Nördlich der Freiburger Altstadt wird kräftig gebuddelt, denn dort soll eine neue Oberfinanzschule mit Tiefgarage hin. Aber vorher dürfen die Archäologen im Untergrund noch retten, was zu retten ist. Es geht immerhin um ein Gelände, wo ab 1240 die erste mittelalterliche Stadterweiterung Freiburgs angelegt wurde.
Die sogenannte "Neuburg". Ein paar kleine Sensationen haben die Archäologen schon gefunden: eine frühere, mittelalterliche Straße - die Ziegelgasse. Und: Erstmals fanden sie mittelalterliche Töpferöfen für Keramik des 13. und 14. Jahrhunderts. Darin: Bruchstücke kleiner Tonfigürchen.
Duzende Spielfigürchen aus dem frühen 14. Jahrhundert ausgebuddelt
Er hat schon viel gesehen. Aber das ist ein besonderer Fund für Bertram Jenisch. Er ist der zuständige Archäologe vom Landesamt für Denkmalpflege (LAD) Baden-Württemberg im Regierungspräsidium Stuttgart.
Einer der hier tätigen Handwerker hat sich im frühen 14. Jahrhundert offenbar auf die Produktion von Spielzeug aus Ton spezialisiert.
Archäologen-Glück: Überraschende Funde in Freiburg
Solche Produktionsstätten für Keramik kannten die Archäologen in Freiburg bisher überhaupt nicht. Auf einen Schlag konnten sie gleich drei dieser Töpferöfen erfassen. Dass sie in dem einen dann doch die speziellen Figürchen entdeckten, sei schon eine kleine Sensation für die Stadtgeschichte von Freiburg, erklärt Bertram Jenisch. Mehr als 40 Figuren waren in dem Ofen: Ein tönernes Pferd, den Kopf eines Mannes mit Zipfelmütze oder eine Mutter, die ihr Kind auf dem Schoß hat. Deutlich erkennbar, obwohl die Figuren klein und eher einfach gehalten sind.
Die Figuren rühren an, weil sie Spiel darstellen. Es freut mich persönlich zu sehen, ja, es gibt diesen Alltag, über Krieg und Pest und religiöse Streitigkeiten hinaus.
Was die Figürchen über eine Kindheit im Mittelalter verraten
Womöglich waren die Kinder im Mittelalter gar nicht so anders als heute, vermutet Jenisch. Zumindest die wohlhabenderen und adligen hätten wohl mit den gefundenen Figürchen gespielt, wahrscheinlich auch Rollenspiele wie "Vater-Mutter-Kind und Tiere". Sie hatten offensichtlich Rasseln und Miniaturgeschirr, zeigen die Fundstücke.
Das sind alles Dinge, die uns einfach einen unmittelbaren Blick in die Alltagswelt von Kindern ermöglichen, den wir aus Schriftquellen so nicht kennen.
Einblicke in mittelalterliche Stadtplanung in Freiburg
Die sogenannte archäologische Rettungsgrabung, die im Vorfeld des Baus der neuen Oberfinanzschule seit Ende März läuft, biete einen großflächigen Einblick, sagt Jenisch. Die Vorstadt Freiburgs sei im Mittelalter sehr planmäßig angelegt worden.
Die Archäologen fanden auf dem rund 4.000 Quadratmeter großen Areal zwischen Albert- und Habsburgerstraße Mauerreste aus dem Mittelalter unter denen des alten Uniklinikums, das in der Bombennacht 1944 zerstört wurde. Anhand der Überreste konnten sie Pläne erstellen, wie die Stadt dort früher aussah.
Ziegelgasse und Keramiköfen nach mittelalterlichem Plan
Laut Jenisch zeigen die Ausgrabungen, dass man bei der Gründung der Neuburg unter Graf Konrad von Freiburg zunächst offenbar das Straßennetz festgelegt hatte. Die nun entdeckte mittelalterliche Ziegelgasse sei noch völlig intakt und nicht durch moderne Straßen oder Versorgungsleitungen überbaut, so Jenisch. Entlang der damaligen Gasse konnten die Archäologen eine Reihe von Handwerker-Häusern identifizieren. Parallel dazu sei ein mittelalterliches "Gewerbegebiet" abgegrenzt worden. Dort habe man damals die Keramiköfen errichtet - vermutlich aus Gründen des Brandschutzes, meint Jenisch.
Schon seit Jahrzehnten tauchen in der Region rund um Freiburg immer wieder mittelalterliche Keramiken auf - von Straßburg bis nach Basel. Damit war den Archäologen klar, dass irgendwo auch Brennöfen gestanden haben müssen. Aber wo - das wissen sie erst jetzt durch das Bauvorhaben Oberfinanzschule in Freiburg.