In dieser Woche sind die Weinlese im Neckartal und das Stuttgarter Weindorf gestartet. Während bei den Weindorf-Feiernden nichts von Krise zu spüren ist, machen sich viele Winzerinnen und Winzer in der Region Stuttgart nach der langen Trockenheit Sorgen um die diesjährige Ernte. Zum Beispiel Rüdiger Lebrecht vom Vorstand des Collegium Wirtemberg in Stuttgart. "Es werden schon sehr viel weniger Trauben sein. Die Lage ist seit Jahren schwierig; es ist ein Lotterie-Spiel, ob wir einen Schlechtwetter-Sommer haben oder Trockenheit", sagt er. Und da das jetzt das dritte Jahr in Folge mit starker Trockenheit sei, sieht er schon Probleme: "Wir müssen im Keller mehr zufüttern, und langfristig wird das die Gärprozesse verändern." Das Collegium könne noch gut wirtschaften, viele andere denken aber übers Aufhören nach, verrät Lebrecht.
Sebastian Häußer von der Felsengartenkellerei in Besigheim (Kreis Ludwigsburg) sieht das etwas entspannter. Denn man habe sich ja seit 20 Jahren auf die Klimaveränderungen einstellen können.
SWR Aktuell: Herr Häußer, machen Sie sich auch Sorgen um die Ernte in diesem Jahr?
Sebastian Häußer: Wir erwarten schon eine kleinere Ernte. Aber wir lassen uns davon nicht entmutigen. Das, was wir bisher eingelagert und in die Gärung geschickt haben, macht Freude. Das werden aromatische Weißweine, und wir erwarten kräftige Rotweine. Wir sind es aber gewohnt, dass unsere Werkstatt unter freiem Himmel ist und wir mit Frost, Hagel, Trockenheit umgehen müssen. Wir haben da seit 2003 an Erfahrung dazugewonnen, wie wir damit besser umgehen können.
SWR Aktuell: Sie nennen jetzt 2003 als Jahreszahl. Wieso ausgerechnet von da an?
Häußer: 2003 war ein sehr eindrucksvolles Jahr für uns mit sehr hoher Wärme und langer Trockenheit. Danach sind diese Wetterereignisse immer häufiger geworden. Bei höherer Wärme treibt die Rebe früher aus und ist damit mehr dem Frost ausgesetzt. Die Eisheiligen kommen ja nach wie vor zum etwa selben Zeitpunkt und das beißt sich dann mit dem früheren Austrieb. Noch dazu sind dann die Starkregen- und Hagelereignisse gekommen. Da ist es im Weinberg schwierig, sich zu schützen.
SWR Aktuell: Also ist eigentlich der Frost das größere Problem?
Häußer: Die Eisheiligen machen uns mehr zu schaffen, weil das Wärmeangebot über das Jahr gesehen größer ist. Es wird früher warm und damit beginnt der Austrieb früher. Und dann haben wir die Eisheiligen, wenn die Reben bereits grüne Blätter haben. Wenn dann noch mal Frost kommt, wird es schwierig.
SWR Aktuell: Und wie haben Sie sich seit 2003 auf die größere Trockenheit eingestellt?
Häußer: Dem Thema Trockenheit begegnen wir mit der Auswahl der richtigen Unterlagenrebsorte und dann mit dem angepassten Bodenmanagement - und wo es notwendig und auch möglich ist, mit Tröpfchenbewässerung. Das ist eine sehr sparsame Variante von Bewässerung, die vor allem bei jüngeren Anlagen notwendig ist, weil die sonst nicht überleben. Die älteren Rebanlagen haben tiefere Wurzeln und kommen momentan noch an Wasser ran.
Und dann kommt es drauf an, welche Rebarten Sie verwenden und wie. Der Rebstock hat zwei Teile, den sichtbaren oberirdischen Teil, der die bekannte europäische Rebsorte ist, und im Boden ist die sogenannte Amerikanerrebe, die reblausresistent ist. Und über diese Unterlagenrebsorte gelingt es, die europäische Rebsorte besser an die Bedingungen vor Ort, an das Kleinklima, an die Bodenart, anzupassen.
Vom Markt her muss ich mich natürlich entscheiden, welche Rebsorte ich grundsätzlich pflanze: Was ist auf der Amerikanerrebe drauf? Ist das ein Chardonnay? Ist das eine pilzwiderstandsfähige Rebsorte? Wir pflanzen seit Jahren nur noch pilzwiderstandsfähige Rebsorten an, weil das für uns eben sehr wichtig ist, dass wir nachhaltig agieren. Das ist für uns die Zukunft.
"Heldenschmiede" - der Traum vom eigenen Weinberg Wein vom Neckar: Deshalb retten Menschen in Ludwigsburg die Steillagen
Die Steillagen in den Weinbergen am Neckar zwischen Stuttgart und Heilbronn sind extrem schön - aber leider auch extrem bedroht. Ein Projekt aus Ludwigsburg unternimmt etwas dagegen.
SWR Aktuell: Vermutlich ist das relativ teuer und nicht jeder kann auf andere Rebsorten beziehungsweise angepasste Aufpfropfung und Tröpfchenbewässerung umstellen. Lohnt sich das noch? Oder anders gefragt: Macht Ihnen Ihr Job noch Spaß?
Häußer: Also, mir macht das sehr viel Spaß! Ja, die veränderten Wetterbedingungen haben dazu geführt, dass wir höhere Kosten haben und gleichzeitig im Schnitt niedrigere Erträge. Wir hatten vorletztes Jahr aber frostbedingt eine kleinere Ernte, als wir sie dieses Jahr erwarten. Natürlich haben wir uns aber auch angepasst. Und die Richtung, die wir in Sachen Qualität eingeschlagen haben, scheint richtig zu sein. Denn wir sind bundesweit mit an der Spitze und sind beispielsweise in diesem Jahr zum 17. Mal ausgezeichnet worden als beste Weingärtnergenossenschaft Deutschlands. Aber wir haben unsere Zielerträge reduziert. Also die Erntemenge, die wir anstreben, ist kleiner als noch vor 20 Jahren. Das ist auch ein Stück weit eine Möglichkeit der Anpassung, wenn man es denn auch vermarkten kann. Aber dafür haben wir die Grundsteine auch vor 20 Jahren schon gelegt.