte Rottweil" oder "Revolte Balingen". "Die Gruppen schließen sich teilweise zusammen und es gibt gezielte Kooperationen mit den Jugendgruppierungen rechtsextremistischer Parteien", so Bube.
Radikalisierung erfolgt in sozialen Medien In BW gibt es immer mehr rechtsextreme Jugendgruppen
Die rechtsextreme Szene erhält in Deutschland Zuwachs - auch in Baden-Württemberg. Laut BW-Verfassungsschutz vernetzen sich rechtsextreme Gruppierungen vor allem im digitalen Raum.
Die rechtsextremistische Szene sei heterogen, doch eines verbinde die Gruppen: Der Grundgedanke., dass Menschen unterschiedlich viel Wert seien - basierend auf Merkmalen wie Hautfarbe, ethnischer Herkunft oder sexueller Orientierung. "Die Unterdrückung von Minderheiten ist immer eine klassische Agenda von Extremisten", so Bube.
CSD-Motto: "Nie wieder still!"
Lars Lindauer vom Orgateam der Stuttgarter Pride spürt das in seinem Alltagsleben. "Ich als schwuler Mann merke, dass ich mich nicht mehr so frei bewegen kann wie früher, das hat sich verändert. Das Gefühl wird schlechter, mich in der Öffentlichkeit als queer und schwul zu zeigen." Lindauer sieht zwei grundsätzliche Gründe dafür - Hass und Hetze im Internet sowie der wachsende Zuspruch für die AfD. "Im Netz gibt es fast keine Regulierung. Hassbotschaften bleiben weitestgehend stehen", so Lindauer. "Wenn ich einmal Hass poste und es hat keine Konsequenzen, mache ich es vielleicht ein zweites Mal. Das hat sich auch ins Leben außerhalb des Internets übertragen."
Umso wichtiger ist dem Organisationsteam die Botschaft des diesjährigen Christopher Street Day in Stuttgart am kommenden Samstag. Die CSD-Demonstrationen stehen in diesem Jahr bundesweit unter dem Motto "Nie wieder still! Laut für Freiheit, stark für Vielfalt". Damit möchten die Teilnehmenden ein Zeichen setzen gegen zunehmende Queerfeindlichkeit in Deutschland.