Die erste kleinwüchsige Bundestagsabgeordnete der Geschichte

Simone Fischer im Porträt: Ein Vorbild auf Augenhöhe

Simone Fischer hat den Wahlkreis von Cem Özdemir übernommen und ihn ganz knapp gewonnen. Jetzt sitzt sie im Bundestag und setzt dort ein Zeichen für Teilhabe.

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Von Autor/in Loris Hoffmann

In den Sommerferien berichten wir bei SWR Aktuell Fernsehen in unserer Serie über das Thema Inklusion und begleiten dabei Menschen mit verschiedensten Beeinträchtigung.

Sie ist die erste kleinwüchsige Bundestagsabgeordnete in der Geschichte. Simone Fischer aus Stuttgart sitzt seit Februar im Bundestag. Doch wer weiß, wie ihre Lebensgeschichte verlaufen wäre, hätten ihre Eltern damals nicht eine richtungweisende Entscheidung getroffen.

Eine normale Grundschule ebnet den Lebensweg

Als sie sechs Jahre alt war, sollte Simone Fischer in ihrem Heimatort Buchen im Neckar-Odenwald-Kreis eingeschult werden. Allerdings nicht in eine Regel-Grundschule, sondern in eine Sonderschule 90 Kilometer entfernt von Buchen. Damals gab es noch keine Gesetze, die eine freie Schulwahl ermöglichten.

Doch die Eltern blieben standhaft und setzten sich vehement dafür ein, dass ihre Tochter auf eine Regel-Grundschule gehen konnte. Ein Jahr später wurde Fischer in der Grundschule in Buchen, die auch ihr großer Bruder besuchte, eingeschult. "Ich bin überzeugt, dass das der entscheidende Schritt für meinen Lebensweg war", sagt Simone Fischer im SWR-Interview.

Es ist ein Lebensweg, in dem Fischer von Beginn an lernen musste, wie sie mit den Reaktionen der Menschen auf ihre Kleinwüchsigkeit umgeht. "Unabhängig von den körperlichen Größen gelingt es mir immer sehr gut, Augenhöhe herzustellen", sagt Fischer.

Seit 2021 ist Simone Fischer in der Politik aktiv

Nach der Realschule machte sie Abitur und studierte danach Verwaltungswissenschaften. 2003 zog Fischer nach Stuttgart und lebt seitdem mit ihrem Partner im Stuttgarter Westen. "Ich bin sehr gerne in Stuttgart und die Stadt ist mittlerweile mein Zuhause geworden", sagt sie.

Fischer arbeitete zunächst über zehn Jahre im Sozial- und Gesundheitsbereich der Landeshauptstadt Stuttgart, danach beim Städtetag Baden-Württemberg. 2021 wurde sie von Ministerpräsident Winfried Kretschmann zur Beauftragten der Landesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen ernannt.

Ein Meilenstein für die damals 42-Jährige und der Startschuss in ihre politische Karriere. 2023 trat sie bei den Grünen ein, mit deren Positionen sie sich schon lange identifiziert habe, wie sie erzählt. Ein Jahr später wurde sie Stadträtin im Stuttgarter Gemeinderat.

Simone Fischer gewann den Wahlkreis Stuttgart I

Doch Simone Fischer wollte mehr und machte Ende 2024 ihre Kandidatur im Bundestagswahlkreis Stuttgart I bekannt. Ihr Vorgänger dort: Cem Özdemir.

"Ich habe ganz viel Respekt vor der Arbeit und der Leistung von Cem Özdemir in diesem Wahlkreis und darüber hinaus, auch die Wirkung, die er damit erreicht hat. Und das war für mich natürlich auch Ansporn im Wahlkampf, dass wir Grüne dieses Direktmandat verteidigen", sagt Fischer.

Das gelang ihr im Februar 2025 auch - mit gerade einmal fünf Stimmen mehr als ihre Mitbewerberin - knapper dürfte sonst niemand in den Bundestag eingezogen sein. Danach habe sie ganz viele Rückmeldungen bekommen von Menschen mit Behinderungen, die sich engagieren wollten und nachfragen würden, wie sie sich politisch aktiv einbringen könnten, sagt Fischer.

Natürlich bin ich froh, wenn es durch mich eine Möglichkeit gibt, Sichtbarkeit zu schaffen.

Simone Fischer ist für Menschen mit Behinderung ein Vorbild

Für diese Menschen ist Simone Fischer ein Vorbild - eine Rolle, die sie gerne annehme: "Natürlich bin ich froh, wenn es durch mich auch eine Möglichkeit gibt, Sichtbarkeit zu schaffen, Verantwortung übertragen zu bekommen und dadurch auch zu zeigen, was eben möglich ist", so Fischer.

Doch der Umzug nach Berlin sei zu Beginn doch noch etwas holprig gewesen. Vor einem halben Jahr ist sie in der Hauptstadt in den Bundestag eingezogen und ist Sprecherin ihrer Fraktion für Pflegepolitik.

Gleich in den ersten Tagen, erzählt sie, sei die Bundestagsverwaltung auf sie zugekommen. In einem Rundgang habe sie mit dem Personal gemeinsam die Stellen überprüft, an denen etwas geändert werden musste - und die Liste an Mängeln war lang.

Social-Media-Beitrag auf Instagram von gruenebw

Der Bundestag hat keine Erfahrung mit kleinwüchsigen Menschen

Fischer benötigte ein Büro in der Nähe des Plenarsaal, um bei namentlichen Abstimmungen schnell genug hinzukommen. Zudem hingen die Anwesenheitslisten zu hoch und auch die Waschbecken waren für Fischer nicht gut zu erreichen. Oberste Priorität hatte für die 46-Jährige jedoch ihr Fahrrad, dass sie gerne mit in das Gebäude nehmen wollte.

"Mein Rad ist für mich an bestimmten Stellen ein Hilfsmittel, denn damit kann ich viel mobiler sein, mein Gepäck transportieren oder auch Unterlagen mitnehmen", sagt Fischer. Die Verwaltung bewilligte ihre eine Sondergenehmigung, um das Rad mit in den Bundestag nehmen zu dürfen.

Damit ist sie nicht nur die erste kleinwüchsige Bundestagsabgeordnetete, sondern auch die erste Abgeordnete, die ein Fahrrad mit in den Bundestag nehmen darf. "Im Gebäude fahren darf ich aber natürlich nicht", sagt sie.

Ich bin hier, um zu zeigen, was möglich ist.

Keine Zeichen von Nervosität

Ihre erste Rede im Parlament hielt sie im Mai. Von Nervosität oder sogar Lampenfieber war dabei nichts zu spüren. Kein Verhaspeln, keine Versprecher. Fischer forderte eine "höhere Priorität für Pflegebedingungen" sowie "einen klaren Plan, um den Pflegenotstand wirksam anzupacken."

Es wird nicht die letzte Rede von Simone Fischer im Bundestag gewesen sein. "Ich bin inklusiv, die Regelschule hat mir diesen Weg ermöglicht, weil meine Eltern sich dafür eingesetzt und gekämpft haben. Und dass das geht und was dann möglich ist, dafür bin ich hier, um zu zeigen, dass es sich lohnt, Teilhabe zu ermöglichen."

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Autor/in
Loris Hoffmann
Porträtfoto von Loris Hoffmann

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