Smartphones sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken - doch Handysucht nimmt zu. Leon aus Freiburg erzählt von seinen Suchtjahren. Für den 27-Jährigen ging lange Zeit ohne Handy gar nichts mehr. Stundenlang hing der studierte Energietechniker am Smartphone. Allein zu Hause. Die Arbeit habe ihn so sehr belastet, dass er nur noch Halt in der Handysucht fand. Wenn er heimkam, ging die Gedankenspirale los: "Ich brauche jetzt irgendwie Entspannung. Und die Sucht hat zu mir sozusagen gesagt: Ich habe was Gutes für dich", erzählt er. Doch schließlich suchte er sich Hilfe und besiegte die Abhängigkeit.
Endlos scrollen: Wie das Handy Leons Alltag bestimmte
Leon schaute meistens auf dem Sofa Videos bei YouTube und auf Instagram, auch beim Essen am Tisch, danach wieder aufs Sofa - in Dauerschleife. Das Handy bestimmte seinen Tagesablauf.
Das größte Problem war, dass ich so viel Zeit verloren habe, weil ich nicht wusste, was ich sonst mit meiner Zeit anfangen soll. Die Mediensucht hat den Raum ausgefüllt.
Am Wochenende war es am schlimmsten - zehn Stunden täglich hing Leon dann am Handy, meist bis tief in die Nacht. Gesundheitlich ging es immer mehr bergab. "Ich fühle mich schlecht, ich fühle mich matschig im Kopf. Ich habe keinen klaren Gedanken mehr und sobald ich mein Handy nicht mehr in der Hand habe, habe ich das Gefühl, ich muss da jetzt wieder was verdrängen", beschreibt der 27-Jährige seine Gefühlswelt nach dem Konsum.
Handysucht: Steigende Zahlen, hohe Dunkelziffer
Leons Geschichte ist kein Einzelfall. Die Suchtberatung Freiburg verzeichnet seit Jahren steigende Zahlen. 2021 suchten noch 20 Menschen wegen Mediensucht Hilfe bei den Fachleuten, im vergangenen Jahr waren es bereits knapp 50. Das sind nur diejenigen, die ihre Sucht erkannt haben. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.
"Das ist ein Problem, das deutlich zunimmt", sagt Christina Mundle-Weiser, Leiterin der Suchtberatung Freiburg. "Wir gehen eher davon aus, dass es dieses Problem schon länger gibt, aber jetzt wird eben deutlich, dass viele Menschen ein Problem mit der Nutzung des Smartphones haben", meint sie weiter.
Soziale Medien fesseln Handynutzer
Besonders soziale Medien wirkten stark suchtfördernd, sagt die Freiburger Suchtexpertin. Schnelle Belohnungen über neue Videos aktivierten das Belohnungssystem im Gehirn - kurzfristig angenehm, langfristig belastend. "Man kann endlos scrollen, liken, kommentieren oder selbst Videos hochladen. Das führt zu einer starken Bindung an die Plattform und verstärkt die Abhängigkeit", erklärt Mundle-Weiser. Dazu kämen Algorithmen, die dafür sorgen, dass immer die Videos zugespielt werden, die einem besonders gut gefallen. Auch Leon hatte anfangs viel Freude dabei, gibt er zu.
Zudem sei das Smartphone leicht verfügbar, kostengünstig und in der Gesellschaft nicht geächtet wie andere Sucht-Substanzen. Es dauere länger, bis man erkenne, dass eine Sucht vorliegt, so Mundle-Weiser weiter.
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Gesundheitliche Folgen als Wachrüttler
"Oftmals kommt die Einsicht der Klienten erst mit den gesundheitlichen Schäden. Also wenn der Leidensdruck so sehr steigt, dass es nicht mehr weitergeht", meint die Suchtexpertin. Denn die Folgen zeigen sich nicht nur in der Psyche. Auch Arbeit, Ausbildung oder Studium litten durch Leistungsabfall und Fehlzeiten. "Exzessive Handynutzung kann zu Schlafproblemen, innerer Unruhe, Konzentrationsstörungen, Einsamkeit und Depressionen führen", so die Suchtexpertin.
Handysucht ist zudem längst kein Problem, das nur noch Jugendliche betrifft. "Das zieht sich durch alle Altersklassen durch, bis rein ins Rentenalter", sagt Mundle-Weiser. Sie fordert mehr Sucht-Prävention an den Schulen.
Da [Anmerk. d. Redaktion: in der Schule) sollte es dann nicht nur um die Medienkompetenz gehen, sondern auch darum, zu zeigen, wie und wo ein Handy süchtig machen kann.
Leon hat die Handysucht besiegt
Auch für Leon kam die Wende mit der Einsicht, dass er Hilfe braucht. Nach fünf Jahren Handysucht ging er zur Suchtberatung in Freiburg, löschte Apps, änderte Routinen, begann Sport zu machen und schloss sich einer Selbsthilfegruppe an. Dort fand er neue Freunde. Nun geht er wieder vermehrt raus. "Ich spüre jetzt richtig, dass es mir gut geht, wenn ich joggen gehe. Ich verarbeite die Dinge, die mich belasten, und denke nicht ständig darüber nach", sagt er.
Leons Fall zeigt: Handysucht kann jeden treffen. Die steigenden Zahlen verdeutlichen, dass problematischer Medienkonsum längst kein Einzelfall mehr ist. Die Suchtberatung rät: Warnsignale ernst nehmen, Unterstützung suchen und Routinen verändern - das sind die wichtigsten Schritte zurück zu mehr Kontrolle über den eigenen Alltag.