Immer wieder solidarisieren sich Menschen in Demonstrationen mit den Menschen im Iran. Auch in Freiburg gab es solche Demos. Sara hat jetzt ihr erstes Semester in Freiburg hinter sich gebracht und erzählt von ihrer Sicht auf ihr Heimatland Iran. Für das Interview möchte sie anonym bleiben.
SWR Aktuell: Du bist im November aus dem Iran nach Freiburg gezogen. Wie hast du den Wechsel erlebt?
Sara: Ich habe mich insgesamt zwei Jahre lang auf die Reise nach Deutschland vorbereitet. Der November war dann eine sehr emotionale Zeit. Ich dachte fast, ich schaffe es nicht nach Deutschland. Es gab schwere, unruhige Tage und schlaflose Nächte. Wegen des zwölftägigen Krieges im Iran wegen Israel im Juni hatte sich mein Visum-Prozess verzögert. Deswegen konnte ich nicht pünktlich zum Semesterstart in Deutschland sein und habe fast überall meine Universitäts-Zulassungen verloren. Alle außer die für Freiburg, hier durfte ich trotzdem meinen Master anfangen.
Das Lächeln der Menschen hier hat mir Mut gemacht.
Der Tag des Fluges war sehr besonders. Am Flughafen im Iran weiß man nie, wann man die Heimat wiedersieht. Als ich in Deutschland ankam, dachte ich zuerst, ich schaffe das nicht und ich gehe bald zurück. Aber Freiburg hat mich überrascht. Das Lächeln der Menschen hier hat mir Mut gemacht und ich habe mich schnell eingelebt. Ich liebe Freiburg und die Ruhe, die diese Stadt mir gibt.
Diese Ungewissheit war wirklich beängstigend.
SWR Aktuell: Wie geht es deiner Familie im Iran?
Sara: Es gab Momente, die sehr schwer für mich waren. Vor kurzem hatte ich zwei Wochen lang keinen Kontakt mit meiner Familie, keine Nachrichten, keine Anrufe. Diese Ungewissheit war wirklich beängstigend. Jetzt weiß ich zum Glück, dass sie gesund sind. Das ist eine große Erleichterung. Aber natürlich bleibt die Sorge immer ein bisschen im Herzen.
SWR Aktuell: Mit welchen Gefühlen schaust du auf die Lage im Iran?
Sara: Die Situation im Iran ist zutiefst traurig. Tausende Menschen wurden auf den Straßen getötet. Kinder, Jugendliche und sogar ungeborene Babys. Das ist so schmerzhaft. Jede Seele, die wir verloren haben, hätte eine wichtige Rolle in der Welt spielen können. Dieser Schmerz wird niemals aus den Familien verschwinden. Mädchen können in ihrer eigenen Haut nicht frei und sicher sein. Es gibt auch keine gesunden internationalen Beziehungen. Das bedeutet große Probleme bei der Arbeit - junge Menschen studieren jahrelang für eine bessere Zukunft, aber finden am Ende keinen Job. Das bringt so viel Hoffnungslosigkeit.
Gleichzeitig bauen die USA ihre militärische Präsenz im Nahen Osten und im Persischen Golf weiter aus. In Deutschland sind viele Menschen dankbar für die einstige Hilfe von außen, die sie von den Verbrechen des NS-Regimes befreit hat. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob ein ähnlicher Weg auch für mein Land funktionieren kann. Mein einziger Wunsch ist der Frieden für die Menschen in Iran.
SWR Aktuell: Hast du Hoffnung, dass sich etwas verändert?
Sara: Ich hoffe von ganzem Herzen, dass der Preis, den wir bisher für unsere natürlichen Rechte bezahlt haben, nun genug ist. Der Iran ist ein reiches Land mit fleißigen und herzlichen Menschen. Er muss eines Tages zu seinem alten Glanz zurückkehren. Ich bin sicher: Dieser Tag wird kommen.
Ich kenne auch eine Person, die im Iran im Krankenhaus arbeitet. Sie hat erzählt, dass Ärzten Festnahmen angedroht wurden, wenn sie verwundeten Protestierenden helfen. Diesen Menschen zu helfen ist daher sehr schwer.
Ich bin sehr dankbar für das Glück, das mich nach Freiburg geführt hat.
SWR Aktuell: Wie hast Du Dein erstes Semester in Deutschland während dieser schweren Zeit erlebt?
Sara: Das erste Semester war sehr besonders für mich. Am Anfang habe ich mich in meiner Haut nicht wohl gefühlt und den Kontakt zu Anderen, besonders zu meinen Kommilitonen, gemieden. Aber diese Mauer ist gefallen. Das Kopfsteinpflaster der Fakultät, der blaue Himmel und die vielen Fahrräder vor der Universitätsbibliothek - das alles inspiriert mich sehr. Und ich genieße eine unglaubliche Ruhe an der Universität, auch wenn es jetzt in der Prüfungsphase natürlich etwas stressiger ist, aber ich bin sehr dankbar für das Glück, das mich nach Freiburg geführt hat. Das Studium hier ist voller Hoffnung. Die Professoren sind sehr offen und freundlich zu uns Studenten und es gibt viele Möglichkeiten, praktische Erfahrungen zu sammeln, was sehr motivierend ist.
SWR Aktuell: Wirst du in den Semesterferien nach Hause fahren, um deine Eltern zu sehen?
Sara: Leider kann ich meine Familie in nächster Zeit nicht besuchen. Ich denke, es ist vernünftiger, wenn ich hier erst einmal richtig ankomme und mich als Studentin stabilisiere, ich möchte mir hier eine sichere Basis aufbauen. Wenn ich mich sicher und bereit fühle, kann ich Sie mit einem ruhigen Gewissen wiedersehen.