"Ich war schon auf dem Weg, mich umzubringen"

Was tun bei Gedanken an Suizid? Das raten eine Betroffene, ein Hinterbliebener und eine Expertin

Suizid ist ein Tabuthema. Dabei haben Tausende jährlich damit zu tun: als Betroffene oder Hinterbliebene. Wie kann man helfen, wenn jemand überlegt, sein Leben zu beenden?

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Von Autor/in Nicolas Friese

Eigentlich hatte sich Laura schon entschieden, sich das Leben zu nehmen. "Ich war erleichtert, hatte innerlich schon Abschied genommen und der Druck war abgefallen", berichtet sie. Doch dann kam eine Kleinigkeit dazwischen, die ihren Plan kreuzte. Laura, die anonym bleiben möchte, traf in dem Mehrfamilienhaus, in dem sie lebte, zufällig auf ihre ältere Nachbarin, die sie um einen Gefallen bat. "Das hat meinen Plan, mich umzubringen, erstmal umgeworfen", sagt sie im Gespräch mit dem SWR. Im ersten Moment habe die 30-Jährige, die in einer mittelgroßen Studierendenstadt in Baden-Württemberg lebt, Wut empfunden. Wut, dass sie ihr Vorhaben nicht direkt umsetzen konnte. "In dem Moment ist diese ganze Blase zerplatzt, in der ich mich aufhielt." Ihr wurde klar: "Ich muss endlich über das reden, was mich beschäftigt."

Laut Statistischem Bundesamt haben 2024 in Baden-Württemberg 1.336 Menschen Suizid begangen. Seit 2018 ist die Zahl immer weiter gestiegen, damals waren es noch 1.236 Menschen. Das baden-württembergische Gesundheitsministerium sagt auf SWR-Anfrage, man gehe außerdem von einer sehr hohen Dunkelziffer aus. Die Ursachen für Suizide werden nicht erfasst, so das Ministerium. Neben psychischen Erkrankungen könnten auch eine Vielzahl weiterer Faktoren wie Beziehungsprobleme oder Substanzmissbrauch das Risiko erhöhen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nahmen sich bundesweit 2024 rund 10.300 Menschen das Leben. Dabei begingen etwas drei Mal so viele Männer Suizid wie Frauen. Im Jahr 2023 war einer von ihnen Lukas‘ Vater.

Hinterbliebener: Nach dem Tod meines Vaters musste ich funktionieren

Lukas Ernst ist 30 Jahre alt und wohnt in Freiburg. Wenn er über den Suizid seines Vaters spricht, wirkt er überlegt und in sich ruhend. Vor etwa drei Jahren war er für ein Forschungspraktikum im Ausland, als eine Schwester ihn anrief und die schlechte Nachricht überbrachte. "In den darauffolgenden Tagen musste ich nur funktionieren", erzählt Lukas. Er sei sofort zurück nach Deutschland geflogen, vom Flughafen ging es zum Bestatter, dann konnte er ein letztes Mal seinen Vater sehen und Abschied von ihm nehmen. "Für Trauer war anfangs kein Platz und keine Zeit."

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Für den 30-Jährigen war jedoch klar, er müsse sich Hilfe holen, um die Geschehnisse besser verarbeiten zu können. "Ein paar Tage nach dem Tod meines Vaters ist meine Schwester auf den Arbeitskreis Leben aufmerksam geworden", berichtet Ernst. Der Arbeitskreis Leben (AKL) ist eine Beratung für Betroffene von Suizidgedanken, Hinterbliebene oder Menschen in Lebenskrisen. "Ich war damals mit der Situation absolut überfordert", sagt der 30-Jährige. Im Laufe eines Jahres habe er dort immer wieder über den Tod seines Vaters und die Trauer sprechen können. Bei den Gesprächen habe es ihm vor allem geholfen, das Gefühl zu bekommen, verstanden zu werden: "Wenn ich weiß, dass die Person, die vor mir sitzt, das Gleiche durchmachen musste, gibt mir das Sicherheit." Er sei nämlich von einer Helferin betreut worden, die ähnliches erlebt habe wie er.

Betroffene berichtet, wie Suizidprävention ihr Leben rettete

Auch für Laura war es hilfreich, über die Selbstmordgedanken zu sprechen. Wie sie berichtet, brachte eine toxische Beziehung sie an den Rand des Suizids. "Ich hatte niemanden, mit dem ich über das reden konnte, was in meiner Beziehung passiert", sagt sie. Ständig habe sie sich selbst die Schuld dafür gegeben, dass sie von ihrem damaligen Partner schlecht behandelt worden sei. Als sie sich dann an eine Organisation gewandt habe, die auf Suizidprävention spezialisiert ist, sei ihr in jedem Gespräch ein Stein vom Herzen gefallen. "Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich ein Gespräch mit einem Mann, der mich und meine Gefühle ernst genommen hat", erzählt Laura von den ersten Sitzungen. "Ich durfte leise und unsicher sein und ich durfte laut und wütend werden und ich war einfach sicher."

Sozialarbeiterin: Es ist wichtig, über Suizidgedanken zu sprechen

Clara Nordfeld hat schon viele Menschen betreut, die mit suizidalen Gedanken zu kämpfen hatten. Die Sozialarbeiterin ist seit etwa zehn Jahren beim Abeitskreis Leben. Sie sagt, ein Großteil der Menschen, die Hilfsangebote aufsuchen, seien Frauen. "Auch wenn sich Männer statistisch öfter das Leben nehmen, probieren es Frauen öfter", berichtet Nordfeld im Gespräch mit dem SWR. Im Umkehrschluss bedeute das, dass Männer die Selbstmordversuche konsequenter umsetzten. Was rät Nordfeld jedoch den Menschen, in deren Umkreis jemand suizidgefährdet ist?

Ich glaube, ganz oft ist es die Möglichkeit, offen über die eigenen Gefühle und die suizidalen Gedanken zu sprechen.

Laut Nordfeld ist es wichtig, potenzielle Betroffene gezielt auf Suizidgedanken anzusprechen. "Und ich glaube, dass es Menschen mit Suizidgedanken immer auch hilft, wenn man klarstellt, dass man den Plan nicht wegnimmt", führt Nordfeld aus. Man könne keine Gedanken verbieten, wichtig sei es, "ein Gefühl von Kontrolle über das eigene Leben zu geben". Sobald man merke, dass es einer Person im eigenen Umfeld nicht gut gehe, "sollte man nach Suizidgedanken fragen". Laut Nordfeld werden Suizide oftmals im Vorhinein angekündigt, "teilweise auch durch scherzhafte Kommentare". Das könne ein Versuch sein, sich mitzuteilen.

Warum ist es ein Tabu, über Suizid zu sprechen?

Ein Grund für die Stigmatisierung des Themas ist laut Clara Nordfeld, dass "wir generell schlecht mit dem Thema rund um den Tod umgehen können". Über Suizid zu sprechen, werde tabuisiert. "Dabei ist es umso wichtiger, dass wir darüber sprechen, weil es ein Thema ist, das in der Gesellschaft präsent ist."

Das sieht auch Lukas Ernst so, dessen Vater sich das Leben nahm. Der sei schon immer etwas zurückgezogener gewesen, habe seine Gedanken und Probleme für sich behalten. "Es hilft, wenn man seinen Gedanken Raum gibt und über das spricht, was einen beschäftigt", sagt Ernst. Dabei sei es wichtig, dass das Umfeld, Betroffene und Hinterbliebene nachfragen: "Es ist immer besser, die Person zu fragen, wie es ihr geht, als einfach nichts zu sagen." Mittlerweile engagiert er sich ehrenamtlich beim AKL und betreut Menschen, denen ähnliches widerfahren ist wie ihm. "Ich habe gemerkt, dass ich gerne auch für andere da sein und ihnen helfen möchte", sagt er.

Seitdem sich Laura Hilfe geholt hat und über ihre Probleme sprechen konnte, geht es ihr viel besser, erzählt sie. Teilweise mache sie sich noch Vorwürfe. Trotzdem sei sie froh um die Hilfe, die sie bei der Suizidprävention bekommen habe, und darüber, dass ihr zugehört wurde.

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Autor/in
Nicolas Friese
SWR-Redakteur Nicolas Friese.

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