Prozessauftakt am Landgericht Tübingen

Wollte er seine Nachbarin im Schlaf ersticken? Angeklagter spricht von "Schlafwandeln"

Ein 20 Jahre alter Tübinger soll versucht haben, seine Nachbarin zu töten. Deshalb muss er sich seit Donnerstag vor dem Landgericht verantworten.

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Von Autor/in Florian Dürr

Der Prozess gegen einen 20-Jährigen wegen versuchten Mordes an seiner Nachbarin hat am Donnerstag vor der Jugendkammer des Landgerichts Tübingen begonnen. "Es war wie Schlafwandeln", sagt der Angeklagte in seinem vorbereiteten Statement. Plötzlich habe er im Zimmer seiner Nachbarin gestanden. Er wisse selbst nicht, wie er dorthin gekommen ist.

Er leugne nichts, könne sich aber an vieles nicht erinnern. Was er seiner Nachbarin angetan habe, tue ihm "unendlich leid". Im Oktober vergangenen Jahres hat er laut Tübinger Staatsanwaltschaft versucht, seine Nachbarin im Schlaf zu ersticken. Als ihm dies nicht gelang, habe er sie im Treppenhaus über ein Geländer stoßen wollen. Ebenfalls mit dem Ziel, sie zu töten.

Nachbarin beißt dem mutmaßlichen Täter in die Finger

Der junge Mann mit sportlicher Statur trägt Kurzhaarfrisur, sein Hemd sitzt locker, um seine Beine liegt eine Fußfessel. Den Prozessauftakt verfolgt er mit leicht nach vorne hängenden Schultern. Sein Blick wirkt fast verunsichert, er zeigt Reue. Vor der Tat habe er einen langen Streit mit seiner Freundin gehabt und währenddessen viele Tabletten eingenommen, sagt er.

Nach diesem Streit habe er das nächstliegende Opfer gesucht, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Die Nachbarin in der gegenüberliegenden Wohnung. "Ich glaube, ich habe ihr die Hände auf Mund und Nase gelegt, aber ich wollte sie nicht ersticken", sagt der 20-Jährige. Als die Nachbarin ihn in seine Finger biss, sei er aufgeschreckt und habe sich gefragt: "Was mache ich hier?" An die anschließende Situation im Treppenhaus könne er sich nicht erinnern.

Motiv bleibt unklar, Rätsel um die eingenommenen Medikamente

Das konkrete Motiv bleibt unklar. Auch ein Kripo-Beamter berichtet vor Gericht, dass man dazu nur spekulieren könnte. Aus Chatnachrichten mit seiner Mutter und seiner Partnerin habe die Polizei erfahren: Der Angeklagte wollte gerne aus der Wohnung seiner Eltern in die seiner Nachbarin ziehen.

Ein Rätsel sind auch die eingenommen Medikamente: Es sei bei dem Mann zwar eine hohe Dosis eines Epilepsie-Medikaments gemessen worden. Doch laut Toxikologen dürfte der Angeklagte mit dieser Menge nicht in der Lage gewesen sein, die Tat zu begehen, berichtet der Kripo-Beamte. In anderen Fällen habe diese Dosis sogar tödlich gewirkt.

Der Angeklagte möchte sich bald auch persönlich bei seiner Nachbarin entschuldigen. Die Frau hat sich direkt nach dem Angriff stationär in einer psychiatrischen Klinik behandeln lassen, um die Geschehnisse jener Nacht zu verarbeiten. Der letzte der insgesamt acht Prozesstage ist für Mitte Juni angesetzt.

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Autor/in
Florian Dürr
Der Mitarbeiter des SWR Studio Tübingen Florian Dürr

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