Weltfrauentag am Sonntag

Armutsgefährdet trotz Vollzeitjob: Alleinerziehende Stuttgarterin berichtet von großem Druck

Allein in Stuttgart wachsen in über 12.000 Haushalten Kinder mit nur einem Elternteil auf. 85 Prozent sind Frauen. Trotz Vollzeitjob sind viele von Armut bedroht.

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Stand

Von Autor/in Susanne Babila

Laut einer Studie sind alleinerziehende Elternteile überdurchschnittlich armutsgefährdet - selbst wenn sie einen Vollzeitjob haben. Der größte Prozentsatz der Alleinerziehenden sind Frauen. Eine von ihnen ist Natascha di Nardo. Sie lebt mit ihrem elfjährigen Sohn und ihrem Kater Cosmi in Stuttgart-Mönchfeld.

Die Wohnanlage ist gepflegt, die Drei-Zimmer-Wohnung blitzsauber. Die 40-Jährige trennte sich vor fünf Jahren von ihrem Ehemann, später folgte die Scheidung. "In der Corona-Zeit spitzten sich die schwelenden Konflikte zu", erzählt sie, "und ich musste handeln". Da ihr Ex-Ehemann nicht aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen wollte, machte sie sich auf die Suche, ohne zu ahnen, welche Odyssee sie erwarten würde.

Alleinerziehende gelten bei Wohnungssuche oft als "Risiko-Mieter"

Alleinerziehende werden bei der Wohnungssuche häufig als "Risiko-Mieter" eingestuft. Vermieter zweifeln an ihrer Bonität oder unterstellen ihnen Unzuverlässigkeit. Natascha di Nardo bekam sehr viele Absagen, obwohl sie einen festen Teilzeit-Arbeitsvertrag vorweisen konnte und ihr Vater bereit war, für Miete und Kaution zu bürgen. "Am Ende gab es nur ein Angebot: Eine 54 Quadratmeter große Wohnung für 1.100 Euro, die nur einen Kachelofen hatte und auf deren Balkon immer wieder tote Ratten lagen". Sie ist noch immer aufgewühlt, wenn sie sich daran erinnert. Die Wohnung habe sie nur genommen, weil sie so verzweifelt war.

Die Wohnung war eine Zumutung, aber ich war in einer Notlage und so verzweifelt, dass ich die Wohnung genommen habe.

Nach vier Umzügen und monatelanger Suche fand die 40-Jährige für sich und ihren Sohn die Drei-Zimmer-Wohnung, in der sie heute lebt. Kostenpunkt: knapp 900 Euro, dazu Strom, Telefon, Internet und Nebenkosten. Damit sei fast die Hälfte des Nettoeinkommens aus ihrem Job verbraucht, erklärt Natascha di Nardo, die seit einigen Jahren in Vollzeit als Angestellte in der öffentlichen Verwaltung arbeitet und finanziell gerade so über die Runden kommt. Sie müsse ständig darauf achten, für was sie ihr Geld ausgibt.

Das bedeutet für meinen Alltag permanenten Stress. Man muss sich alles ausrechnen, für was gibt man wieviel Geld aus, wieviel bleibt übrig, schaffe ich es, komme ich über die Runden?

"Extras", wie sie es nennt, sind beispielsweise die Rechnung für eine Waschmaschine, weil die alte kaputt ist, eine neue Brille für das Kind oder die Autoreparatur.

14 Prozent der Alleinerziehenden mit Vollzeitjob sind armutsgefährdet

Wie Natascha di Nardo arbeiten gut 37 Prozent der Alleinerziehenden in Vollzeit. Dennoch seien sie überdurchschnittlich armutsgefährdet, so Sebastian Will vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Einer Studie des Instituts zufolge sind 14 Prozent der Alleinerziehenden mit Vollzeitjob armutsbetroffen.

Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des bundesweiten mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Dies zeigt, dass selbst ein Vollzeiteinkommen plus Kindergeld manchmal eben nicht ausreicht, um einen Ein-Eltern-Haushalt über die Schwelle der Armutsgefährdung zu heben.

Protagonistin
Natascha di Nardo will ihrem Sohn alles bieten - trotz großer finanzieller Herausforderungen.

Alleinerziehende fühlt sich "wie im Hamsterrad"

Die gelernte Bankkauffrau weiß mit Geld umzugehen, doch finanzielle Mittel, Zeit und Kraft seien knapp. Sie fühle sich häufig überfordert und lebe wie in einem Hamsterrad und das seit vielen Jahren. Auch wenn sie krank sei und keinen guten Tag habe, müsse sie für ihren Sohn Frühstück und Pausenbrot vorbereiten und die Hausaufgaben kontrollieren, ganz zu schweigen von Einkauf und Haushalt. Jeden Tag dafür sorgen zu müssen, dass alles funktioniert, zumindest für ihren Sohn, das mache ihr einen ungeheuer großen Druck.

Wenn mein Kind mich gerade braucht, kann es schwer verstehen, dass ich wegen der Arbeit nicht da oder angespannt bin und ich das für uns tue, für die Wohnung, die Kleidung, das Essen.

Immer wieder hat Natascha di Nardo Angst, ihrem elfjährigen Sohn, den sie über alles liebt, vieles nicht bieten zu können und ihrer Verantwortung als Mutter nicht gerecht zu werden. Diese Zerrissenheit begleitet Natascha di Nardo jeden Tag.

Viele Kindergärten sind nur vormittags geöffnet

Einen Vollzeitjob als Alleinerziehende stemmen zu können, setze eine gut funktionierende Kinderbetreuung voraus, sagt Paola Rapp, vom Verband für alleinerziehende Mütter und Väter in Tübingen. Doch gebe es in vielen Orten aktuell Kindergärten, die aufgrund von Fachkräftemangel nur noch am Vormittag geöffnet sind. Dazu kommt: Nur jeder vierte unterhaltspflichtige Elternteil zahlt regelmäßig den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestunterhalt, so Paola Rapp weiter.

Nataschas Ex-Ehemann zahlt zwar Unterhalt und nimmt ihren gemeinsamen Sohn alle 14 Tage, wie üblicherweise gesetzlich vorgeschrieben, aber das sei einfach zu wenig Entlastung im Alltag. Denn selbst wenn man mal Zeit für sich alleine habe, erledige man all das, was liegengeblieben ist, sagt Natascha di Nardo und lächelt.

Man nimmt sich in allem zurück und überlegt sich wirklich hundertmal, ist das jetzt notwendig oder nicht. Hauptsache, das Kind hat alles.

Kraft in ihrem Alltag schöpfe sie aus der innigen Beziehung zu ihrem Sohn und dem Glauben an Gott. Natascha di Nardo hofft auf eine gerechtere Politik, mit der Alleinerziehende mehr in Vollzeit arbeiten können, ohne ständig am Rande der Erschöpfung zu sein.

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Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Susanne Babila
SWR
Onlinefassung
Matthias Deggeller
Bild von SWR-Redakteur Matthias Deggeller

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