Erfolgreicher Archäologe feiert 65. Geburtstag

Nicholas Conard: Tübinger Erforscher der Eiszeitkunst kommt ins Rentenalter

Sein Alter ist ihm völlig egal. Denn er macht einfach weiter. Der Archäologe gräbt in den Höhlen der Alb, forscht in fernen Ländern und stellt seine Funde im Museum aus.

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Von Autor/in Andrea Schuster

Der Tübinger Archäologe freut sich immer noch an den Schätzen, die er mit seinem Team aus dem Boden geholt hat. Und hofft auf weitere. Auch wenn er am 23. Juli seinen 65. Geburtstag feiert, wird Nicholas Conard seine Spaten und Pinsel nicht zur Seite legen. Kein Gedanke an den Ruhestand. Denn so viel kann noch entdeckt werden, und sein großes urgeschichtliches Wissen ist nicht nur an der Uni Tübingen gefragt. In wenigen Tagen etwa, am 29. Juli, präsentiert er in Blaubeuren wieder den nächsten "Fund des Jahres".

Seine 65 sieht man ihm nicht an, und er sagt selber, er sei noch fit und habe nicht vor, irgendetwas zu ändern. Nur manchmal, wenn es heiß ist auf einer Grabungsstelle, merkt er, dass er keine 20 mehr ist. Aber dafür, schmunzelt er im SWR-Interview, habe er mehr Erfahrung als die jüngeren Kollegen. Ansonsten ist er zuversichtlich, dass er noch lange so weitermacht wie bisher. Seine Eltern sind jetzt über 90 - und noch fit. Also, geht doch.

In seiner Heimat USA fing es an mit den Ausgrabungen

Wenn er seine Eltern und Geschwister sehen will, muss er in die USA reisen, nach Ohio. Dort ist er geboren und aufgewachsen, hat als Teenager mit der Archäologie angefangen. Inzwischen fühlt er sich aber als Tübinger. Er kam mit Anfang 20 nach Deutschland, studierte außer Ur- und Frühgeschichte noch Chemie und Ethnologie und machte danach schnell Karriere.

Das Mammut vom Vogelherd, eine Elfenbein-Skulptur aus der Altsteinzeit, in einer Vitrine im urgeschichtlichen Museum Blaubeuren.
Vollständig erhalten: Das Mammut aus Elfenbein, das im Lonetal (Kreis Heidenheim) gefunden wurde. urmu - Museum für Urgeschichte und Eiszeitkunst

Nicholas Conard: glücklich an der Uni Tübingen

Mit 34 Jahren bekam er an der Uni Tübingen einen Lehrstuhl, leitete einen Sonderforschungsbereich und wurde Direktor des Urgeschichtlichen Museums Blaubeuren. Bis heute ist er leidenschaftlich Chef in Blaubeuren. Lehre und Forschung in Tübingen machen ihn ebenso glücklich, erzählt er. Und auch stolz:

Wenn etwas bleibt von dem, was ich gemacht habe, dann sind das die vielen Leute, die ich ausgebildet habe.

Das stimmt so natürlich nicht. Was bleibt von seinem Forscherleben, sind spektakuläre Kunstwerke, kleine Figuren, die rund 40.000 Jahre alt sind: Tiere, Schmuckstücke, Musikinstrumente aus Elfenbein. Allen voran das Mammut aus der Vogelherdhöhle, das vor gut zwanzig Jahren im Lonetal (Kreis Hedenheim) gefunden wurde und seither das Publikum begeistert. Oder, ebenfalls vom Vogelherd, der Löwenkopf. Und natürlich die Venus vom Hohlefels. Er fühle sich den Höhlen auf der Schwäbischen Alb nach so vielen Jahren eng verbunden, sagt er.

Wissen, was war, hilft den Menschen

Doch Conard verlässt auch gerne das Heimische. In Syrien hat er gegraben, in Tansania und Südafrika, an den Pyramiden von Gizeh. Ihn reizen andere Kulturen aus anderen Epochen. Überhaupt sieht der dreifache Familienvater vieles in einem großen Zusammenhang.

Wie kann man das, was wir gegenwärtig machen, verstehen und sinnvoll kritisch betrachten, wenn wir keine Ahnung von der Vergangenheit haben?

Nur wer die Vergangenheit kennt, glaubt er, könne auch gute Entscheidungen für die Zukunft treffen. Das Graben in verschiedenen Bodenschichten ist - zusammen mit modernsten wissenschaftlichen Methoden - ein garantierter Erkenntnislieferant.

Der Archäologe Nicholas Conard steht im Grabungsbereich der Höhle "Hohle Fels". Auch dort hat er bedeutende Kunstfiguren aus Elfenbein entdeckt.
Seit Jahrzehnten einer seiner wichtigen Arbeitsplätze: Archäologe Nicholas Conard 2018 in der Höhle "Hohle Fels" bei Schelklingen. picture alliance/dpa | Marijan Murat

Das Land profitiert, und der Mensch auch

Conard sorgt dafür, dass die Funde und Erkenntnisse unter die Leute kommen. In seine Arbeit zu investieren, zahle sich für Baden-Württemberg aus. Denn wer sonst könne die wahrscheinlich ältesten plastischen Kunstwerke der Menschheit vorweisen? Eben, Baden-Württemberg.

Und natürlich profitieren von den Funden die Menschen, die zum Teil von weit her anreisen, um sie zu sehen. Manchmal, erzählt Conard, gehe er in die Ausstellung und sehe, mit viel Begeisterung und Hingabe die Figürchen betrachtet werden. In der heutigen Welt mit ihrer Schnelligkeit, dem Wegwerfkonsum und den Kriegen, könne es eine Bereicherung sein, sich mit der Eiszeitkunst zu beschäftigen. Es gehe um ein anderes Tempo, um die Frage: Was ist der Mensch? Wo kommen wir her? Natürlich kann man in die Kirche gehen, um Antworten zu bekommen. Aber Nicholas Conard ist überzeugt, dass man die echten Antworten in der Erde findet, im Gelände - und nur da.

Logisch also, dass ihm sein 65. Geburtstag nicht viel bedeutet. Was ist schon eine kleine Zahl wie 65?

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Autor/in
Andrea Schuster
Andrea Schuster arbeitet in der aktuellen Redaktion des SWR in Tübingen

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