Etwa tausend Menschen haben sich am Mittwoch im Ulmer Münster zu einem besonderen Gottesdienst versammelt - im Gedenken an 50 Menschen, die ihren Körper nach ihrem Tod der Forschung überlassen haben. Im Gottesdienst waren Angehörige, Studierende, Freundinnen und Freunde. Es ist das erste Mal, dass die Studierenden die Angehörigen sehen. Und das erste Mal, dass sie die Namen der Spender erfahren.
"Und damit möchte ich mich direkt an die Angehörigen wenden", sagt der Medizinstudent, der an dem hölzernen Rednerpult im Ulmer Münster steht. In den Reihen fängt ein Mann an zu weinen. Der Jugendliche, der neben ihm sitzt, legt ihm mitfühlend den Arm um die Schulter.
Studierende lernen dank Körperspendern
Am Anatomischen Institut der Universität Ulm sind rund 3.500 Körperspenderinnen und Körperspender registriert. Etwa 50 Leichname brauchen angehende Medizinerinnen und Mediziner pro Jahr für ihren Anatomiekurs. Nur durch die Spenden können sie lernen, wie der menschliche Körper aufgebaut ist - und wie es sich anfühlt, mit und an einem Menschen zu arbeiten.
Der Anatomiekurs stellt die Studierenden des dritten Semesters vor mehrere Herausforderungen, erzählt Ulrich Fassnacht, Facharzt für Anatomie und Leiter der Prosektur, also Leiter der Leichenschau, an der Universität Ulm: "Für manche ist es der erste Kontakt zu einer Verstorbenen oder einem Verstorbenen. Das kann psychisch belastend sein und ist immer sehr emotional." Zusätzlich stehe eine riesige Menge an Lernstoff an. Der Kurs gilt als einer der anspruchsvollsten des Medizinstudiums.
Für manche ist es der erste Kontakt zu einer Verstorbenen oder einem Verstorbenen. Das kann psychisch belastend sein und ist immer sehr emotional.
Nur, wenn die angehenden Medizinerinnen und Mediziner in das Innere blicken und sich mit dem Skalpell erproben können, lernen sie die Arbeit an ihren späteren Patientinnen und Patienten. Oder, wie es einer der Studierenden in seiner Rede auf dem Gottesdienst formuliert: "Es zählt nicht allein das Fachwissen, sondern der Mensch selbst. Dank der Spenderinnen und Spendern eignen wir uns Respekt, Empathie und Verantwortung an."
Grundsätzlich ist es allein die Entscheidung der Spenderinnen und Spender, ob sie ihren Körper nach dem Tod zur Verfügung stellen, sagt Ulrich Fassnacht. Diese kann jederzeit von der betreffenden Person widerrufen werden.
Ulrich Fassnacht bittet jedoch dringend darum, die Entscheidung mit den Angehörigen abzusprechen. Die Spende könne eine Belastung für Familie und Freunde darstellen, da die Bestattung erst ein bis eineinhalb Jahre nach dem eigentlichen Tod stattfinden kann.
Die Universität kann die Körperspende auch ablehnen. Das kommt vor, wenn die Spenderin oder der Spender bereits Organe gespendet hat, oder der Körper stark versehrt ist, zum Beispiel nach einem Unfall.
Jeder entwickelt seine eigenen Rituale. Ich habe mir irgendwie angewöhnt, dass ich immer bevor und nachdem ich aus dem Kurs gehe, meinem Körperspender ins Gesicht schaue und ihm danke.
Den Studierenden ist bewusst - für ihre Arbeit müssen sie emotionalen Abstand schaffen. Dennoch: "Jeder entwickelt seine eigenen Rituale. Ich habe mir angewöhnt, dass ich immer bevor und nachdem ich aus dem Kurs gehe, meinem Körperspender ins Gesicht schaue und ihm danke", sagt Medizinstudentin Liz Höltgen.
Trauer beim Abschied vom Körperspender
Jede Studierendengruppe arbeitet das ganze Semester über mit einem Spender. Es baut sich dadurch eine gewisse Beziehung zu dem Menschen auf, sagt Liz Höltgen: "Gerade in den letzten Tagen, wo sich die Zeit mit dem Körperspender dem Ende zuneigt, ist es spannend, dass man da auch Trauer empfindet - einem Menschen gegenüber, den man nie Lachen gehört hat, aber zu dem man trotzdem eine Beziehung aufgebaut hat."
Gerade in den letzten Tagen, wo sich die Zeit mit dem Körperspender dem Ende zuneigt, ist es spannend, dass man da auch Trauer empfindet - einem Menschen gegenüber, den man nie Lachen gehört hat, aber zu dem man trotzdem eine Beziehung aufgebaut hat.
Um genau das soll es laut Ulrich Fassnacht auch gehen: Der Respekt vor den Spenderinnen und Spendern, der Respekt vor dem menschlichen Körper. Die Gedenkfeier ist auch für die angehenden Medizinerinnen und Mediziner eine Möglichkeit, sich zu verabschieden.
Lernen an einem gespendeten Körper endet nach etwa einem Jahr
Die Leichen werden nach dem Kurs eingeäschert und daraufhin nach Wunsch des Toten beigesetzt. Möglich sind drei Formen: als anonyme Beerdigung, mit einem Namensgrab auf dem Gräberfeld der Universität auf dem städtischen Hauptfriedhof in Ulm, oder die Urne wird zum Familiengrab gebracht.
Bis auf einen Grabstein übernimmt die Universität die Kosten für die Kremierung und Beisetzung. Wird der Körper im Familiengrab beigesetzt, fallen die Kosten teils den Angehörigen zu. Aus ethischen Gründen bekommen die Freiwilligen kein Geld dafür, dass sie ihren Körper spenden.
Zum Abschied ein gemeinsamer Gottesdienst
Gemeinsam mit dem evangelischen Hochschulpfarrer Stephan Schwarz und dem katholischen Hochschulpfarrer Michael Zips haben die Studierenden den Gottesdienst vorbereitet. Sie schreiben Trauerreden, singen im Chor oder lesen die Fürbitten. Jede und jeder auf ihre oder seine ganz eigene Art.
In der Kirchenreihen sitzen viele Angehörige, oft wird ein Taschentuch aus der Jacke gezogen. Nach der Feier gehen sie an den Tisch, auf dem die roten Kerzen für die Verstorbenen stehen. Eine von ihnen ist Anette Zeller.
Bevor sie andächtig die Kerze ausbläst, wischt sie sich die grauen Haare aus dem Gesicht. "Heute konnte ich nochmals Abschied von meiner Bekannten nehmen, die Trauerfeier war sehr gelungen", sagt sie. Es ist der zweite Anatomie-Gottesdienst, den sie erlebt - der Mann der Bekannten war ebenfalls Spender.
Auch Anette Zeller hat sich vor Kurzem mit dem Institut in Verbindung gesetzt und überlegt, ihren Körper der Wissenschaft zu überlassen. Sie erklärt: "Mein Sohn hat Medizin studiert und so habe ich nochmals gehört, wie wichtig diese Spende für die Ärzte ist. Für mich ist auch der Gedanke schön, nach dem Tod noch etwas Gutes tun zu können."